Radsport in Deutschland Kampf ums Überleben

Schlagzeilen gibt es nur noch über Doping, Fernsehsender und Sponsoren ziehen sich zurück, Rennen verschwinden von der Bildfläche - der Radsport in Deutschland steht am Abgrund. Ein Stopp der öffentlichen Fördergelder droht. Hoffnung gibt es wenig, eine heißt Amateursport.


Hamburg - Das Fernsehen berät über den Ausstieg, Sponsoren ziehen sich zurück, und Traditionsrennen verschwinden ersatzlos von der Bildfläche - dem deutschen Radsport droht angesichts immer neuer Dopingenthüllungen das Aus. Eine kleine Hoffnung gibt es dennoch: Milram will das einzige deutsche ProTour-Team weiterhin unterstützen.

Fahrräder bei der Tour (2007): Stillstand, sogar Rückschritt
REUTERS

Fahrräder bei der Tour (2007): Stillstand, sogar Rückschritt

"Wir haben nicht vor auszusteigen. Wir stehen zu unseren Verträgen", sagte Nordmilch-Marketingvorstand Martin Mischel. Steigt allerdings das Fernsehen aus, wird auch der Bremer Milchproduzent sein Engagement zumindest überdenken: "Man muss immer den Medienmix sehen. Wenn sich die Verhältnisse jedoch ändern, wird es eine neue Gesamtbeurteilung geben. Aber das wird erst im nächsten Jahr erfolgen."

Mischel sagte aber auch: "Zum jetzigen Zeitpunkt noch einmal als Sponsor in den Radsport einzusteigen, wäre eine sehr mutige Entscheidung", so der Vorstand in der "Welt". "Es wäre vermessen zu sagen, wir machen uns keine Sorgen."

Nach den jüngsten Dopingfällen droht dem deutschen Radsport für 2009 sogar ein kompletter Stopp der öffentlichen Förderung. Der Bundestags-Sportausschuss will in seiner nächsten Sitzung am 12. November über eine Streichung beraten. Einen entsprechenden Antrag hatte der Grünen-Sportpolitiker Winfried Hermann eingebracht. Zuvor soll jedoch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) die Chance zur Stellungnahme bekommen und BDR-Präsident Scharping die Anti-Doping-Politik seines Verbandes erläutern. Der BDR erhält jährlich Steuergelder in Höhe von insgesamt 4,2 Millionen Euro.

Unabhängig von der Entscheidung werden viele Rennen das nächste Jahr gar nicht mehr erleben. Als bisher letzte Veranstaltung war am Dienstagabend das Stuttgarter Sechstagerennen abgesagt worden. Im vergangenen Jahr hatte es bereits die Niedersachen- und die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt mangels Geldgeber erwischt. Auch die Zukunft der Deutschland-Tour ist unklar, so lange sich ARD und ZDF nicht positioniert haben. Zudem will sich ein langjähriger Sponsor der Rundfahrt, der für das Bundesland Tirol warb, aus der Förderung zurückziehen.

Dass die Suche nach Sponsoren schwierig ist, kann sich der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche vorstellen. "Im Moment liegt das Image des Radsports irgendwo zwischen einem Gebrauchtwagenverkäufer und einem Investmentbanker", sagte der ehemalige Profi. Dennoch sei für ihn der Radsport nicht tot: "Die Leute sehen in Deutschland gerne Radrennen. Man darf sie aber nicht verarschen."

Scharping warnt vor zu schnellen Reaktionen der Geldgeber. "Der deutsche Radsport wird in Mithaftung genommen für internationale Fehlentwicklungen. Wenn dafür deutsche Veranstaltungen abgestraft werden sollen, ist das unlogisch", meinte der frühere Politiker. Deutschland ist kein traditionelles Radsport-Land, und das könnte der Sportart zum Verhängnis werden.

"Da stellt sich die Frage, wer überleben wird. Die großen Radsport-Nationen wie Frankreich, Italien oder Spanien werden schon irgendwie durchkommen", sagte der frühere Rad-Manager Walter Godefroot der "Mitteldeutschen Zeitung".

Alternative Amateurrennen

Schlecht steht es auch um den Frühjahrs-Klassiker Rund um den Henninger Turm. "Im Moment kämpfe ich noch. Ich klammere mich an einen dünnen Faden", sagte Bernd Moos-Achenbach. Der Organisator des Frankfurter Rennens ist nach dem Ausstieg einer Brauerei als Hauptsponsor auf der Suche nach einem neuen Geldgeber. In zwei bis drei Wochen wird eine Entscheidung über die Zukunft des Rennens fallen. Moos-Achenbachs Erwartungen sind eher gering: "Wer jetzt den Radsport sponsert, muss schon Idealist sein."

Idealisten sind in der Marketingwelt rar, was zählt, sind die Schlagzeilen. Und die gibt es momentan fast ausschließlich zum Thema Doping. Deshalb zog vor wenigen Tagen auch die Brauerei Rothaus die Reißleine. Der Geldgeber von Regio Tour, GP Triberg-Schwarzwald und Sparkassen-Cup will keinen Cent mehr in den Profi-Radsport stecken. Den drei Rennen droht das Aus. Doch die Brauerei zieht sich nicht komplett zurück, sie will sich künftig im Amateurradsport engagieren. Ein Modell, das auch bei anderen Veranstaltern zur Rettung ihres Rennens Schule machen könnte. Auch Artur Tabat, Organisator von Rund um Köln, stellte bereits Überlegungen an, künftig nur noch Amateurrennen zu veranstalten. Profis könne er nicht mehr trauen.

fpf/sid/dpa



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Umberto, 11.10.2008
1.
Zitat von sysopSeit mehreren Jahren werden immer wieder professionelle Radsportler des Dopings überführt. Jüngstes Beispiel ist Stefan Schumacher aus dem Team Gerolsteiner. Ist der Radsport am Ende? Diskutieren Sie mit.
Seit vielen Jahren werden immer wieder 100 m Läufer des Dopings überführt. Trotzdem wird immer noch diese Distanz gelaufen. Gleiches kann man über Gewichtheber feststellen, die auch trotzdem immer noch 'heben'. Ich sehe nicht, dass dies beim Radsport anders sein wird.
sitiwati 11.10.2008
2. der Radsport
gibts ja nicht erst seit JU oder LA, daher wird der Radsport auch nicht untergehen, ist wie Koch in Hessen, Hessen wird auch den H Koch und dei Faru Y überstehen !
Fritz Katzfuß 11.10.2008
3. Vollkommen
am Ende.
sitiwati 11.10.2008
4. da tun
Zitat von Fritz Katzfußam Ende.
Sie den 100.000ende Hobbyradfahrern Unrecht ! aber scheinbar kommen Sie aus ihren Heim nicht rauss !
Pinarello, 11.10.2008
5. Ja ja, nur der Radsport dopt!
Zitat von sysopSeit mehreren Jahren werden immer wieder professionelle Radsportler des Dopings überführt. Jüngstes Beispiel ist Stefan Schumacher aus dem Team Gerolsteiner. Ist der Radsport am Ende? Diskutieren Sie mit.
Ach nee, nicht schon wieder auf den Radsport, dort wird genauso wenig oder viel gedopt wie in allen anderen Profisportarten auch, bei den Belastungen einer 3-wöchigen Rundfahrt auch kein Wunder, besonders wenn den Medienvertretern nach jeder Etappe einer abzugehen scheint, wenn schon wieder eine neue Rekordzeit und Durchschnittsgeschwindigkeit erreicht wurde, was den normalen Radsportfan nicht die Bohne interessiert, der fährt nämlich auch selber und weiß, daß man einmal schneller und auch wieder langsamer ist. Allerdings kann man den SPON und die restliche ach so moralischen Zeigefingerheber-fraktion von ARD und ZDF wohl beruhigen, nach den das IOC rund 1000 Blutproben aus Peking nachträglich mit neuen Verfahren überprüfen läßt, kann man ja als Radsportfan mal gespannt sein, ob diejenigen mit dem moralischen Zeigefinger dann auch noch so einseitig auf den Radsport einprügeln, weil die Dopingfälle in den restlichen Sportarten sind ja nur bedauerliche einzelne Einzelfälle, darüber kann man ja getrost hinwegsehen, beim Radsport genügt schon der Verdacht gegen Stefan Schuhmacher um den kompletten Rückzug von ARD und ZDF von allen Radsportveranstaltungen anzukündigen. Was ist das nur für eine heuchlerische Welt, aber das steht ja schon in der Bibel, am schlimmsten von allen Sündern sind die Pharisäer mit dem so hochgelobten Anspruch.
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