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Public Race Days: Laut, dreckig, schnell

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Public Race Days am Hockenheimring Astra la vista!

Eine Viertelmeile mit Vollgas geradeaus: Auf dem Hockenheimring fahren Hunderte Amateure mit selbst getunten Autos Beschleunigungsrennen - und da verliert schon mal der Ferrari gegen den Opel Astra.

Der Geruch von verbranntem Gummi mischt sich mit Abgasen, die Motoren heulen wie Flugzeugturbinen. Wegen einer bläulichen Rauchwolke kann man nur schwer erkennen, was auf dem Hockenheimring gerade vor sich geht.

Genau so lieben es die Zuschauer: Bei den Public Race Days , wo Amateure ohne Rennlizenz mit selbst getunten Autos möglichst schnell geradeaus fahren wollen, ist keine Rede von Dieselskandal oder Elektromobilität.

Je länger die Dragster, also speziell für Beschleunigungsrennen konzipierte Fahrzeuge, die Hinterräder durchdrehen lassen und je schwungvoller sie sich schließlich Richtung Startlinie katapultieren, desto eher haben ihre Fahrer die Chance, mit dem "schönsten Burn-out des Tages" geadelt zu werden.

Neben dem Show-Effekt soll das Manöver dazu dienen, die Slicks unmittelbar vor dem Start auf die optimale Temperatur zu erwärmen, um so die Traktion zu verbessern. Behaupten zumindest die Fahrer.

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Public Race Days: Laut, dreckig, schnell

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"Drag Racing ist innerhalb des Motorsports eine Nischensportart, aber eine, die eine treue Fangemeinde hat. "Entweder man guckt sich das einmal an und geht sofort wieder nach Hause, oder man hängt am Haken", sagt Benni Voss. Der ausgebildete Motorradmechaniker sitzt seit 1993 in Hockenheim an der Rico Anthes Quartermile am Mikrofon und kommentiert das Renngeschehen, das seinen Ursprung im Amerika der Nachkriegszeit hat. Die Public Race Days werden seit 2005 veranstaltet und dienten ursprünglich ausschließlich als Aufwärmphase für die eine Woche später stattfindenden NitrOlympX.

Fahrer und Teams bereiten beim Test & Tune ihre Fahrzeuge auf das seit 1986 jährlich stattfindende Beschleunigungsrennen vor, das laut Veranstalter zu einem der größten Drag-Race-Events in Europa gehört. Der Name leitet sich vom Nitromethan ab, mit dem die Dragster in der Königsklasse, der Top Fuel, betankt werden. Die Öffnung der Strecke für Hobbyfahrer soll den "Public Racern" laut Voss ermöglichen, ihre getunten Quartermile-Renner auf einer präparierten Piste zu neuen Streckenrekorden treiben zu können. Abseits der offiziellen Drag Races finden Viertelmeilenrennen für Fahrer ohne Rennlizenz und Wagenpass lediglich auf Flugplätzen statt. Entsprechend groß ist die Nachfrage am Ring: Mittlerweile sind die Anmeldungen für die Public Race Sessions auf 300 pro Renntag beschränkt.

Es zählen Technik, Leistung und Beschleunigung

Das Fahrerfeld ist dabei ebenso vielfältig wie die Autos, die sich an der genau 402,33 Meter langen, vom Reifengummi geschwärzten Strecke auf zwei Fahrbahnen nebeneinander aufstellen und die in verschiedenen Hubraumklassen gegeneinander antreten. Zu beobachten sind ein VW Gol aus Brasilien, getunte Käfer, Lamborghini, verblichene Opel Corsa, denen man die 400 PS unter der Haube nicht ansieht. Daneben dröhnen die bunt lackierten Dragster mit Fallschirmen und Traction Bars am Heck, die ein Überschlagen des Fahrzeugs verhindern sollen.

Die Drag Racer sind mit ihren Teams und Freunden am Ring. Man kennt sich in der Szene. Viele sind Mechaniker oder Ingenieure, arbeiten gemeinsam in Tuning-Werkstätten oder importieren und restaurieren amerikanische Fabrikate. Hobby und Beruf sind oft miteinander verschmolzen, so wie bei Eric Mathis. Der Schweizer gewann im vergangenen Jahr die NitrOlympX in seiner Klasse. Sein roter Chevrolet Bel Air, Baujahr 1957, steht zum Schutz vor dem Regen unter einem Zelt. "Das Auto ist nicht ganz dicht, genau wie sein Fahrer", sagt Teamchef Peter Schrödel.

Der Chevy ist innen ausgebaut, um Gewicht zu sparen, hinten hochgebockt, um die Reifen zu schonen, der V8-Motor ist mit einem Kompressor versehen. "Ich habe das alles selbst umgebaut, und jetzt ist da dieser Traum: Das Auto soll immer schneller werden. Das ist wie eine Sucht", sagt Mathis. Markus Hegna, der mit seinem auf 1193 PS hochgerüsteten Golf IV in Polizei-Streifenwagen-Optik am ersten Renntag die schnellste Zeit in seiner Klasse fuhr, ergänzt: "Die Beschleunigung ist brutal. Für uns ist das wie eine Droge."

Was treibt die Hobbyfahrer auf die Rennstrecke?

Die Droge scheint auch im Fahrerlager der Public Racer im Umlauf zu sein. Zwar finden sich in der Warteschlange vor der Startlinie auch Teilnehmerinnen wie Karin Chan, eine der wenigen Frauen auf der Strecke. Sie fährt die Viertelmeile zum ersten Mal und sagt, dass sie alles im Leben einmal ausprobieren möchte. Doch alle anderen hängen längst am Haken: "Wenn man vorfährt, ist man allein mit sich selber. Es gibt nur dich, das Auto und die 400 Meter. Es ist einfach befreiend", so der 28-jährige Dominik Schreier.

An der Startlinie quietschen die Reifen, der Boden vibriert. Wenn die Fahrer schalten, knallt es an der Strecke. Alles ist ein bisschen vulgär: laut, dreckig, schnell.

Die Hobbyracer sind in ihrem Element. Sie rasen die Viertelmeile hinab, drehen eine Runde durch das Fahrerlager, stellen sich wieder an. Viele wollen nur Spaß haben oder gegen Freunde antreten. Einige wollen eine neue Bestzeit auf dem ausgedruckten Zeitbeleg, dem begehrten Timeslip, mit nach Hause nehmen, und nahezu alle testen, ob ihre eingebauten Motoren und Getriebe das hergeben, was sie sich von ihnen versprochen haben.

Charmant an den Public Race Days ist dabei das Unvollendete des Testwochenendes, abseits der professionellen Dragster-Events. So würgen nervöse Neulinge den Motor ab, Carlos Schmidt gelingt mit seinem 56er Chevy Bel Air zwar nicht der Burn-out, dafür blinkt während des gesamten Rennens der linke Blinker. Gelegentlich tropfen Flüssigkeiten auf die Startbahn. "Der lachgasgetunte Corsa hat Inkontinenzprobleme", schallt es dann launig aus dem Kommentatorenhäuschen.

Und so kommt es dazu, dass im Rennen zwischen Ferrari und Opel Astra der Unterlegene gewinnt: Der Ferrarifahrer hatte vor dem Start vergessen, den Rückwärtsgang herauszunehmen.

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