Radprofi Contador Der Mann, den Armstrong fürchten muss

Sie sind Teamkollegen, und sie liefern sich den wohl härtesten Kampf bei dieser Tour de France: Die Astana-Akteure Alberto Contador und Lance Armstrong fahren um den Gesamtsieg. Auf die Verbalattacken des Amerikaners antwortet der kleine Spanier am liebsten auf seine Weise - mit sportlicher Leistung.

Von , Limoges


Es hat schon viele Herausforderungen in seinem Leben gegeben, und Alberto Contador hat sie je nach Sichtweise immer entweder gemeistert oder schadlos überstanden. Die Siege bei der Tour 2007, beim Giro d'Italia, der Vuelta (beide 2008). Die Fuentes-Affäre, in der Contador zunächst mit seinem Kürzel A.C. aufgetaucht und in einer überarbeiteten Liste dann wieder verschwunden war.

Radprofi Contador: "Wer die Tour gewinnen will, braucht ein Team"
AFP

Radprofi Contador: "Wer die Tour gewinnen will, braucht ein Team"

Bisher hat Alberto Contador Velasco, 26, alles richtig gemacht. Er saß auf dem Rad und fuhr seinen Gegnern davon. Oder er dementierte, jemals gedopt zu haben. Beides tat er sehr erfolgreich.

Jetzt sitzt Contador in der Hitze von Limoges auf einem Plastikstuhl und spricht über eine neue Herausforderung. Lance Armstrong - sein ehemaliges Vorbild, sein derzeitiger Teamkollege, der 37-jährige siebenmalige Toursieger - duelliert sich seit Tagen mit dem Spanier. Doch die Attacken des US-Amerikaners erfolgen nicht am Berg, wo sie Contador mit Leichtigkeit parieren könnte.

Sie kommen mit Worten.

Contador respektiere ihn nicht, Contador müsse noch viel lernen, Contador habe in Arcalis gegen den Teamplan verstoßen. Armstrong, der seinem Astana-Kollegen (und nominellen Kapitän) auf der dritten Etappe selbst viel Zeit abnahm, gibt Interviews im französischen Fernsehen, diktiert Reportern immer neue Sticheleien in den Block - Contador aber, ein schüchterner Zeitgenosse, schwieg bisher und äußerte sich vor allem in vom Team verbreiteten Statements.

Auch deshalb ist es jetzt so voll in diesem Betonklotz von Hotel mit den blau-weißen Sonnenschirmen und dem Pool. Dutzende Journalisten sitzen auf dem Boden auf der Terrasse. Kameras aus Spanien, Deutschland und Frankreich sind vor Contador aufgepflanzt, diesem hageren jungen Mann mit Basecap, der zwischen den beiden Dolmetschern zerbrechlich aussieht. Wird er sich wehren? Wird er vorsichtig kritisieren? Frieden schließen?

Contador beginnt jeden Satz mit "Bueno", dann holt er kurz Luft. Zeit, in der sich dann sehr diplomatische Sätze formen. Bei seiner Attacke in Arcalis habe er sich gut gefühlt. Gut sei das fürs Team gewesen. Und nach den Verbalattacken von Lance sei er ruhig geblieben. "Im Übrigen kann ich das alles nicht mehr hören und möchte es eigentlich auch nicht mehr kommentieren." Er will dieses leidige Thema hier beenden, am besten gleich.

Aber es geht gerade erst los.

Essen Sie mit Lance zusammen? Sitzen Sie an einem Tisch?

"Ja, die Situation ist normal. Wir sind nicht die besten Freunde, aber es ist sicher nicht so schlimm, wie es dargestellt wird."

Gibt es Gruppen innerhalb des Teams? Wer hält zu Ihnen? Fühlen Sie sich von Teamchef Johan Bruyneel (dem Armstrong-Intimus; die Red.) zurückgesetzt?

"Nein. Alle verhalten sich professionell, daran habe ich keinen Zweifel."

Bueno, am wichtigsten sei überhaupt, dass Astana am Ende in Paris gewinne. "Und wer die Tour gewinnen will, braucht ein Team. Allein ist das unmöglich."

So geht das eine gute halbe Stunde lang. Immer wieder betont Contador, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit für den Erfolg sei. Die Botschaft ist klar: Ich konzentriere mich auf den Sport, auf den Erfolg. Und Armstrong? Der US-Amerikaner sei nicht nur ein Radfahrer, "er ist ein Star", sagt Contador. Wer will, kann da Respekt herauslesen. Dabei geht es nicht um Sportliches, sondern den Medienrummel, den Armstrong erzeugt. Und um Journalisten, die jedes Wort verbreiten, das der 37-Jährige von sich gibt.

Die Astana-Armstrong-Contador-Affäre ist auch deshalb zum Überthema dieser Tour de France geworden, weil die Rundfahrt selbst sportlich so langweilig ist. Nur so konnte sich ein geplantes Funkverbot für die Teams auf der 10. und 13. Etappe zu einer Staatsaffäre auswachsen. Womöglich wurde auch Contador überrascht, welche Tragweite ein simpler Antritt auf dem Weg nach Arcalis haben würde. Er habe doch einfach nur "gute Beine" gehabt und wolle das Beste für das Team, versichert er. Nun sei er des Themas aber wirklich leid.

Vier Tage, nachdem Lance Armstrong im September 2008 offiziell sein Comeback bekanntgab, fuhr Alberto Contador bei der Spanien-Rundfahrt ins Goldene Trikot. 42 Sekunden Vorsprung hatte er am Ende der 13. Etappe in Alto de Angliru. Der Astana-Kapitän wusste da schon, dass sich sein Team um Armstrongs Dienste bemühte - und gab seine Antwort auf dem Rad.

In diesem Jahr soll es nicht anders sein. Denn dass der Spanier trotz aller Diplomatie von einem Sieg über Armstrong überzeugt ist, macht er ganz am Schluss indirekt deutlich. Auf die Frage, wen er als größte Konkurrenten um den Toursieg sehe, nennt Contador nur zwei Namen: Andy Schleck und Carlos Sastre.

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Seite 1
Brieli 02.07.2009
1.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Wie üblich. Beides. Ist doch egal, ob ein Doper mehr oder weniger mitfährt.
Parisienne, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Ach ja, es ist wieder so weit, die Tour de Farce! Allein die Schlamperei der WADA mit dem Sinkewitz-Protokoll zeigt doch, in welch katastrophalem Zustand sich der Radsport noch immer befindet. Dann wurde auch gleich noch Thomas Dekker positiv auf EPO getestet, wunderbar. Wer noch immer daran glaubt, der Radsport könnte in absehbarer Zeit wieder sauber sein, tut mir einfach nur leid. Und Lance Armstrong? Was hat eigentlich Jan Ulrich die nächsten Wochen so vor?
DickBush, 02.07.2009
3. Lance setzt ein gutes Signal an
Auch andere Sportarten sind von der Drogenplagge nicht frei gewesen, im Radsport hat man aber ganz hart und konsequent gehandelt. Die Tour war und ist eine in jedem Bezug tolle Veranstaltung, es ist ein Glücksfall daß sich der große Lance wieder zum Wort gemeldet hat!
a.narchist, 02.07.2009
4. Als Kind die Friedensfahrt, später die Tour der Leiden ...
heute totale Radsport-Abstinenz. Allerdings gucke ich mir auch keine Leichtathletik-Wettbewerbe mehr an und keine ... Der ganze versiffte Kommerz-Sport kann mir gestohlen bleiben. Kälbermast-Mittel für Menschen und für Menschen gedachte Arzeneien den Pferden verabreicht. Olympiasieger - zwei Jahre Sperre - Weltmeister und wieder gedopt, die Karriere von Kugelstoßern. Hammerwerferinnen, die echt "der Hammer" sind und nun der König des Doping wieder auf dem Rad. Wer da noch mitfiebert, sollte einen Arzt aufsuchen oder die eigenen Medikamente absetzen.
Shiraz, 02.07.2009
5.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Hihi, alle Jahre wieder:-) Verseucht, verlogen, versaut. Schau ich mir nicht mehr an.
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