Polen-Trainer Wenta Teufelchen im T-Shirt

Bogdan Wenta spielte für die deutsche und polnische Nationalmannschaft. Nun trainiert er Polen, das Überraschungsteam der WM. Morgen steht Wenta gegen Deutschland im Finale - und wird keine ruhige Sekunde erleben

Von Helge Buttkereit, Hamburg


Dieser Mann lebt den Handball. Das zeigt sich in jedem Augenblick der Weltmeisterschaft, selten aber so deutlich wie in den letzten 25 Sekunden des Halbfinales. Polen führt gegen Dänemark mit 35:32, der Finaleinzug ist zum Greifen nah. Bogdan Wenta läuft fassungslos die Seitenlinie entlang. Er wirkt befreit, aufgelöst - und dennoch so, als ob er es seinfach nicht glauben könne, was gerade passiert. Steht Polen wirklich im Finale der Handball-WM?

Coach Wenta: Ungebremste Leidenschaft
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Coach Wenta: Ungebremste Leidenschaft

80 Minuten lang hatte Wenta mit seinem Team gezittert und gebangt, seine Spieler angeschrien und wäre kurz vor Schluss der regulären Spielzeit fast noch dem Held des Abends, Torwart Adam Weiner vom Wilhelmshavener HV, an die Gurgel gegangen. Erst mit dem Schlusspfiff entlädt sich die Spannung. Zwei Tore sind in den letzten Sekunden gefallen, Polen gewinnt 36:33 nach zwei Verlängerungen. Wenta rennt wie ein Besessener über das Spielfeld direkt auf seinen Spielmacher Marcin Lijewski von der SG Flensburg-Handewitt zu. Umarmt ihn, jubelt ausgelassen. Es ist vollbracht. Polen steht wirklich im Finale der Handball-WM.

"Wir leben diesen Traum und bis Sonntag wird er weitergehen", sagt Wenta etwa 20 Minuten später im Pressezentrum der Hamburger Color Line Arena. Den Weltmeistertitel hätte kein Experte den Polen vor dem Turnier zugetraut. Auf dem Podium erklärt der Pole mit deutschem Pass den Journalisten, wie sein Team das kleine Wunder geschafft hat. Wenta sieht müde aus. Wahrscheinlich ist er an der Seitenlinie nicht viel weniger gelaufen als seine Spieler auf dem Feld.

Zwei Wochen Handball pur haben den Handball-Verrückten geschafft und ein Virus tat das seine dazu. In der Nacht vor dem Halbfinale gegen Dänemark plagte ihn und seinen Co-Trainer der Durchfall, vier Spieler mussten das Training am Spieltag abbrechen. Aber das alles interessiert jetzt nicht. Trotz aller Anstrengung stellt sich Wenta geduldig den Fragen der Journalisten, gibt zunächst seine Stellungnahme zum Spiel auf Deutsch und dann auf Polnisch ab. "Für uns ist das eine unglaubliche Sache", sagt Wenta und ergänzt schnell: "Wenn du jetzt denkst bist du zufrieden, hast du schon verloren."

Bogdan Wentas Deutsch ist holprig. Wenn er vom Handball spricht, versteht ihn aber jeder. Seit 1994 ist er in Deutschland, wechselte damals aus der spanischen Liga – wo er ab 1989 spielte – in die Bundesliga zum TuS Nettelstedt. Zum polnischen Nationalhelden hat es für den Ausnahme-Handballer nie gereicht, dafür ist der Sport in Wentas Heimat zu wenig populär. Aber auch Wenta tat das seinige, um in der Heimat anzuecken. So wechselte er 1997 die Seiten, beantragte einen deutschen Pass und wurde hier Nationalspieler. Er wollte zu den Olympischen Spielen, mit Polen war es zu dieser Zeit nicht möglich. Er durfte nicht im Nationalteam spielen, weil er sich mit dem Trainer angelegt hatte.

Also schloss er sich dem Deutschen Handball-Bund an, fuhr 2000 mit nach Sydney und wurde Olympia-Fünfter unter Heiner Brand. Zwei Jahre später beendete er mit 40 Jahren seine Laufbahn. Natürlich blieb der Handball-Verrückte dem Handball verbunden und wurde schon während seiner letzten Station als Spieler Co-Trainer der SG Flensburg-Handewitt. Seit dieser Saison ist er nun allein verantwortlich und trainiert den SC Magdeburg. Bereits im November 2004, nach der verpassten Qualifikation für die WM 2005, übernahm er die polnische Nationalmannschaft.

Obwohl er deutscher Nationalspieler war, wurde Wenta in der Color Line Arena vor dem Halbfinalspiel sogar ausgepfiffen. Denn als Polen vor knapp zwei Wochen Deutschland in der Vorrunde 27:25 besiegte, hatte sich der Coach an der Seitenlinie wieder mal restlos aufgeregt, den Spielball weggekickt und eine Zwei-Minuten-Strafe aufgebrummt bekommen. Wenn er sich daran erinnert, wirkt er ein bisschen kleinlaut. "So etwas darf nicht passieren", sagt er, "da habe ich der Mannschaft keinen Gefallen getan." Der deutsche Trainer Heiner Brand ignorierte ihn bei der Pressekonferenz nach dem Spiel demonstrativ.

Auch drei Tage nach dem Sieg über Deutschland stand Wentas Verhalten wieder im Mittelpunkt. Alfred Gislason, Wentas Vorgänger als Trainer in Magdeburg und Islands Nationalcoach, beschuldigte ihn der Lüge. Vor dem Spiel Polen gegen Island hatte Wenta seinen Spielern erzählt, dass Gislason sie beleidigt habe. Der Isländer dementierte empört.

Spricht man ihn darauf an, wird Wenta ungehalten. "Ich verstehe nicht, warum Sie eine so dumme Frage stellen." Für ihn ist die Sache abgehakt, es gehe niemanden etwas an, was er seinen Spielern vor dem Spiel sagen würde. Hauptsache, sie sind motiviert. Dabei war es genau die Partie gegen Island, die für Wenta heute die Wende im WM-Verlauf bedeutet. Seitdem wusste er, dass sie es weit bringen können, sagt er. Am Tag zuvor hatte seine Mannschaft noch klar und deutlich gegen Frankreich verloren. Eine Nacht habe es gedauert, bis das Team wieder auf Kurs war. Es habe klare Worte und eine harte Diskussion mir der Mannschaft gegeben.

An seiner Leidenschaft, die des öfteren mit ihm durchgeht, kann und will Wenta ohnehin nichts ändern. Immer noch springt er 60 oder auch 80 Minuten wie ein Teufelchen im T-Shirt an der Seitenlinie herum, kommentiert jeden Fehler, ob die der eigenen Spielern oder, etwas lauter, die der Schiedsrichter. "Natürlich, wenn man sich solche Szenen anschaut, dann lacht man ab und zu", gibt Wenta zu.

Für ihn ist diese ungebremste Emotionalität unbedingt notwendig: "Das ist meine Art und Weise, den Handball zu verstehen." Wenta ist es mit seinem Einsatz gelungen, aus einem Haufen guter Einzelspieler eine Mannschaft zu formen, bei der die Bundesligalegionäre mit den jungen Spielern aus der Heimat eine Einheit bilden. Darauf ist er besonders stolz und auf die Mannschaft kommt es auch an, wenn es am Sonntag in der Kölnarena im WM-Finale gegen Deutschland (16.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ums Ganze geht.

"Jetzt ist alles möglich", sagt Bogdan Wenta mit Blick auf das Finale. Er erwartet aber eine komplett andere Partie als beim Sieg über Deutschland in der Vorrunde. "Ich sehe seit ein paar Spielen eine ganz andere deutsche Mannschaft." Gegen die es für Wentas Polen viel schwerer wird als gegen jenes deutsche Team der Vorrunde, das noch gar nicht wusste, wie stark es wirklich ist. Wenta sagt fast trotzig: "Wir werden kämpfen." Dabei funkeln seine müden Augen wieder.



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