Radsport in der Doping-Krise "Kranke Welt"

Ehemaliger Wada-Chef klagt an: Im Interview mit dem SPIEGEL zeigt sich Richard Pound desillusioniert. Im Kampf gegen die Doping-Mafia herrsche keine Waffengleichheit. Zudem hätten die Funktionäre die Chance ungenutzt gelassen, einen Doping-Ring zu sprengen.

Hamburg - Den Doping-Jägern fehlen aus Sicht von Richard Pound die Waffen, um wirksam gegen das systematische Dopen im Radsport vorzugehen. Pound ist seit 30 Jahren Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, von 1999 bis 2007 war er Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

Pound sagte dem SPIEGEL, das Doping-System weise mafiöse Strukturen auf. Deshalb sei eine engere Zusammenarbeit von Doping-Fahndern und Staatsanwaltschaften aus seiner Sicht unabdingbar. "Wir haben zu wenig Waffen, wir können nur Urin und Blut testen. Die Ermittler können E-Mails lesen, Telefonate abhören. Ihr Arsenal ist größer als ein Fläschchen Pipi", erklärte der kanadische Funktionär, der für eine unverblümte Rhetorik bekannt ist. Zugleich griff Pound die derzeitige Wada-Führung an, die seiner Meinung nach die Chance ungenutzt ließ, einen Doping-Ring zu sprengen, der angeblich unter anderem jamaikanische Spitzen-Leichtathleten versorgen soll.

Diesen Tipp hatte Pound im Dezember 2007 von Victor Conte, dem ehemaligen Chef des kalifornischen Balco-Doping-Labors, erhalten. Das Gespräch mit Conte war eine seiner letzten Amtshandlungen: "Wenn ich noch Präsident wäre, hätte ich mich noch ein paar Mal mit Conte getroffen. Aber das aktuelle Management scheint das nicht für nötig zu halten. Ich bin enttäuscht, ich war überzeugt, dass wir im Kampf gegen Doping wichtige Fortschritte machen könnten."

Pound sprang auch dem Doping-Kronzeugen Jörg Jaksche zur Seite und sprach ein vernichtendes Urteil über den Radsport. Der Ansbacher Radprofi hatte nach seinem Geständnis kein Team mehr gefunden und deshalb seine Karriere beendet. Dies sei eine Tragödie, befand Pound: "Dass man ihn als Verräter brandmarkt, zeigt, der Radsport will nicht gegen Doping vorgehen." Die Welt der Doper sei eine "kranke Welt".

Harte Worte findet Pound auch für den Präsidenten des Radsport-Weltverbandes, Pat McQuaid, dem er vorwirft, die Doping-Problematik zu ignorieren: "Mac Quaid und sein Vorgänger Hein Verbruggen behaupten ja auch ernsthaft, es gebe kein gravierendes Doping-Problem im Radsport. Das ist lächerlich." Doping sei im Radsport "keine Ausnahme. Es gibt eine Kultur des Dopens." Auch Haftstrafen für überführte Doping-Sünder wären nach Pounds Geschmack: "In Ländern, in denen es gesetzlich möglich ist - fein. Es gibt keinen Grund, nett zu sein zu Leuten, die betrügen."

Während seiner Amtszeit von 1999 bis Ende 2007 habe er viele Hass-E-Mails von Fans, Schiedsrichtern und Athleten bekommen, berichtete Pound, der auch seine Lehren aus dem verlorenen Rennen gegen Jacques Rogge um die IOC-Präsidentschaft 2001 gezogen hat. Er wisse mittlerweile, dass er für dieses Amt nicht geschaffen sei: "Als IOC-Präsident muss man biegsam sein. Das bin ich nicht, ich handle gern aggressiv."

ruf/sid

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