Petra Haltmayr "Das ist der reine Wahnsinn"

Nach ihrem überraschenden Sieg bei der Abfahrt in Lake Louise hat die junge Allgäuerin ein Ausrufezeichen in der alpinen Weltspitze gesetzt. Mit Freude wurde dies vom DSV-Cheftrainer registriert.


Petra Haltmayr: "Wie der Blitz aus heiterem Himmel"
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Petra Haltmayr: "Wie der Blitz aus heiterem Himmel"

Lake Louise - Als ihr das Meisterstück gelungen war, fiel sie einfach nach hinten um und legte sich rücklings in den Schnee von Lake Louise. "Das gibt's ja nicht", stammelte Petra Haltmayr immer wieder und schloss kurz die Augen. "Das ist doch der reine Wahnsinn. Ich weiß wirklich nicht, was da heute mit mir abgegangen ist."

Cheftrainer Wolfgang Maier erging es ähnlich, auch der erfahrene Coach rätselte über das unverhoffte Glück: "Dass sie gut drauf ist, wussten wir. Einen Platz zwischen 5 und 15 hätte ich ihr zugetraut. Aber dass sie hier gewinnt, damit hat keiner gerechnet. Das kommt wie der Blitz aus heiterem Himmel."

Die allgemeine Verblüffung im deutschen Lager war verständlich. Mit der hohen Startnummer 28 raste Petra Haltmayr bei der ersten Weltcup-Abfahrt der jungen Skisaison im kanadischen Lake Louise zum ersten großen Sieg ihrer Karriere. In 1:34,71 Minuten fing sie die lange führende Italienerin Isolde Kostner (1:34,81) gerade noch ab, die nach drei Trainingsbestzeiten auf der 2700 Meter langen "Olympiapiste" als klare Favoritin gegolten hatte. Auf Platz drei landete Österreichs Weltmeisterin Renate Götschl (1:34,98).

Die zwei besten Abfahrerinnen der Welt hinter ihr, urplötzlich auf den Spuren von Katja Seizinger, die als letzte Deutsche 1997 in Lake Louise gewonnen hatte, dazu noch der erste Abfahrtssieg einer Deutschen seit Hilde Gerg 1998 in Veysonnaz - kein Wunder, dass Petra Haltmayr auch Stunden nach dem Überraschungscoup noch leicht durcheinander war.

Abends im Mannschaftshotel "Chateau Louise" gönnte sie sich ein Gläschen Sekt, begreifen aber konnte sie "den größten Tag ihres Ski-Lebens" immer noch nicht. "Wenn überhaupt, dann hätte ich an einen Sieg im Super-G oder Riesenslalom gedacht, aber nicht in der Abfahrt", sagte die schwarzgelockte Allgäuerin. "Ich hatte keine Erwartungen, ich wollte nur gut ins Ziel kommen. Es ist schon ein Wahnsinnsgefühl, wenn dein Name ganz oben steht. Dafür habe ich all die Jahre trainiert. Nun macht sich die ganze Mühe bezahlt."

Petra Haltmayr bei ihrer historischen Abfahrt in Lake Louise
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Petra Haltmayr bei ihrer historischen Abfahrt in Lake Louise

Als zusätzlichen Lohn gab es insgesamt 90.000 Mark, 37.500 Mark Preisgeld und 52.900 Mark vom DSV-Skipool. Sibylle Brauner (Aising-Pang) und die lange verletzte Hilde Gerg (Lenggries) rundeten den erfolgreichen Tag mit den Plätzen 13 und 22 ab. Nur Martina Ertl erhielt einen Dämpfer. Nach guter Zwischenzeit verfuhr sich die 27-jährige Lenggrieserin im flachen Gleitstück vor dem Ziel und landete mit über zwei Sekunden Rückstand auf Platz 34.

"Ehrlich gesagt: Heute habe ich Scheiße gebaut", gestand Ertl geknickt: "Ich habe auf das Außentor geschaut und die Linie verloren. So etwas darf nicht passieren." Trotz des ungewöhnlichen Blackouts behauptete sie ihre Weltcup-Führung mit 346 Punkten vor der Kroatin Janica Kostelic (239).

Petra Haltmayr machte es besser. Lange Zeit galt die 25-Jährige aus Rettenberg als großes Talent, das im Training allerdings den nötigen Einsatz vermissen ließ. Vor zwei Jahren stand die Abiturientin schon vor dem Abstieg in den Förderkader, als Konsequenz stieg sie von den technischen auf die schnellen Disziplinen um. Der Erfolg gab ihr recht. Mit Platz zwei bei der Abfahrt von Lenzerheide machte sie im März 2000 erstmals auf sich aufmerksam.

Das Erfolgserlebnis machte ihr Mut, dennoch bewertete sie es nicht über: "Damals habe ich mit einer hohen Nummer von den besser werdenden Verhältnissen profitiert." Die junge Dame weiß, was sie will, und kann einschätzen, was sie kann. Wolfgang Maier jedenfalls war sichtlich froh, eine neue Siegfahrerin in seinem Rennstall zu haben. "Ich hatte schon die Befürchtung, dass dieser Winter zur Ein-Mann-Show von Martina Ertl wird", gestand der Trainer: "Es ist gut zu wissen, dass der Erfolg auf mehreren Säulen ruht."

Von Markus Seyrer, sid



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