Popp-Gegner Philippoussis Der Herr der Asse

Nach drei Knieoperationen drohte Mark Philippoussis, 26, das Karriere-Ende, doch inzwischen hat sich der Aufschlagkönig wieder ins Rampenlicht gespielt. Mit 46 Assen gegen Agassi stellte der Australier den sechs Jahre alten Wimbledon-Rekord ein. Alexander Popp lässt sich von derlei Statistiken allerdings nicht einschüchtern.


Mark Philippoussis: Inneres Gleichgewicht durch Wellenreiten
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Mark Philippoussis: Inneres Gleichgewicht durch Wellenreiten

London - Am Dienstagmittag stand Alexander Popp auf dem Trainingsplatz und schlug mit Daviscup-Teamchef Patrik Kühnen ein paar Bälle. Passierschläge haben sie vor allem geübt, die richtige Vorbereitung auf das Match gegen den Australier Mark Philippoussis am Mittwoch.

Popp ist wie schon im Jahr 2000 der letzte Deutsche in Wimbledon, als er es ebenfalls unter die letzten Acht schaffte. Damals scheiterte er in seinem ersten Match auf einem der beiden großen Plätze an einem anderen Australier: Pat Rafter war eine Nummer zu groß, die Umstände zu überwältigend. "Das war kein gutes Spiel von mir, an das ich mich nicht mehr gerne erinnere", sagte der Mannheimer, "ich denke aber, dass ich jetzt mit den Begleitumständen besser klar komme und daraus gelernt habe."

108.000 Euro hat Popp bislang beim diesjährigen Wimbledon-Turnier verdient, das größte Preisgeld seiner Karriere, dazu kommen mindestens 200 Punkte für die Entry List der ATP, die ihn weit von Platz 198 nach vorne katapultieren werden. "Er ist so ein feiner Kerl und so begeistert, dieser Erfolg ist ihm zu gönnen", sagt sein Coach Helmuth Lüthy, der ihn seit 1994 trainiert: "Durch die ganzen Verletzungen waren die letzten zwei Jahre zum Teil schon deprimierend." Lange wurde Popp vom Pfeiffer'schen Drüsenfieber flachgelegt, zuletzt musste er acht Monate wegen einer Handgelenksoperation aussetzen.

Gegen Philippoussis wird Popp auch dieses Mal als Außenseiter antreten. Anzunehmen, dass es zwischen beiden zu einem Aufschlagfestival kommt. Philippoussis besiegte im Achtelfinale den an Nummer zwei gesetzten Andre Agassi (USA) vor allem dank seiner Kunst, den Tennisball mit unglaublicher Wucht ins Spiel zu bringen. Beim 6:3, 2:6, 6:7, 6:3 und 6:4 über Agassi gelangen dem Australier insgesamt 46 Asse, womit er den 1997 von Goran Ivanisevic (Kroatien) in Wimbledon aufgestellten Aufschlagrekord einstellte.

Diese beeindruckende Statistik schüchtert den hoch aufgeschossenen Popp (2,01 Meter) keineswegs ein. "Vom Spielertyp her liegt er mir mehr als Agassi", gibt sich Popp ausgesprochen kühl, "Mark ist jemand, der zwar sehr gut Serve-and-Volley spielt, den ich aber zu Fehlern zwingen kann." Auch Rainer Schüttler, der am Montag im Achtelfinale dem Niederländer Sjeng Schalken mit 5:7, 4:6 und 5:7 unterlegen war, rechnet seinem Landsmann Chancen aus, das Viertelfinale zu überstehen. "Warum nicht? Es würde mich freuen, wenn Alexander noch einen Schritt weiter kommen würde. Das würde dem deutschen Tennis gut tun", so Schüttler.

Furcht vor dem Philippoussis'schen Aufschlagblitz, der mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 201 Stundenkilometern auf den Gegner zuschießt, hat Popp jedenfalls nicht. "Vor seinen Assen habe ich keine Angst", gibt er sich selbstbewusst, "das muss man auch nicht, denn gegen Asse kann man nichts machen." Vielmehr erschrickt sich der 26-jährige Mannheimer ein wenig über seine derzeitige Verfassung, denn seinen Comeback-Plänen nach einer neun Monate langen Verletzungspause ist er nach den beherzten Vorstellungen dieser Tage in Wimbledon weit voraus. "Auch wenn das blöd klingt, aber ich bin nicht sicher, ob das jetzt alles zu schnell geht für mich", sagt er nachdenklich.

Mit verletzungsbedingten Rückschlägen hatte auch Philippoussis zuletzt zu kämpfen. Seine Leidensgeschichte ist mit der des gleichaltrigen und drei Zentimeter größeren Popp durchaus vergleichbar. Seit er sich 1999 im Viertelfinale von Wimbledon gegen Pete Sampras einen Bänderriss im Knie zuzog, hatte er stets mit schweren Verletzungen zu tun. Allein drei Knieoperationen musste er über sich ergehen lassen. Zudem musste sein Vater, der inzwischen wieder Philippoussis' Trainer ist, eine Krebserkrankung überstehen.

Schicksalsschläge, die den in seinen jungen Jahren zu Übermut und Playboyattitüden neigenden Australier inzwischen geläutert haben. Das Interesse an extravaganten Sportwagen hat merklich nachgelassen, den einzigen Luxus, den er sich noch gönnt, ist eine tägliche Surfeinheit im pazifischen Ozean, wenn er in seiner Wahlheimat Südkalifornien ist. "Ich bin dann jeden Tag um halb acht am Strand und surfe drei bis vier Stunden, bevor ich trainiere. Das tut meiner Seele unglaublich gut."



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