Pokerprofi Danzer "Ich bringe mich gern in schwierige Situationen"

Ein Mann, ein Schal: George Danzer, überaus talentierter und erfolgreicher Pokerprofi, trägt nicht nur ein Bracelet als Online-Weltmeister, sondern auch ein Accessoire um den Hals. Aber warum? Und was muss passieren, um Poker in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen? Lasse König sprach mit dem "Panzer".

Pokerprofi Danzer: Schach - Schafkopf - Poker
Neil Stoddart / Pokerstars

Pokerprofi Danzer: Schach - Schafkopf - Poker


George Danzer ist witzig, heißt es, und auch klug. Er soll auch eitel sein. Fest steht, dass George Danzer Pokerweltmeister ist, seit er im September ein Bracelet bei der WCOOP, also der Poker-WM der Online-Pokerspieler, gewann. Aber wie wurde George Danzer, was er ist? Und was muss passieren, damit Poker in Deutschland endlich aus seiner Nische kraucht? Und überhaupt, warum trägt er immer diesen Schal? Zeit für einen Anruf.

Lasse König: Hallo George.

George Danzer: Moment, ich muss erstmal ein paar Tische zumachen.

Tja. Gleich hat er Zeit, sagt er. Danzer, der Pokerprofi, spielt meist online, aber das ist doch eigentlich...

Lasse: Das ist doch eigentlich verboten?

George: Ich habe bestimmt schon 50 Blogposts veröffentlicht, in denen ich ganz genau beschreibe, wo ich spiele, wie hoch und was. Aber es hat sich noch niemand bei mir gemeldet und gesagt, dass das nicht in Ordnung sei.

Es piept, dudelt. "So, fertig", sagt Danzer. Es kann losgehen.

Lasse: Wir müssen kurz über das WSOP Main Event sprechen. Viele behaupten, das Heads-up zwischen Darvin Moon und Joe Cada sei einer der Tiefpunkte gewesen im Poker.

George: Ich fand es gar nicht so schlimm. Eher interessant, lustig. So viele überraschende Wendungen, Freude, Leid. Ich weiß ohnehin nicht, wie viele Menschen das Main Event überhaupt noch mit Poker verbinden. Es gibt ja mittlerweile so viele Sendungen im Fernsehen, da kann sich jeder das für sich Passende raussuchen. Wer wirkliches Können sehen will, der schaut High Stakes Poker.

Lasse: Und wer Emotionen sehen will, der schaut das Main Event?

George: Exakt. In Übertragungen von Turnierpoker zählen eben Emotionen. Da werden Geschichten erzählt wie die von einem jungen Mann, der den Mund nicht aufkriegt, sich für 40 Dollar online qualifiziert hat und jetzt Millionen gewinnen kann.

Lasse: Pokerneulinge nehmen das Main Event aber doch als Aushängeschild fürs Poker wahr, als pars pro toto sozusagen. Nun könnten sie aber denken: Wow, Glück reicht manchmal, um Pokerweltmeister zu werden,

George: Ja, aber das ist ja nicht schlecht fürs Poker.

Lasse: In Deutschlands Medien fand das Ereignis nur am Rande statt ( aber hier natürlich ganz groß; d.A.). Warum ist das immer noch so?

George: Es gibt noch keinen richtigen Superstar hier.

Lasse: Ist es wirklich so einfach?

George: In den USA kennt jeder Chris Ferguson, Phil Ivey oder Phil Hellmuth, weil die eben auch bei Letterman sitzen und nicht nur am Pokertisch. Man sieht sie auch in anderen TV-Formaten. In Deutschland sieht man Pokerspieler mit ganz wenigen Ausnahmen nur in Pokersendungen. Aber das wird sich hoffentlich ändern.

Lasse: Was muss dieser noch virtuelle Superstar haben? Erfolg? Bei Boris Becker war es der Wimbledon-Sieg, bei Michael Schumacher die Formel-1-WM.

George: Er muss nicht mal was Großes gewonnen haben, sondern nur regelmäßig in den Medien sein. Es gibt ja viele C-Promis, die viel mehr Raum im Fernsehen bekommen als der beste Pokerspieler.

Lasse: Vielleicht sind daran aber nicht die C-Promis schuld sondern die Pokerspieler selbst? Sie gelten ja als scheu.

George: Das stimmt, aber vielleicht gibt es in den nächsten Jahren endlich jemanden, dem das nichts ausmacht.

Lasse: Ich behaupte, dieser Jemand braucht vor allem eine spannende Vita. Ich komme aus dem Osten und habe mein Jurastudium abgebrochen, du hast Mikrosystemtechnik studiert und bist in Sao Paulo geboren. Das klingt deutlich spannender. Außerdem hast du Schach gespielt.

George: Sogar auf Jugendturnieren. Danach haben wir abends immer Schafkopf oder Skat gespielt - bis jemand eines Tages mal ein normales Pokerdeck dabei hatte und fragte, ob wir schon dieses Texas Hold'em kennen würden. 16 war ich damals, zu Hause habe ich mir dann Bücher gekauft und angefangen, online zu spielen. Aber nur als Hobby.

Lasse: Richtig los ging es vor etwa drei Jahren, du bist beim Main Event 2006 sogar ins Geld gekommen.

George: 2006 im Januar habe ich mit dem Studium ausgesetzt und gesagt, so, jetzt bin ich Pokerspieler. Ich hatte wenig Geld übrig, vielleicht 500 Euro, aber viel Optimismus. Ich habe mein Geld dann mit meinem Kumpel Jan Heitmann (beide sind bekannt als die "Poker-Amigos"; die Red.) zusammen geworfen, Jan spielte am Tag und ich nachts, mit einem Account, das ging damals noch. Es waren ja die Anfänge des Poker im Internet. Schlussendlich hatten wir 20.000 Dollar nach einem Monat zusammen. Und damit sind wir dann durch Europa gefahren und haben Turniere gespielt. In Paris ging's los, Stockholm, Barcelona, London. In Paris lief es super für mich, in London wurde Jan Zweiter und ich dann Dritter in Barcelona bei der Heads-up WM.

Lasse: Das klingt eher romantisch nach einer Zwei-Mann-Städtereise und gar nicht nach den Horden von Internet-Qualifikanten, die heute bei Turnieren die Regel sind. Was hat sich seither eigentlich am meisten verändert aus deutscher Sicht?

George: 2005 habe ich beim Main Event keinen einzigen Deutschen getroffen. Michael Keiner soll da gewesen sein, ältere Leute eben mit langer Casino-Erfahrung. Heute sieht man 21-Jährige, die zehn Häuser gemietet haben und ein Turnier nach dem anderen spielen.

Lasse: Eigentlich giltst du ja auch vornehmlich als Onlinespieler, und als einer der aggressivsten überhaupt.

George: Alle guten Spieler sind aggressiv. Ich bin aber jemand, der sich gern in schwierige Situationen bringt und dann Lösungen findet.

Lasse: Aber Jubeln soll dir eher fremd sein.

George: Ich bin eher der gemütliche Pokerspieler. Wenn ich verliere, dann ist es nicht zu ändern. Und wenn ich ein Turnier gewinne, mache ich eine Flasche Schampus auf.

Lasse: Ich habe sehr lange Theorie gebüffelt und geglaubt, das würde mich einen großen Schritt voranbringen. Das Ergebnis ist noch ausbaufähig. Was fehlt mir?

George: Vor allem jede Menge Erfahrung. Die ist definitiv das Wichtigste. Wenn ich jemandem einen Rat geben soll, wie er sich am besten im Poker verbessert, dann ist das eine Kombination aus drei Sachen: 1. So viele Hände wie möglich im Internet spielen. 2. Sich einen Coach suchen. 3. Bücher. Aber die sind am wenigsten wichtig.

Na super, ein Schlag in die Magengrube. "Bücher. Aber die sind am wenigsten wichtig." Es wird kalt demnächst, vielleicht hält "Harrington 1-3" wenigstens warm. Genau wie der Schal vom Danzer, den er immer und überall trägt. Oder soll der gar nicht wärmen?

Lasse: Du hast immer diesen Schal um. Er ist ein Markenzeichen.

George: Mittlerweile. Aber als ich ihn das erste Mal umband, 2006 in Paris, hatte das ganz pragmatische Gründe. Mir ist aufgefallen, dass ich beim Bluffen schluckte, das musste ich verstecken. Nun habe ich das natürlich unter Kontrolle. Aber der Schal ist immer doch da.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.