Plötzlicher Herztod im Sport "Leistungssport ist gefährlich fürs Herz"

Sie scheinen stark und gesund, trotzdem sterben immer wieder junge Sportler an plötzlichem Herztod  - wie jüngst Schwimmweltmeister Alexander Dale Oen oder Fußballprofi Piermario Morosini. Kardiologe Prof. Thomas Meinertz erklärt im Interview, warum das Herz von Athleten besonders gefährdet ist.
Fußballer Muamba: Brach während eines Spiels zusammen, überlebte aber

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Foto: Richard Heathcote/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Der Tod des offenbar kerngesunden Schwimmers Alexander Dale Oen hat die Sportwelt schockiert. Sein Herz blieb einfach stehen, mit 26 Jahren. Wie kann das sein?

Meinertz: Möglicherweise hatte er eine Herzkrankheit, die mit den üblichen Methoden nicht diagnostiziert wurde. Oder einen angeborenen, nicht erkannten Herzfehler, der dann unter den extremen Trainingsbelastungen Rhythmusstörungen ausgelöst hat.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Leistungssportler nicht regelmäßig kardiologisch untersucht werden?

Meinertz: Natürlich, sonst würden sie von den Verbänden gar nicht zugelassen. Ihre Herzen werden in festen Abständen mit Kardiogrammen, Ultraschall und anderen bildgebenden Verfahren untersucht. Aber nicht alle Herzerkrankungen lassen sich so ausschließen. Außerdem kann der Sportler während der körperlichen Belastung auch akut von einer Viruserkrankung befallen sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum lassen Trainer oder Ärzte kranke Sportler dann überhaupt trainieren?

Meinertz: Weil die Athleten oft nicht darüber sprechen, wenn sie eine Infektion der oberen Atemwege oder des Magen-Darm-Trakts haben. Sie wissen genau, dass das eine mehrwöchige Pause bedeuten würde - und sie unter Umständen die Olympiaqualifikation oder die Meisterschaft kosten könnte. Das ist leichtsinnig, der Sportler spielt mit seinem Leben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so gefährlich, wenn man mit einer Krankheit Sport macht?

Meinertz: Auch das Herz kann vom Virus befallen sein, der Herzmuskel entzündet sein. Das wird neben anderen Symptomen oft nicht bemerkt, kann aber zu schweren Herzrhythmusstörungen und -flimmern und zum Tod führen. So wie beim italienischen Fußballer Piermario Morosini. Ärzte haben bei der Obduktion eine Verletzung des Herzmuskel gefunden, wahrscheinlich von einer Entzündung.

SPIEGEL ONLINE: Dale Oen ist aber nicht während des Trainings, sondern danach, unter der Dusche, gestorben. Warum?

Meinertz: Es gibt ein Zeitfenster nach der sportlichen Betätigung, in dem ein plötzlicher Herztod auch in absoluter Ruhe eintreten kann.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine Anzeichen?

Meinertz: Oft nicht. Deshalb muss man besonders vorsichtig sein. Wenn ein Leistungssportler krank ist, sollte er dringen pausieren, auch noch mindestens zwei Wochen nach der Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit einer begleitenden Herzmuskelentzündung liegt bei fünf bis zehn Prozent, lässt sich aber nur schwer diagnostizieren.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Herzmuskel entzündet ist, hilft also nur eine Pause?

Meinertz: Man kann ihn - noch - nicht anders behandeln. Aber zu 90 Prozent heilt die Entzündung folgenlos wieder ab, abgestorbene Zellen werden durch Bindegewebe ersetzt. Das braucht eben seine Zeit. Nur bei einem geringen Anteil bleibt eine Herzschwäche zurück.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Doping?

Meinertz: Anabolika können die Dicke der Herzwände krankhaft beeinflussen. Die meisten Sportler werden allerdings so gut auf Steroide getestet, dass das selten die Ursache für einen Herztod ist. Es kann aber sein, dass früherer Missbrauch das Herz dauerhaft geschädigt hat.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Männer häufiger betroffen sind als Frauen?

Meinertz: Nein. Möglicherweise hängt die Anzahl der Fälle aber von Trainingsintensität und -zustand ab.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sportler dem plötzlich Herztod vorbeugen?

Meinertz: Eine zu 100 Prozent sichere Prävention gibt es nicht. Es kann jeden treffen. Aber Leistungssportler leben mit einer größeren Gefahr, weil der Herzmuskel so stark belastet wird.

SPIEGEL ONLINE: Dabei heißt es doch, Sport ist gut fürs Herz.

Meinertz: Ausdauersport in Maßen, ja. Aber Leistungssport kann das Herz krank machen. Ich habe viele herzkranke Leistungssportler gesehen. Die meisten hatten Rhythmusstörungen oder Vorhofflimmern - auch nachdem sie ihre aktive Laufbahn beendet hatten. Aus der Sicht eines Kardiologen kann ich deshalb sagen: Leistungssport schützt nicht vor Herzkrankheiten. Im Gegenteil: Profisportler müssen eher aufpassen, dass sie sich nicht eine zuziehen.

Die Fragen stellte Sara Peschke
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