Patriotismus Die bleierne Schwere verpasster Medaillen

Die australischen Sportler waren ausgezogen, um bei den Spielen für anhaltenden Medaillenregen zu sorgen. Doch der Enthusiasmus ihrer Landsleute hat manchen Olympioniken die Beine gelähmt.


Matt Shirvington: "Mein Kopf wollte"
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Matt Shirvington: "Mein Kopf wollte"

Sydney - Matt Shirvington konnte nicht glauben, was da soeben passiert war. Starr hockte der Sprinter auf der Tartanbahn, den Blick nach unten, die Finger im Haarschopf vergraben. Der Australier hat den Endlauf über 100 Meter verpasst. "Mein Kopf wollte, aber mein Körper hat es nicht getan."

Das Unheil begann, als Shirvington im Stadium Australia vorgestellt wurde. Die Zuschauer gerieten schier aus dem Häuschen. Sie wollten Shirvington beflügeln und sie bewirkten das Gegenteil. "Ich glaube, Matt war nervöser als ich es war", beobachtete Maurice Green, der spätere Olympiasieger.

Das Drama um Matt Shirvington hat in Australien eine Debatte entfacht. "Brechen unsere Athleten unter der Last der Erwartungen zusammen?", fragt die Tageszeitung "The Australian" bang. Denn nicht nur in Deutschland, auch im Gastgeberland werden die Medaillen akribisch gezählt.

60-mal Edelmetall, davon 20-mal Gold, hieß das Ziel. Nach zehn Tagen hat Australien 12-mal Gold errungen - die Vorgabe ist kaum noch zu erfüllen. Australien zählt nicht mehr die gewonnenen Medaillen, sondern die verpassten. Die Schwimmer sollten so viele Siege holen wie seinerzeit in Melbourne 1956: acht. Es wurden fünf, weil Ian Thorpe, Michael Klim und Susie O'Neill dreimal auf dem Silberplatz ankamen, obwohl sie als Favoriten gestartet waren.

"Ich habe versucht, die Augen zu schließen und nicht an die Fans zu denken", berichtete Susie O'Neill nach ihren zweiten Platz über 200 Meter Schmetterling. Es funktionierte nicht.

Die Ablenkung sei enorm, gestand der Hürdenläufer Kyle Vander-Kuyp nach seinem enttäuschenden Auftritt. Vor allem im mit 110.000 enthusiastischen Menschen gefüllten Olympiastadion scheint es schwer, die nötige Konzentration zu finden. Der Hochspringer Tim Forsyth, der in Barcelona 1992 mit 2,34 Metern Bronze gewann, schied in Sydney bereits in der Qualifikation bei 2,24 Metern aus.

Niemals zuvor hätten sie eine so tolle Unterstützung durch die Zuschauer an der Regattastrecke erlebt, lobten Ruderer vieler Nationen die Verhältnisse in Penrith. Für die Australier zahlte sich die Anfeuerung nicht aus: Der hochfavorisierte Achter wurde nur Zweiter. "Einige Athleten", urteilt der australische Sportpsychologe Michael Martin, "finden keine Antwort auf die Fans." Aber genau das sei es, "was mentale Stärke ausmacht".



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