Pokerprofi Markus Golser "Mathematisch berechnete Aggressivität"

Mann aus zwei Welten: Er misst sich online und offline mit den besten Spielern der Welt - und wurde selber einer von ihnen. Im Interview spricht Pokerprofi Markus Golser, 36, über den Wert des Alters, junge Wilde, Pech gegen Tom Dwan und einen kleinen Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern.

Pokerspieler Golser: Seit 16 Jahren professioneller Pokerspieler
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Pokerspieler Golser: Seit 16 Jahren professioneller Pokerspieler


SPIEGEL ONLINE: Herr Golser, man spricht ja nicht so gern über das Alter, aber bei der European Poker Tour in Berlin habe ich sehr viele sehr junge Menschen an den Tischen gesehen. Wie fühlt man sich da als 36-Jähriger?

Golser: Sie meinen, als Opa?

SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie jetzt gesagt!

Golser: Es ist ja was dran. Es ist viel Zeit vergangen, wenn man die Jahre mal zurückrechnet, bin ich jetzt seit 16 Jahren professioneller Pokerspieler. Ich fühle mich mittlerweile schon ein bisschen alt zwischen all diesen Jungs. Obwohl, ich nenne es lieber: reifer.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja durchaus angenehme Dinge, die mit dem Alter kommen. Erfahrung zum Beispiel.

Golser: Natürlich. Aber es wäre falsch zu behaupten, diese jungen Spieler dort an den Tischen hätten viel weniger Erfahrung, nur weil sie viel jünger sind. Sie sind mit dem Internet groß geworden und können in vergleichbarer Zeit deutlich mehr spielen als früher.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sind doch jemand, der beide Welten kennt. Die Zeiten, als man Poker noch ausschließlich im Casino spielen konnte, und die Zeit des Online-Pokerbooms. Wie hat sich das Spiel verändert? Und wie hat sich Ihr Spiel verändert?

Golser: Ich habe nie Bücher gelesen und damals einfach drauf losgespielt. Die Wertigkeit der Karten? Kannte ich nicht. Was ich wusste war: All die Bücher, in denen behauptet wurde, man dürfe zum Beispiel im Limit Hold'em Ass-Dame aus früher Position nicht spielen, gefielen mir nicht. Ich habe von Anfang an gern mehr Hände gespielt als andere und als empfohlen.

SPIEGEL ONLINE: Man kann auch sagen, Sie waren von Anfang an aggressiv wie wenige.

Golser: Ich habe einen Mix aus Zurückhaltung und Aggression gefunden, aber das Image hat natürlich seine Berechtigung. Es ist mein Stil, der entwickelt sich erst im Laufe von vielen Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Cardrooms und Casinos in Österreich angefangen und auch in Las Vegas gespielt. Wie muss man sich die Auswirkungen des Online-Booms vorstellen, der dann folgte?

Golser: Der Unterschied war mehr als deutlich. Mathematisch berechnete, extremste Aggressivität. Ein Stil, der sich als sehr erfolgreich herausgestellt hat. Wer heute am Button limpt, der gilt als Fisch.

SPIEGEL ONLINE: Das Internet hat dafür gesorgt, dass das Spiel mehr Menschen zugänglich war und auch das Niveau deutlich anstieg. Täuscht der Eindruck, oder ist es für einen erfahrenen Profi schwerer geworden?

Golser: Mit Sicherheit. Noch vor zwei Jahren waren die Tische leichter zu spielen. Die jungen Menschen wachsen heute mit Poker auf, sie lesen Bücher, lassen sich coachen. Sie investieren insgesamt sehr viel Zeit in die Verbesserung ihres Spiels. Live ist es übrigens genauso, die EPT-Felder sind sehr stark, man hat als langjähriger Top-Spieler nicht mehr viele Vorteile. Es ist keine Seltenheit, dass man auch mal zwei Jahre nicht erfolgreich ist und keinen einzigen Finaltisch erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie getan, um Schritt zu halten mit den jungen Wilden?

Golser: Ich mache mir seit jeher viele Gedanken auch über kleine Spielsituationen. Das hat mir geholfen, mich während des Online-Booms anzupassen. Außerdem habe ich mich immer mit den Besten der Welt gemessen. Stillstand ist Rückschritt, es muss immer weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Pot Limit Omaha (PLO) eigentlich auf dem Weg, das neue Hold'em zu werden?

Golser: Das will ich nicht ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint fast so, als sei PLO deshalb zum Broterwerbsspiel der Profis geworden, weil die Konkurrenz beim Hold'em zu groß wurde.

Golser: Der Ansatz ist sicher richtig. Es gibt aber mittlerweile auch beim PLO viele herausragende Spieler.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die Faszination aus?

Golser: Omaha ist viel komplexer und mathematischer als Hold'em. Außerdem werden im PLO deutlich mehr Pötte gespielt, es ist ein Spiel für "Gambler", die das Risiko mögen. Weil Omaha vor allem ein "drawing game" ist, ergeben sich viele Möglichkeiten, seine Gegner zu bluffen. Kurz gesagt: Omaha fasziniert durch die Kombination aus viel Mathe und vielen Möglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es eigentlich, gegen Tom Dwan alias "Durrr" zu spielen?

Golser: Ach, da habe ich leidvolle Erfahrungen gemacht. Ich schätze, ich war in 80 Prozent der All-ins gegen ihn Favorit, aber er hat die meisten davon gewonnen. Meine Bilanz gegen ihn ist schlecht, er liegt mir offenbar nicht so. Ich habe ja gegen ihn auch meinen größten Pott mit 450.000 Dollar verloren. Auch dort war ich eigentlich Favorit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Österreicher, aber im deutschen Poker sehr präsent. Wo steht Poker in Deutschland?

Golser: Die Spitze ist erreicht. Aber das bedeutet nicht, dass es jetzt bergab geht. Ich glaube vielmehr, dass das Interesse am Poker auch in Zukunft konstant hoch bleiben wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Golser: Ich bekomme Fanpost von 16- oder 17-Jährigen, die jungen Menschen wachsen ganz natürlich mit Poker auf, der Nachwuchs kommt nach. Es ist wohl so, dass die Leute einfach gern spielen. Auch die öffentliche Darstellung von Poker hat sich verändert. Früher wurde Poker gleichgesetzt mit Roulette oder Blackjack. Heute wird auch über den Geschicklichkeitsaspekt gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Österreich gilt als Pokerparadies, es gibt Casinos und Cardrooms, der Online-Markt ist sehr liberal. Trotzdem scheint Deutschland, das einen sehr rigiden Umgang mit Poker pflegt, mehr Top-Spieler hervorzubringen. Warum gibt es nicht mehr Golsers?

Golser: Das wundert mich auch. Aber vielleicht liegt es eben genau daran, dass die Österreicher überall live Pokern können, während die Deutschen online spielen müssen - und dadurch schneller lernen. Es klingt paradox, aber offenbar sorgen weniger Möglichkeiten für mehr Erfolg. In Österreich jedenfalls scheinen sie das Spiel nicht so schnell zu lernen.

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Hellseher: Er ist für seine Ahnungen bekannt, jedenfalls sagt man Daniel Negreanu nach, die Karten seiner Gegner sehr gut voraussagen zu können. Doch was ihm im Heads-up-Duell gegen Jerry Buss gelang, ist noch außergewöhnlicher. Kleine Randnotiz: Negreanu trägt ein Shirt des NBA-Basketballclubs Detroit Pistons, Buss ist Eigentümer des Pistons- Rivalen Los Angeles Lakers. Quelle: Youtube

Das Interview führte Lasse König



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