Prozess gegen Sportrechte-Manager Funktionäre unter Korruptionsverdacht

Wer kassierte 138 Millionen Franken? Am zweiten Tag des Prozesses gegen frühere Manager des Sportrechte-Giganten ISL/ISMM wurden Details über gezahlte Schmiergelder publik. Sie sollen auch an die Fifa und das IOC geflossen sein.

Aus Zug berichtet


Die Diskussion über Korruption im olympischen Weltsport erhält eine neue Dimension. Das Firmenkonglomerat ISL/ISMM, einst die Nummer eins der weltweiten Sportvermarktung, soll zwischen 1989 und 2001 insgesamt 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an hochrangige Sportfunktionäre und deren Tarnfirmen gezahlt haben. So jedenfalls wurde es heute vor dem Strafgericht des Schweizer Kantons Zug dargelegt – und keiner der vier anwesenden angeklagten ehemaligen ISL-Manager widersprach. Im Gegenteil, zwei der Angeklagten, denen mehrjährige Freiheitsstrafen wegen Betruges, Gläubigerschädigung, Urkundenfälschung und Konkursverschleppung drohen, bestätigten das von der Staatsanwaltschaft vorgebrachte Material ausdrücklich.

Früherer ISL-Chef Weber: Aussage verweigert
AP

Früherer ISL-Chef Weber: Aussage verweigert

Bestechungsgeld in Höhe von 18 Millionen Franken wurde demnach in den vergangenen beiden Jahren bis zum ISL-Konkurs 2001 über Stiftungen wie die Nunca (Liechtenstein) und die Sunbow (British Virgin Islands) abgewickelt. Am Ende soll immer der langjährige ISL-und ISMM-Verwaltungsrats-Vize Jean-Marie Weber die Klientel aus den Sportverbänden bedient haben, meist in bar. Richter Marc Siegwart machte zudem öffentlich, dass die Verteidigung eines der Beschuldigten die Summe der gezahlten Bestechungsgelder im Zeitraum von 1989 bis 1999 auf 120 Millionen Franken taxiert. "Das hat fast etwas Verschwörerisches an sich", sagte der Richter, der einige Details genüsslich ausbreitete. Etwa vergleichsweise bescheidene Zahlungen in Höhe von 211.625 Franken an das Fifa-Exekutivmitglied Nicolás Leoz (Paraguay).

"Wieso zahlen sie Rechteerwerbskosten an den Präsidenten eines Fußballverbandes? Wieso soll das dem Gericht klar sein?", fragte Richter Siegwart. "Wieso ist Vertraulichkeit eigentlich so wichtig?" Hans-Jürg Schmid, ehemaliger ISMM-Finanzchef, antwortete: "Wenn sie (Funktionäre; die Red.) Schmiergeld in Empfang genommen haben, das sie nicht mit Arbeit verdient haben, sondern zusätzlich bekommen für Dienstleistungen, wollen sie das nicht veröffentlichen." Das sei, als wenn man Lohn bezahlen müsse, sonst "werde nicht mehr gearbeitet", so Schmid. "Ansonsten wären diese Verträge von der anderen Seite nicht unterschrieben worden."

Fünf Millionen nach Kuweit

Die andere Seite? Man muss sich nur die Partner der ISMM-Holding aus jenen Jahren anschauen: Die Firma makelte milliardenschwere TV- und Sponsorenverträge mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), Weltverbänden in Fußball (Fifa), Leichtathletik (IAAF), Schwimmen (Fina), Basketball (Fiba), den Fußballkontinentalverbänden in Afrika (Caf) und Europa (Uefa), dem asiatischen Olympiakomitee (Oca), der Tennis-Organisation ATP und etlichen mehr. Aus jenen Verbänden und Organisationen sollen laut Anklage die Empfänger dieser 138 Millionen Franken stammen.

Im internen Sprachgebrauch hieß es "Rechteerwerbskosten", "Kommissionen", "Honorare" oder "Provisionen". Fünf Millionen Euro sollen allein an den Kuweiti Abdul Muttaleb gegangen sein, den früheren Generalsekretär des Asiatischen Olympischen Komitees, der 2004 vom IOC zur unerwünschten Person erklärt wurde. Der Richter wollte wissen: "Wieso wurde an diese Person derart viel Geld gezahlt? Fünf Millionen an einen Mann aus Kuweit, das sollen Rechtserwerbskosten gewesen sein? Für jedes Nachtessen von hundert Franken braucht es einen Beleg. Wieso wurde das ohne jede Belege gemacht?" Schmid antwortete: "Wahrscheinlich hätte man nie Belege bekommen von diesen Personen."

"Es handelte sich um namhafte Entscheidungsträger"

Der ehemalige ISMM-Chef Christoph Malms erklärte: "Diese Praxis war unerlässlich, sie war branchenüblich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts. Sonst wäre der Bestand des Unternehmens nicht möglich gewesen. Ohne das geht es nicht. Das hat mich sehr besorgt." Malms legte bei seiner Aussage heute Wert darauf, dass schon lange vor seinem Eintritt in die Firma gezielt bestochen worden sei. Er habe das erst später bemerkt. "Ich wollte damit aufhören, das musste aufhören. Ich kenne die Endbegünstigten nicht. Mir ist immer bestätigt worden, es handelt sich um namhafte Entscheidungsträger in der Sportpolitik."

Kurz vor dem geplanten Börsengang der ISMM wurden die Stiftungen Nunca und Sunbow gegründet, um der Gefahr der Enttarnung zu begegnen. Das Konzept sei von einer Züricher Kanzlei erarbeitet und von den eidgenössischen Finanzbehörden abgesegnet worden, sagte Malms heute aus. Der Manager machte klar, dass er weitere Personen in der Verantwortung sieht, die in Zug allerdings nicht auf der Anklagebank sitzen.

Der Schweizer Steuerbehörde wurden nur die Bestechungssummen, nicht aber die Namen gemeldet, sagte der ehemalige ISMM-Finanzchef Schmid: "Alle diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen und dass die (Sportfunktionäre; die Red.) sich dran halten." Die Buchhaltung über die Bestechungsgelder habe der mitangeklagte Hans-Peter Weber geführt, das Geld habe Jean-Marie Weber ausgezahlt. Nur er kenne sämtliche Empfänger der Schmiergeldsummen. Hans-Peter und Jean-Marie Weber verweigerten auch heute die Aussage. Der Strafprozess wird am 31. März fortgesetzt. Die Staatsanwaltschaft verlangt Haftstrafen zwischen drei und viereinhalb Jahren für die Angeklagten.



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