Portimão Global Ocean Race Flaute verhindert deutschen Etappensieg

Lange zurückgelegen, lange geführt, dann verloren: Boris Herrmann und Felix Oehme haben die dritte Etappe des Portimão Global Ocean Race als Zweite beendet - nach der Umrundung Kap Hoorns und dem stärksten Sturm ihres Lebens. Sie hoffen weiter auf den Gesamtsieg: "Abgerechnet wird zum Schluss!"

Von Frieder Schilling


Flaute ist das Schlimmste für einen Segler. Egal ob auf der Alster oder dem Atlantik. Hilflos liegt das Boot auf dem Wasser, man verzweifelt langsam. Hofft wieder. Und verzweifelt weiter. Genauso wird es Boris Herrmann und Felix Oehme in den vergangenen Tagen auf der "Beluga Racer" ergangen sein. "Wir treiben hauptsächlich mit der Strömung Richtung Ziel", sagte Herrmann SPIEGEL ONLINE, "machen einen Knoten Geschwindigkeit". 80 Seemeilen Vorsprung hatten die zwei Deutschen zu diesem Zeitpunkt noch auf ihre chilenische Konkurrenz. In der Folgezeit schmolz dieser dahin. Plötzlich hatte er sich in Rückstand verwandelt. Und endete in einer Niederlage.

Am Donnerstagnachmittag liefen Felipe Cubillos und Jose Muñoz auf der "Desafio Cabo de Hornos" als Erste in den brasilianischen Zielhafen Ilhabela ein. 40 Tage, 11 Stunden und 47 Minuten benötigten sie für die 7200 Seemeilen (13.334 Kilometer) vom neuseeländischen Wellington nach Ilhabela. Damit triumphierten sie auf der dritten Etappe des Portimão Global Ocean Race, eines Segelrennens in fünf Abschnitten um die Welt. Herrmann und Oehme, die rund eine Stunde später, um 15.56 Uhr deutscher Zeit die Ziellinie überfuhren, hatten die ersten beiden Etappen für sich entschieden. "Wir sind natürlich enttäuscht, aber nicht geschlagen", sagte Herrmann, "abgerechnet wird halt immer am Schluss."

Teil des dritten Rennabschnitts war die Umrundung des legendären Kap Hoorns vor der Spitze Südamerikas. Sowohl für Herrmann als auch für Oehme bedeutete dies eine Premiere, eine weitere Taufe in ihrem Seglerleben, nachdem sie zuvor erstmals das berüchtigte Südmeer duchquert hatten. "Der bedeutendere Moment als die Rundung selber war für uns beide aber, als wir 24 Stunden vorher bereits das chilenische Festland sehen konnten" so Herrmann. Drei Wochen lang hatte der Horizont bis dahin ausschließlich aus Wasser bestanden. Nun endlich wieder Land. "Eine ganz markante, gezackte Bergkette, schneebedeckt und wunderschön", beschreibt der Kieler den Moment. "Und dazu einen südpolaren Himmel, bläuliches, fahles Licht."

"Kraftvolle Böen kamen aus dem Nichts auf"

Die eigentliche Vorbeifahrt am Kap war laut Herrmann dann etwas hektisch. Fotos mussten geschossen werden, Videoaufnahmen von der bekannten Silouette gemacht werden, die Windverhältnisse erforderten mehrmaliges Wechseln der Segel. Starker Regen machte das Ganze nicht einfacher. "Es war aber eine schöne, positive Hektik", so Herrmann. "Sonst ist Hochseesegeln ja oft sehr gleichförmig, es passiert nicht so sonderlich viel auf einmal."

Eine Woche zuvor war die Gleichförmigkeit schon einmal unterbrochen worden. "Am Abend hatte ich schon irgendwie das Gefühl, dass was nicht stimmt", erinnert sich Herrmann. "Die Luft war anders, die Situation wirkte irgendwie gefährlich, ich hatte ein bisschen Angst. Kraftvolle Böen kamen aus dem Nichts auf, so was hatte ich noch nie erlebt." Als Vorsichtsmaßnahme verkleinerte die Crew die Segel, auch wenn dadurch Geschwindigkeit verloren ging. Wachsam segelte sie in die Nacht hinein.

Rein in die Überlebensanzüge, raus an Deck

Mit dem Morgen kam dann der Sturm. "Die erste heftige Windböe traf das Schiff zusammen mit einer Welle und legte es 90 Grad auf die Seite", so Herrmann, der, eben erst aufgewacht, sich an Handgriffen an der Bordwand festhalten musste und plötzlich von der Decke hing. Chaos brach in der Kabine aus, selbst fest vertaute Gegenstände flogen durcheinander, eine Gefahr für die Segler. "In solchen Situationen werfen wir uns erstmal einen prüfenden Blick zu, um zu sehen, was der andere so denkt und wie wir die Situation einschätzen", sagte Herrmann.

Das Wichtigste nun: Rein in die Überlebensanzüge, die den Menschen, sollte er über Bord gehen oder das Schiff sinken, über Wasser halten und ihn vorm Erfrieren schützen. Dann vorsichtig raus an Deck. Die Sturmfock setzen, ein kleines, besonders widerstandsfähiges Segel. Alles ging nur kriechend, Windgeschwindigkeiten bis zu 60 Knoten (111 Kilometer pro Stunde) und zehn Meter hohe Wellen verhinderten aufrechtes Gehen. Es folgte das Reffen des Großsegels, die Verkleinerung der Segelfläche. "Wir haben so eine Not-Sturm-Reff-Möglichkeit, wo das Segel auf Handtuchgröße gerefft wird", so Herrmann. "Das ganze Manöver dauerte ungefähr drei Stunden." Der Sturm noch weitere drei. Danach unter Deck aufräumen, sich erholen, was essen, die Wetterlage angucken. Weiter um die Welt segeln.

Und die richtigen Entscheidungen treffen. Dies gelang Hermann und Oehme nach der Kap-Hoorn-Rundung. Denn es folgte "die große taktische Entscheidung eines jeden Rennens um die Welt", so Herrmann. "Auf welcher Seite lasse ich die Falklandinseln liegen." Das chilenische Duo hatte sich einen Tag zuvor für links entschieden, wenig später drehte der Wind, die deutsche Crew setzte Kurs zwischen Festland und Inselgruppe. "Und zwar gegen die Computermodelle und Wettervorhersagen", so Herrmann. "Aus Intuition."

Und diese ließ sie nicht im Stich. In den folgenden Tagen holten sie massiv auf, zogen vorbei und setzten sich letztlich ab. Auch aufgrund eines Fehlers der Konkurrenten. Denn diese missachteten in der Folgezeit die simpelste Regel im Regattasegeln: Halte Dich zwischen Gegner und Ziel. Dann kannst du deinen Gegner am besten kontrollieren. "Aber das haben die Chilenen in dem Moment nicht gemacht", erinnert sich Boris Herrmann. "Sie haben nach den Falklandinseln der Suggestion der Wettermodelle zu sehr vertraut und sich in einem extremen Kurs ziemlich weit in den Atlantik Richtung Osten abgesetzt und uns im Westen die Bahn frei gemacht."

Die Flaute jedoch schlug zurück.



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
sysiphos, 07.11.2008
1. Elemente
Es ist ein direktes Ringen mit den Elementen. Und wenn man es aushält, also nicht Kotzend über der Reling hängt macht es viel Spass.
MarkH, 08.11.2008
2. ooo
Zitat von sysopSegeln boomt. Moderne Abenteurer kämpfen gegen das Wetter und sich selbst, immer mehr Rennen rund um die Welt bedienen das gestiegene mediale Interesse. Was macht diesen Sport Ihrer Meinung nach so besonders?
irgendwie ist das seltsam so zu leben... Ich kann verstehen, dass man mit so einem Segelboot irgendwo zwischen den Stränden herumschippert.. aber dieses Extrem ?... für mich eher abschreckend... keine Ahnung was man mir damit zeigen will.
sam_ree_lackson, 08.11.2008
3.
einfach "der verschenkte sieg" von bernard moittessier oder "sailing alone around the world" von joshua slocum lesen; mehr erklärung braucht einhandsegeln nicht! achja, ganz nebenbei erfährt man auch dass sowas auch ohne technik schnick schnak und millionen dollar kapital möglich ist ;)
Hellström 11.11.2008
4.
Zitat von sysiphosEs ist ein direktes Ringen mit den Elementen. Und wenn man es aushält, also nicht Kotzend über der Reling hängt macht es viel Spass.
Nun, wenn man sich die Hightech- Boote so anschaut, ringt man da nicht mehr so viel. H.A. heute: "Mit einer Hand über den Atlantik", oder so. Die schummeln, die haben noch beide Hände! ;)
Alois, 11.11.2008
5. Segeln boomt?
Zitat von sysopSegeln boomt. Moderne Abenteurer kämpfen gegen das Wetter und sich selbst, immer mehr Rennen rund um die Welt bedienen das gestiegene mediale Interesse. Was macht diesen Sport Ihrer Meinung nach so besonders?
Wie schon erwähnt ist zunächst ein Medienecho da ; denn es mußja 24h am Tag berichtet werden. Ob in der Summe mehr gesegelt wird als früher , weiß ich nicht , vorallem in Regatten . Ich habe da meine Zweifel. Wie auch immer , Faszination wird vermutlich oft ausgelöst. Ich kam zum Regattasegeln , weil ich einen Ersatz fürs Rallyefahren suchte als mir klar wurde , dass dort zunächst der finanzielle Einsatz über Erfolg entscheidet , obwohl gerade dort im Motorsport durch fahrerischen Einsatz ein Leistungsmanko am ehesten ausgeglichen werden kann. (natürlich nicht mehr in der absoluten Spitze)Auch wurde mir bewusst , dass man nur mit gekaufter Kraft Spitze war. Segeln war für mich ein natürlicher Ersatz und ich musste auch nicht lang überlegen , denn irgendwas mit Speed sollte es sein , jedoch ohne Motor. Also landete ich bei den Katamaranen und für mich kann ich sagen nie mehr Spaß , Befriedigung , Entspannung und Erleben in der Natur und durch die Natur gehabt zu haben als beim Segeln.Wer einmal erlebt hat wie es ist auf der Welle zu surfen wird es immer wieder erleben wollen. 1977 war ich ein Fan von Sir Francis Chichester und seiner "Gipsy Moth " der mit 70 Jahren eine Weltumsegelung samt Kap Horn mit den roaring 40th unternahm und auch beendete. Alter ist hier kein Hinderungsgrund .Ein Segelboot kann man gemütlich fahren zur Kaffefahrt oder bis an die Grenze belasten , ganz nach Gusto allein fahren ohne einsam zu sein . frei nach W. Busch " wer einsam ist der hat es gut , weil keiner da der ihm was tut" Und nun: Mast und Schotbruch allerseits
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