Biedermanns letztes Einzelrennen "Dann muss ich jetzt damit zufrieden sein"

Paul Biedermann wollte "einen schönen Abschluss nach 18 Jahren Leistungssport". Es wurde Platz sechs auf seiner Paradestrecke. Zum Abschluss seiner Karriere machte der Schwimmer gute Miene zum bösen Ende.

Paul Biedermann beendet seine Karriere
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Paul Biedermann beendet seine Karriere

Aus Rio de Janeiro berichtet


Zehn Minuten - so lange, sagte Paul Biedermann, werde er brauchen, um sich mit den Ereignissen des Abends anzufreunden. Zehn Minuten, um aus einem enttäuschenden sechsten Rang über 200 Meter Freistil irgendwie einen versöhnlichen Abschluss seiner Karriere zu konstruieren. Wenn man jedoch um die Eckpfeiler dieser Karriere weiß, um seine größten Triumphe und seine empfindlichsten Niederlagen, dann ist es schwer vorstellbar, dass es nur zehn Minuten dauern würde, bis Paul Biedermann dieses letzte große Einzelrennen seiner Karriere unter der Rubrik "zufriedenstellend" ablegen kann.

Rückblick: Biedermanns Reise nach Rio de Janeiro hatte bereits vor drei Jahren begonnen. Damals fragte er sich zum wiederholten Male: Wozu das alles noch? Doch Deutschlands Vorzeigeschwimmer hatte sich in jenem Sommer nach krankheitsbedingter Saisonabsage schnell entschieden: "So soll es dann auch nicht enden."

Enden sollte es stattdessen mit einem positiven Olympia-Erlebnis: "Die Spiele sollen mein Abschiedswerk werden", sagte Biedermann, der just am Sonntag 30 Jahre alt geworden war, noch wenige Tage vor Beginn der Wettkämpfe. Und er sagte auch: "Klar ist eine Medaille ein Traum, aber davon hängt mein Seelenheil nicht mehr ab. Ich möchte einfach nur einen schönen Abschluss für mich nach 18 Jahren Leistungssport." Sechster über seine Lieblingsstrecke, dazu langsamer als in den Rennen zuvor - das hatte er damit sicher nicht gemeint.

Am Ende fehlt Biedermann die Kraft

Tatsächlich hätte es durchaus eine Medaille werden können, räumte auch Biedermanns Trainer Frank Embacher nach einem Blick auf die Ergebnisse ein. "Paul musste schon in Vorlauf und Halbfinale voll gehen, sonst hätten wir uns verpokert", sagte Embacher. "Da fehlte im dritten Rennen halt die berühmte Schippe, die man noch hätte drauflegen müssen."

Paul Biedermann verpasste eine Medaille deutlich
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Paul Biedermann verpasste eine Medaille deutlich

Nun werden Biedermanns wichtigste Rennen jene Rennen bleiben, in denen er vor sieben Jahren seine mit Abstand größten Erfolge gefeiert hatte. Es war 2009 bei der WM in Rom, als Biedermann auf dem Höhepunkt der mittlerweile verbotenen Hightech-Anzüge mit Doppel-Gold und Weltrekorden über 400 und 200 Meter Freistil überraschte. Doch statt Respekt erntete er für dieses WM-Wunder nur Misstrauen, habe er seinen Erfolg doch einzig seinem Anzug zu verdanken, unkte nicht zuletzt der bis dato auf den 200 Metern ungeschlagene US-Superstar Michael Phelps.

Es dauerte zwei Jahre, bis Biedermann den Anzug abstreifen, bis er der Konkurrenz und nicht zuletzt auch sich selbst mit doppeltem WM-Bronze beweisen konnte, dass er auch in Badehose schnell schwimmen kann. Als einer der Besten der Welt reiste er ein Jahr später nach London. Olympia 2012 - das sollten seine Spiele werden. Doch es kam bekanntlich anders. Der fünfte Platz über seine Lieblingsstrecke war international nur eine Randnotiz. Und ein Tiefschlag, von dem Biedermann sich nur mühsam erholte.

Biedermann wird entspannter und gelassener

Tatsächlich hatte sich Biedermann nach reiflicher Überlegung und einer wohltuenden Zeit "außerhalb der Schwimmblase" entschieden, nach vorne zu schauen, noch einmal durchzustarten - nur um einige Wochen nach dem Neustart die WM-Saison 2013 krankheitsbedingt frühzeitig für beendet zu erklären. Wieder musste er sich mental aufrappeln, was ihm gelang. Nach einem zweiten Rang bei der EM 2014 in Berlin und einem respektablen dritten Platz bei der WM im russischen Kasan 2015 startete er in Rio seine Abschiedstour, entspannter und gelassener, als er sich viele Jahre präsentiert hatte.

Nach seinem letzten Einzelfinale über seine Lieblingsstrecke hatte er sich die passenden Aussagen für die Presse bereits zurechtgelegt. "Schade" sei es. "Ich habe alles gegeben, es war das, was ich zu leisten im Stande war." Dass er sich nicht noch einmal steigern konnte, sei "natürlich ärgerlich. Aber hey, wenn ich es nicht schwimme, kann ich mich auch nicht drüber ärgern." Und er sagte: "Als ich angeschlagen habe, wusste ich: Das war das Maximum. Und ich habe mir gesagt: Dann muss ich jetzt damit zufrieden sein."

Ob ihm das wirklich gelungen ist, wird die heutige Staffel über 4 x 200 Meter Freistil zeigen.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
pankoken 09.08.2016
1. Danke
Danke, lieber Paul, für die vielen Jahre mit tollem Sport. Du bist für alle Schwimm-Kids das große Vorbild. Hoffentlich bleibst du dem Schwimmsport wie auch immer erhalten. Alles Gute.
suplesse 09.08.2016
2. Würde mich nicht wundern!
Wenn der Medaillienspiegel der Deutschen ziemlich Mau ausfällt. In Deutschland liegt der Schwerpunkt inzwischen eindeutig nur noch auf Fussball. Man beachte die Berichterstattung in den öfentlich rechtlichen Medien. Nachwuchsförderung in anderen Sportarten erfolgt größtenteils nur ehrenamtlich mit ganz schmalen Budget und unermüdlichen Einsatz der Eltern. Das hat seine Grenzen und das wird jetzt sichtbar. Um das zu ändern, brauchts ein intensives Nachwuchsförderprogramm. Passiert aber nicht. Hier und Da wird dann vielleicht gedopt, um den Kahn nicht gänzlich vor die Wand zu fahren.
testuser2 09.08.2016
3. Diskussionen über erneut schlechtes Abschneiden werden kommen - da hilft der Fingerzeig auf die bösen Russen nicht
Schade für die einzelnen Schwimmer und der Abschluss der Karriere Paul Biedermanns hätte besser sein können. Im Rückblick wird aber nicht nur der Abschluss gesehen und das wird er auch nicht tun. Auf das erneut sehr schlechte Abschneiden der Deutschen Schwimmer reagieren die Deutschen Sportkommentatoren trotzig und mit Schadenfreude, indem sie auf die "böse" russische Schwimmerin Efimova (Putins Schwimmerin) verweisen und ihr die Tränen nach der Niederlage gegen die US-Amerikanerin von Herzen gönnen. Die Schadenfreude wird nicht von den eigenen Unzulänglichkeiten ablenken. Die Diskussionen um das schlechte Abschneiden werden kommen - und der Fingerzeig auf die bösen Russen wird da nicht helfen.
spon-facebook-1582946237 09.08.2016
4.
Anstatt darüber zu diskutieren wie schlecht die Deutschen abschneiden, könnte man vielleicht anerkennen, dass in anderen Ländern eben auch Menschen leben die sportliche Höchstleistungen liefern können. Völlig überflüssig darüber zu spekulieren, ob man mit mehr Geld und noch mehr Aufwand dann irgendeinen Sieger "züchten" könnte. Wer sich mit Leistungssport auskennt, der weiß, dass auch die deutschen Spitzensportler ihr gesamtes Leben an ihrem Sport ausrichten müssen - und trotzdem ist es eben sehr wahrscheinlich, dass irgendwo auf dieser Welt noch ein stärkerer lebt.
rumsi 09.08.2016
5. wer nur annähernd ...
dieses Trainingspensum eines Schwimmers selbst einmal "durchgeführt" hat, wird erst wertschätzen, was es bedeutet, einen 6.Rang bei Olympia zu erreichen.Aber es zählen wohl nur die ersten drei Plätze.Erreicht man jedoch den 3. Platz ... heisst es dann : "Nur Dritter!" Typisch Deutsch.
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