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Ex-Radprofi Armstrong Aufgeben statt gestehen

Ende einer Legende: Lance Armstrong verzichtet auf einen Gerichtsprozess, in dem er sich gegen die Dopinganschuldigungen hätte wehren können. Dafür gilt er offiziell aber nun auch nicht als Gedopter. Der Preis dafür ist hoch - wahrscheinlich der Verlust aller Tour-de-France-Titel.

Lance Armstrong ist kein Dopingsünder. Positive A- und B-Probe? Gibt es nicht. Eine Verurteilung wegen Dopings? Wird es nie geben. Und dennoch bestehen kaum noch Zweifel daran, dass der US-Amerikaner seine sieben Titel bei der Tour de France mit Hilfe verbotener Substanzen geholt hat. Nur offiziell wird ihm das nie nachgewiesen werden können, dafür hat er nun höchstpersönlich gesorgt.

"Es kommt ein Punkt im Leben jedes Menschen, an dem er sagen muss: 'Es reicht.' Für mich ist dieser Punkt jetzt gekommen", teilte Armstrong in einem Statement mit. Er hält die US-amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada, die ihn wegen Dopings angeklagt hatte und die Aberkennung seiner sieben Tour-Titel sowie eine lebenslange Sperre erwirken will, für nicht zuständig. Das sieht ein ordentliches Gericht in Texas aber anders. Armstrong hatte die Wahl: Verhandlung vor einem Schiedsgericht oder in Kauf nehmen, dass die Titel - und damit sein einstiger Heldenstatus - futsch sind. Er entschied sich für die zweite Möglichkeit.

Armstrongs Verzicht, seinen Fall vor Gericht verhandeln zu lassen, kommt einem Eingeständnis gleich. Er hätte sich ja wehren können. Seine Anwälte hätten Beweise und Zeugen präsentieren können, die den Tour-Rekordsieger entlasten. Die belegen würden: Armstrong war bei seinen Erfolgen in Frankreich von 1999 bis 2005 immer sauber, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sind haltlos. Er wollte sich aber nicht wehren. Und das legt den Verdacht nahe: Er konnte es nicht.

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Lance Armstrong: Der tiefe Fall des Tourminators

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Armstrongs Taktik, alles abzustreiten, hatte ja auch jahrelang Erfolg. Schließlich gab es nie eine eindeutige A- und B-Probe, die ihn des Dopings überführt hätte. Natürlich gab es Gerüchte, sogar auffällige Urinproben, aber eben nie eine Anklage oder Verurteilung. Und so lange das Prinzip der Omertà, des Schweigegelöbnisses unter den Radprofis, funktionierte, musste Armstrong kaum etwas fürchten. Das änderte sich, als seine ehemaligen Teamkollegen auspackten.

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Im Schatten der Dopingvorwürfe: Die Karriere des Lance Armstrong

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"Er (Armstrong, d.Red.) hat genommen, was wir alle genommen haben. Epo, Testosteron, Bluttransfusionen", sagte Tyler Hamilton, einst Armstrongs Helfer beim Team US Postal. Er habe oft dabei zugesehen, wie sich Armstrong selbst Epo injizierte, unter anderem vor seinem ersten Tour-Sieg 1999. "Es lag immer in seinem Kühlschrank", sagte Hamilton, selbst zweimal des Dopings überführt. Auch George Hincapie und Floyd Landis hatten sich zuletzt von Armstrong abgewendet und ihn schwer belastet.

Armstrong argumentiert mit fehlender Fairness

Es wäre für Armstrong wohl unmöglich gewesen, diesen Kronzeugen der Usada etwas entgegenzusetzen. Zumal der Prozess nicht hinter verschlossen Türen geführt und das einstige Radsportdenkmal Lance Armstrong in aller Öffentlichkeit demontiert worden wäre. Diese Demütigung wollte er sich ersparen.

Vor allem aber kann Armstrong weiterhin behaupten, niemals gedopt zu haben. Er ist ja nicht offiziell überführt oder verurteilt, und wird es jetzt auch nicht mehr werden. Denjenigen, die behaupten, sein Verzicht auf einen Prozess sei doch ein Schuldeingeständnis, wird er das entgegnen, was er am Donnerstag mitteilte: Dass ein solcher Prozess "einseitig" und "unfair" gewesen wäre. Nur noch mal zum Mitschreiben: Armstrong argumentiert mit fehlender Fairness.

Dass ihm seine Tour-Titel aberkannt werden, gilt als höchstwahrscheinlich. Zwar sagt Armstrong, die Usada habe kein Recht, ihm diese zu entziehen. Deren Präsident Travis Tygart entgegnet jedoch, der Weltradsportverband UCI als Unterzeichner des Welt-Anti-Doping-Kodex sei "verpflichtet, unsere Entscheidung anzuerkennen und zu verhängen".

Sollte es so kommen, wäre der Schaden immens. Nicht nur für Armstrong sondern auch für die UCI, die jahrelang Kenntnis von den Vorwürfen gegen den Radprofi hatte, diesen aber - vorsichtig formuliert - nicht gerade hartnäckig nachging. Für den Radsport generell wäre es ein weiterer wichtiger Schritt bei der Aufarbeitung der Dopingvergangenheit.

Erst Jan Ullrich, dann Alberto Contador, nun Lance Armstrong. Natürlich ist der auch ein Dopingsünder - nur kein offiziell verurteilter.

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