Portimão Global Ocean Race "Man liegt immer auf der Lauer"

Erst über den Atlantik, dann um die ganze Welt: Zwei deutsche Segler führen die erste Etappe des Portimão Global Ocean Race an. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklären sie, warum sie das beste Wetter aller Konkurrenten erwischten, beängstigende Träume haben und auf hoher See "Krieg und Frieden" lesen.

SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch, Sie liegen beim Global Ocean Race in Führung! Aber eigentlich ist nur das Wetter daran schuld - das hat Ihnen den entscheidenden Vorteil verschafft, oder?

Herrmann: Nicht ganz. Bei den Kanaren lagen wir noch an zweiter Stelle. Wir haben dann eine schnellere Passage gewählt als die anderen. Das Gleiche ist uns bei den Kapverden gelungen, und die Kalmenzone am Äquator haben wir weiter im Osten durchfahren als die anderen. Dadurch konnten wir noch mal was gewinnen …

Oehme: … und sind in der Tat in ein anderes Wettersystem reingerutscht, das die anderen nicht mehr erwischt haben - wodurch sich der Vorsprung schlagartig auf 600 Meilen vergrößert hat. Ganz klar, bei so einem Rennen sind die Wetterentscheidungen die Big Points.

Herrmann: Ja, das Wichtigste in diesem Spiel ist die Analyse des Wetters.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das genau auf hoher See?

Herrmann: Wir bekommen aus verschiedenen Quellen numerische Wetterdaten, die wir in einem Computermodell verrechnen. Dann schlägt der Rechner eine Route vor - aber wir ziehen noch andere Informationen hinzu: Satellitenbilder, Wetterkarten, Infrarotbilder der Wasseroberfläche. Das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich alles berechnen, oder kommt es trotzdem noch zu kritischen Situationen?

Herrmann: Eines Nachts auf Höhe der Kapverden ist vorne an unserem zwei Meter langen Bugspriet eine Befestigung gerissen. Bei viel Wind musste ich dann gesichert nach vorne klettern und so schnell wie möglich diese Halterung wieder anbringen, damit wir den Spinnaker wieder setzen und weitersegeln konnten. Heute Nacht ist uns was Ähnliches noch mal passiert. Solche Zwischenfälle können Sie bei noch so guter Vorbereitung nicht verhindern. Aber wirklich gefährliche Situationen hatten wir zum Glück nicht. Meistens konnten wir dank des guten Wetters sogar mit Autopilot steuern.

SPIEGEL ONLINE Wenn der Autopilot übernimmt, was machen Sie dann noch?

Oehme: Zu fünf Prozent steuern wir von Hand - zu 95 Prozent der Pilot. Ich habe für diese Zeiten ein Buch dabei, "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi, außerdem jede Menge Hörbücher und Musik. Und ein paar Filme. Alle drei, vier Tage gönnen wir uns abends ein Video, um einfach mal abzuschalten.

SPIEGEL ONLINE: Ihr letzter Film?

Oehme: "Mulholland Drive".

Herrmann: Aber der Autopilot macht natürlich nicht alles. Wir müssen die Segel trimmen, Mails schreiben, Fotos verschicken.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft müssen Sie derzeit Ihren Kurs ändern?

Herrmann: Nun, bei 40 Tagen auf See gibt es natürlich zwischendurch Durststrecken, auf denen es tagelang geradeaus geht. Seit dem Richtungswechsel vor Brasilien sind wir nur zwei Wenden gefahren. Wir hatten natürlich ein paar mehr Segelmanöver - aber eines pro Tag ist schon viel.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei so viel Eintönigkeit noch Gefühl für die Zeit, für Tag und Nacht?

Herrmann: Die Bedingungen sind gerade nicht sonderlich extrem, also erlauben wir uns den Luxus, unsere Ruhezeiten stärker auf die Nacht zu verteilen. Felix hat von abends um neun bis nachts um drei Wache und ich dann die Morgenschicht. Allerdings schläft man nicht wirklich durch, wenn das Schiff wie im Moment zehn bis zwölf Knoten fährt. Da liegt man immer mit einem halben Ohr auf der Lauer, wartet auf die nächste Welle, die gegen den Rumpf krachen wird, und fragt sich: Was passiert da?

SPIEGEL ONLINE: Im Südmeer wird die Fahrt sicher rauer.

Herrmann: Da werden wir einen zweistündigen Abwechslungsrhythmus brauchen. Es wird viel unbequemer sein, kalt, nass, grau. Segler, die schon dort waren, sagen: Man muss das Segeln sehr lieben, um das mit guter Moral durchzustehen.

SPIEGEL ONLINE: Für die Moral ist oft der Magen verantwortlich ...

Herrmann: ... wir haben gefriergetrocknetes Essen dabei, so eine Art Astronautennahrung, aber auch Nudeln und Reis. Und natürlich jede Menge gute Schokolade, um die Laune aufzubessern. Das geht schon.

SPIEGEL ONLINE: Und zu trinken?

Herrmann: Wir haben einen Seewasserentsalzer, trinken also hauptsächlich entsalztes Seewasser.

"Der Atlantik ist im Vergleich zum Süden wie eine Kaffeefahrt"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst, wenn Sie an das Südmeer denken?

Herrmann: Klar. Angst muss man immer haben. Man darf nie den Respekt vor dem Meer verlieren. Der Atlantik ist im Vergleich zum Süden ja wie eine Kaffeefahrt. Am Kap Hoorn zum Beispiel können riesige Wellenberge und ganz andere Naturgewalten entfesselt werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Hierarchie an Bord?

Herrmann: Beschlüsse müssen hier selten innerhalb von Sekunden fallen. Wichtige Wetterentscheidungen, wann wir zum Beispiel wenden wollen, bahnen sich über Tage an. Meinungsverschiedenheiten kommen da nicht wirklich auf. Nur in Notsituationen ergreife ich schneller die Initiative, weil ich das Boot schon länger kenne und mehr mit ihm gesegelt bin. Aber eigentlich ist die Hierarchie ausgeglichen.

SPIEGEL ONLINE: Vor wenigen Tagen ist die Vendée Globe gestartet, bei der Skipper alleine und nonstop um die Welt segeln - reizen Sie solche Rennen, die noch größer sind?

Herrmann: Ja, auf jeden Fall. Das ist mein Traum seit vielen Jahren.

Oehme: Mir macht eher der Umstand ein bisschen Angst, dass ich davon träume.

SPIEGEL ONLINE: Dass müssen Sie erklären.

Oehme: Ich habe gerade in Hamburg an der Technischen Universität mein Maschinenbaustudium beendet und könnte jetzt natürlich einen normalen Job anfangen. Eigentlich hatte ich das auch vor. Aber inzwischen spinnen wir uns hier eher zusammen, wie man so eine Vendée-Globe-Kampagne angehen würde. Boris träumt schon viel länger davon, und langsam infiziert mich das auch.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man so lange zu zweit auf hoher See unterwegs ist, lernt man sich kennen. Beschreiben Sie sich doch mal gegenseitig.

Oehme: Boris ist sehr ruhig, einer, der schon als Schüler die einschlägige Segelliteratur geliebt hat und immer diesen Traum von der Weltumsegelung hatte. Den verwirklicht er, ich will nicht sagen: kompromisslos - aber doch sehr intensiv und professionell. Er ist kein Träumer, der einfach losfährt, sondern überlegt sich genau eine gute Strategie und einen ausgereiften Plan.

Herrmann: Ich kenne Felix noch gar nicht lange. Ich erkenne mich aber ein bisschen in ihm wieder. Er ist ganz ruhig und unaufgeregt, spult hier sein Programm ab - und weiß zwischendurch genau wie ich die besonderen Momente zu schätzen: einen guten gefriergetrockneten Haselnusspudding-Nachtisch und ein kleines Glas Whiskey.

Das Interview führte Frieder Schilling

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