Porträt Capriati weiß jetzt, was sie wirklich will

Nach ihrem Olympiasieg 1992 ging es mit der Amerikanerin rapide abwärts. Bei den diesjährigen Australian Open erlebt Jennifer Capriati ein nicht mehr für möglich gehaltenes Comeback auf dem Court.


Melbourne - Nach dem Spiel ist sie stets adrett gekleidet und frisch geschminkt. Jennifer Capriati bastelt in Melbourne fleißig an ihrem neuen Image. Sie hat Herz gezeigt und behinderte Kinder aus "Melbourne's Royal Children Hospital" als ihre Gäste auf die Tennis- Anlage eingeladen. "Das war bestimmt nicht wegen der Publicity. Ich bin glücklich, dass sie einen schönen Tag erlebt haben."

Jennifer Capriati ist erwachsen geworden. "Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken, was die Welt von mir denkt. Das war ein großer Schritt in die richtige Richtung." Mit neuem Selbstvertrauen und alter Klasse erreichte die US-Amerikanerin in Melbourne durch ein 6:0, 6:2 über Ai Sugiyama (Japan) erstmals seit neun Jahren das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. "Es ist großartig, aber ich kann es noch nicht richtig fassen", sagte sie. Die ehemalige Nummer sechs der Welt kann mit weiteren Siegen bei den Australian Open sogar in die Top Ten zurückkehren.

Der Tiefpunkt: Capriati am 16.5.1994 auf einem Foto des Polizeidepartements in Coral Gables/ Miami nach ihrer Festnahme wegen Marihuana-Besitzes
DPA

Der Tiefpunkt: Capriati am 16.5.1994 auf einem Foto des Polizeidepartements in Coral Gables/ Miami nach ihrer Festnahme wegen Marihuana-Besitzes

Die im Tenniszirkus einst als Wunderkind gefeierte Jennifer Capriati, die später mit Marihuana-Missbrauch und Ladendiebstahl gegen die verlorene Kindheit rebellierte, fühlt sich geläutert und will als 23-Jährige in ihrem Sport wieder zu einer festen Größe werden. "Nun weiß ich, dass Tennis genau das ist, was ich wirklich will."

Sie war 13 und noch eine Amateurin, als sie ihr ehrgeiziger Vater Stefano schon zur Werbe-Millionärin machte. 1990 spielte sie erstmals als Profi und erfüllte die frühen Erwartungen bravourös. Sie gewann in den Jahren danach sechs Turniere, Olympia-Gold 1992 mit einem Finalsieg über Steffi Graf und über eineinhalb Millionen Dollar Preisgeld. 1994 und auch 1995 tauchte sie dann gar nicht mehr in der Rangliste auf. Sie war in ein tiefes Loch gefallen, begehrte auf gegen die Zwänge. "Es war eine harte Zeit, aber man wird dadurch auch weise", sagte ihre Mutter Denise Capriati.

Jennifer Capriati im olympischen Finale 1992 gegen Steffi Graf
AP

Jennifer Capriati im olympischen Finale 1992 gegen Steffi Graf

Von 1996 an hatte sich Jennifer Capriati mehr schlecht als recht auf dem Tennis-Platz versucht. Es war im vergangenen März, als Trainer Harold Solomon an ihrem Wohnsitz in Wesley Chapel in Florida auftauchte, ein ernstes Gespräch mit ihr führte und dann die Zusammenarbeit besiegelte. "Er sagte zu mir, dass ich es schaffen, dass ich sogar die Nummer eins werden kann, wenn ich es nur will."

Sie wollte wieder eine Tennisspielerin werden. 1999 kehrte Jennifer Capriati mit zwei Turniersiegen in Straßburg und Quebec zurück, wurde zur Comeback-Spielerin des Jahres gewählt. Die Vergangenheit hat sie begraben, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. Bei den US Open brach sie während einer Pressekonferenz in Tränen aus, als die Fragen nach den Sünden der Vergangenheit trotz aller Bitten immer wieder kamen.

In Melbourne hat sie ihre Ruhe; auch die Journalisten bohren nicht mehr. "Sie ist glücklich und sie fühlt sich gut. Und deshalb ist ihr Tennis zu ihr zurückgekehrt", sagte ihre Mutter. Und das ist der größte Sieg von Jennifer Capriati.

Von Volker Gundrum



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