Profiradfahren Ullrich schweigt zu neuen Doping-Vorwürfen

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen: Der des Dopings verdächtige Jan Ullrich will keinen Kommentar zu den schweren Vorwürfen des ehemaligen Team-Telekom-Masseurs Jef D'hont abgeben. Ullrichs Manager Strohband reagierte auf Nachfragen von SPIEGEL ONLINE einsilbig.

Glaubt man an die Bibel, erschien den 12 Aposteln an Pfingsten der Heilige Geist. Die Apostel legten ihre Angst vor Verfolgung und Bestrafung ab und fingen an, in verschiedenen Sprachen zu predigen. Daran sollte sich Jan Ullrich ein Beispiel nehmen. Denn zu Pfingsten erschien dem ehemaligen Radprofi erneut ein Geist aus alten Zeiten. Der frühere Masseur des Team Telekom, Jef D'hont belastete Ullrich heute in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" schwer.

Auf die Frage, ob er Ullrich Epo gespritzt habe, antwortete D'hont: "In Frankreich habe ich ihm die Mittel gespritzt. Ich habe sie ihm in den Arm gespritzt. Das dauert ungefähr zehn Sekunden, das ist so, als ob man einem zuckerkranken Patienten Insulin gibt." Der Belgier, der mit seinen Enthüllungen Anfang Mai im SPIEGEL eine Reihe von Dopinggeständnissen ausgelöst hatte, forderte Ulrich dazu auf, endlich Klartext zu reden. "Es wäre gut für ihn, wenn er auch reinen Tisch machen würde. Dann würde er sich freier fühlen."

Auch Ullrichs ehemaliger Teamkollege und T-Mobile Sportchef Rolf Aldag, der am vergangenen Donnerstag die Einnahme von Epo während seiner aktiven Zeit eingestand, rät Ullrich dazu, sein Schweigen zu brechen: "Die Wahrheit ist doch das Beste. Wenn er sie bisher gesagt hat, dann gut, wenn nicht, soll er sie sagen", so Aldag in der "Bild am Sonntag".

Doch daran denkt der Tour-de-France-Sieger von 1997 nicht. Stattdessen lässt er seinen Manager Wolfgang Strohband über seine Homepage erklären, dass es nichts zu erklären gibt: "Pressemeldungen, nach denen Jan Ullrich zu den aktuellen Ereignissen Stellung beziehen wird, sind falsch", heißt es dort: "Es gibt für Jan keinen Grund, sich öffentlich zu äußern", wird Strohband zitiert. Doch das war vor den neuen Anschuldigungen.

SPIEGEL ONLINE erreichte Wolfgang Strohband heute Morgen. Der Manager von Ullrich zeigte sich in dem Gespräch sehr einsilbig: "Wir haben zu der Sache nichts zu sagen", so Strohband. "Sie werden von mir kein Dementi hören und eine Pressekonferenz ist auch nicht geplant", sagte er.

An seinem Schützling scheinen die vergangenen zwei Wochen mit den zahlreichen Enthüllungen und Geständnissen von alten Teamkollegen und Ärzten komplett vorbei gegangen zu sein. Nett lächelnd und achselzuckend smalltalkte der 34-Jährige gestern mit einem Sat.1-Kamerateam. Er wisse gar nicht, was los sei, und habe im Übrigen auch nichts zu sagen. Aber es gehe ihm "supergut". Immerhin.

Dabei kommen die Einschläge jeden Tag näher. Nachdem zahlreiche Ex-Teamkollegen Ullrichs wie Udo Bölts, Aldag Bjarne Riisoder Erik Zabel sowie die jahrelangen Teamärzte des Magenta-Radstalls Doping zugegeben haben, geriet gestern auch Ullrichs früher Trainer Peter Weibel unter Druck.

Der U23-Trainer des Bund Deutscher Radfahrer (BDR) soll nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" gemeinsam mit dem Freiburger Mediziner und Olympia-Arzt Georg Huber Nachwuchsfahrer in den achtziger Jahren mit illegalen Mitteln versorgt haben. Dies sagten die früheren Fahrer Jörg Müller und Christian Henn der Zeitung. Ullrich hatte 1993 die Amateurweltmeisterschaft in Oslo gewonnen. Sein damaliger Trainer: Peter Weibel.

"Es ging doch nicht 1995 los, wie bei Telekom, sondern schon viel früher", berichtete der 39 Jahre alte Müller. Weibel sei für Dienstag "zu einem Gespräch einbestellt", teilte der BDR mit. Müller sagte, schon 1987 sei er während einer Rundfahrt in Frankreich von Weibel persönlich mit Andriol versorgt worden. Weibel habe den Fahrern auch noch weitere Medikamente gegeben: "Ich weiß nicht was, auch Injektionen." Kurz nach der Veröffentlichung gestand Huber und wurde vom BDR suspendiert. Auch die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) und die Uni Freiburg trennten sich von dem Mediziner. Weibel hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert.

D'Hont habe nach seinen Enthüllungen sogar eine Morddrohung erhalten. "Einmal, am Telefon. Ein Mann hat gesagt: Ich mach dich kaputt, ich mach dich tot. Das war ein Belgier, der seine Telefonnummer nicht unterdrückt hatte. Das habe ich nicht ernst genommen", sagte der Betreuer, der nach seiner Buch-Veröffentlichung auch einen Anruf vom inzwischen geständigen Ex-Telekom-Fahrer Bölts erhalten hatte: "Er fragte mich: Komme ich auch vor? Und: Musst Du die Ärzte so belasten?"

Dass D'Hont, dessen Buch in Belgien auf Platz eins der Bestsellerlisten steht, erst jetzt auspackt, lag daran, dass sein Sohn lange Zeit als Betreuer beim Telekom-Team angestellt war. Er hoffe nun, dass auch in anderen Ländern, Teams auspacken werden. "Dort ist Doping auch Bestandteil, das weiß ich."

Der Belgier lieferte die Erklärung für Ullrichs angebliche Dopingeinnahme unterdessen gleich mit: "Wenn alle sauber gewesen wären, hätte Ullrich zehn Mal die Tour gewonnen". Er wisse nicht, ob Ullrich jemals Doping-Mittel habe nehmen wollen. "Aber er hat damals mitgemacht, weil es alle taten." Die meisten seiner Apostel haben mittlerweile ihr Schweigen gebrochen. Bei Ullrich, der stets beteuerte, in seiner Karriere "niemanden betrogen oder geschädigt" zu haben, hat man das Gefühl, dass es dazu langsam zu spät ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.