Football-Talent Joe Burrow Der junge Tiger greift an

Wenn am Abend die Playoffs im College Football beginnen, steht ein Spieler im Fokus: Joe Burrow, Quarterback der LSU Tigers - und frischgebackener Spieler des Jahres. Seine Karriere verlief alles andere als geradlinig.
Der Quarterback der LSU Tigers, Joe Burrow, hat noch viel vor

Der Quarterback der LSU Tigers, Joe Burrow, hat noch viel vor

Foto: John Bazemore AP

Wer Joe Burrow das erste Mal sieht, bekommt leicht den falschen Eindruck: ein blonder Junge mit eher weichen Gesichtszügen, Star-Quarterback der LSU Tigers, Topathlet in einem der besten College-Football-Teams - ein Gewinnertyp, dem alles gelingt.

Burrow stammt aus einer Football-Familie: Sein Vater war bis 2018 Defensive Coordinator für das Team der Universität von Ohio in Athens, seine beiden Halbbrüder spielten für Nebraska. Der jüngste Sprössling ist nun frischgebackener Gewinner der Heisman Trophy für den besten Spieler im College Football. Mit 93,8 Prozent der abgegebenen Stimmen erreichte er das beste Ergebnis in der Geschichte der Trophäe, die seit 1935 vergeben wird.

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Keine Perspektive bei Ohio State nach "Freak-Unfall"

Doch Burrows Geschichte ist viel komplizierter, als es oberflächlich aussieht: Die ersten drei Jahre am College verbrachte der heutige Superstar auf der Ersatzbank der Ohio State Buckeyes, dem nach den Esskastanien seines Heimatstaates benannten Topteam. 2017 verhakte er sich dann im Training in der Ausrüstung eines Mitspielers und brach sich die Hand. Der "Freak-Unfall", wie Burrow ihn nennt, kostete ihn den Startplatz der Saison, die seinen Durchbruch hätte bringen sollen. Im Sommer 2018 wurde dann klar, dass Ohio State den heutigen Quarterback der Washington Redskins, Dwayne Haskins, zum neuen Starter machen würde.

Burrow, der nur noch zwei Spielzeiten am College auflaufen durfte, sah sich mit dem Ende aller Träume konfrontiert: Kein NFL-Team würde einen Spieler draften, der keine einzige Saison als College-Starter gespielt hätte. Burrow musste einen Traum aufgeben, um seinen anderen zu verwirklichen: Statt in Ohio für die Buckeyes aufzulaufen, wechselte er in den tiefen Süden der USA, nach Baton Rouge, Louisiana, zu den LSU Tigers.

Während im US-Profisport Wechsel in weit entfernte Städte üblich sind, spielen an den Unis noch immer mehrheitlich Studenten aus dem erweiterten Einzugsgebiet. Von den 111 Spielern, die aktuell im Kader der Tigers stehen, stammen 61 aus Louisiana - und die anderen bis auf wenige Ausnahmen aus angrenzenden Südstaaten. Kein Spieler außer Burrow kommt aus Ohio.

Flusskrebse statt Esskastanien

In Louisiana lernte Burrow nicht nur die lokalen Spezialitäten Crawfish (Flusskrebse) und Gumbo (ein lokaler Eintopf) lieben, wie er während seiner Heisman-Rede erzählte, sondern führte die Tigers mit 13 Siegen und keiner Niederlage in die Playoffs. Seine persönlichen Statistiken sind herausragend: Er brachte fast 78 Prozent seiner Würfe zum Mitspieler, erzielte dabei 4715 Yards Raumgewinn und 48 Touchdowns. In das Halbfinale gegen Oklahoma gehen die Tigers als haushoher Favorit.

In seiner Heisman-Rede dankte Burrow nicht nur wie üblich Eltern und Trainern, sondern sprach mit tränenerstickter Stimme auch von den sozialen Problemen in Ohios Südosten: "Die Armutsrate ist dort fast doppelt so hoch wie im nationalen Durchschnitt" so Burrow. "Und ich stehe hier für alle Kinder aus Athens, bei denen nicht sehr viel Essen auf dem Tisch steht, wenn sie nach Hause kommen, die nach der Schule hungrig bleiben. Und ich möchte ihnen sagen: Auch ihr könnt hier oben stehen."

Bei der Heisman-Preisverleihung kamen Burrow die Tränen

Bei der Heisman-Preisverleihung kamen Burrow die Tränen

Foto: Todd van Ernst AP

Eine im Anschluss auf Facebook eingerichtete Spendenkampagne zugunsten einer Tafel für sozial Schwache sammelte innerhalb weniger Tage fast 500.000 Dollar ein. Leiterin Karin Bright dankte Burrow auf YouTube nicht nur für die Spenden, sondern auch dafür, "ein Gespräch auf nationaler Ebene über Hunger und Lebensmittelhilfe" angestoßen zu haben. "So etwas während der Heisman-Verleihung zu sagen, hat sehr viele Leute berührt. Er wirft ein helles Schlaglicht auf ein Thema, über das normalerweise gar nicht geredet wird."

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes?

Für einen seiner ehemaligen Highschool-Trainer, Ryan Dams, kam Burrows Anteilnahme nicht überraschend: "In der Schule wählte er immer Mitschüler in sein Team, die nicht so gut waren. Er erzielte alle Punkte, aber sie gewannen zusammen. Dann habe ich ihm gesagt: 'Beim nächsten Mal musst du sie auch punkten lassen.' Am Ende durfte er gar keine Punkte mehr erzielen, aber er war so gut darin, seine Mitspieler besser zu machen, dass sie trotzdem gewannen", berichtete Adams dem US-Magazin "The Athletic".

In Athens verkauft die örtliche Walmart-Filiale sogar Artikel aus dem Fanshop der LSU Tigers.

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Sollte Burrow im College-Finale auf seine alten Teamgefährten der Ohio State Buckeyes treffen, dürfte es also in einigen Bars des Bundesstaats zu Loyalitätskonflikten kommen. Ähnlich geht es wohl Burrow selbst, der von sich als "just a kid from Ohio" spricht. Trotz seiner erklärten Liebe zu den Fans in Louisiana, die ihn "wie einen Sohn" aufgenommen hätten, sprach er in einem Interview kürzlich in Bezug auf Michigan vom "Team from up North" - eine klassische Floskel von Ohio-State-Fans, die den Namen des Erzrivalen nicht aussprechen mögen.

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Vielleicht kehrt Burrow auch schneller zurück als gedacht: Mit nur einem Sieg bei 14 Niederlagen haben sich die Cincinnati Bengals in der NFL bereits den Titel als schlechtestes Team der Liga gesichert - und damit den ersten Platz bei der jährlichen Auswahl der besten College-Spieler. Am Ohio River träumt man daher bereits von der Rückkehr des verlorenen Sohns. Mit einem Tiger haben die Bengals in jedem Fall schon mal dasselbe Wappentier wie die LSU. Und auch die Trikots haben erste Fans bereits bedruckt.

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