"Team Sky"-Nachfolger Ineos Drohungen vor dem ersten Radrennen

Einer der reichsten Briten hat das erfolgreiche Radsportteam Sky gekauft. Schon jetzt gibt es Protest. Wenn es nach dem Verband geht, soll die Konkurrenz dennoch vom Neuling lernen.

Statt wie auf diesem Bild fällt das alte Team Sky und neue Team Ineos gerne aus der Reihe
PHILIPPE LOPEZ/AFP

Statt wie auf diesem Bild fällt das alte Team Sky und neue Team Ineos gerne aus der Reihe

Von Daniel Friebe


Im Mai beginnt eine neue Zeitrechnung im britischen Radsport. Bei der Tour de Yorkshire, der wichtigsten Rundfahrt im Vereinten Königreich, wird das neue Team Ineos als Nachfolger des Team Sky, Heimat des viermaligen Tour-Siegers Chris Froome und des aktuellen Titelträgers Geraint Thomas, erstmals an den Start gehen. Jim Ratcliffe ist CEO von Ineos - und zudem der mutmaßlich reichste Brite.

Der 66-Jährige wird künftig mehr als 30 Millionen Euro im Jahr in sein Team stecken - und damit das ohnehin schon teuerste Radsportprojekt weiter hochzüchten. Aber: Es gibt reichlich Gegenwind für Ineos.

Schon für das Debüt in Yorkshire gibt es Drohungen von Umweltaktivisten. Ineos ist ein Fürsprecher und Unterstützer von Fracking, der höchst umstrittenen Methode zur Öl- und Gasförderung, bei der Flüssigkeit mit hohem Druck in unterirdische Gesteinsschichten geschossen wird. Dazu steht der Konzern wegen seiner Praktiken bei der Produktion und Entsorgung von Plastik in der Kritik.

Ein Demonstrant protestiert vor dem Ineos-Sitz mit einem flammenwerfenden Dudelsack gegen die Fracking-Methoden des Unternehmens
Russell Cheyne/REUTERS

Ein Demonstrant protestiert vor dem Ineos-Sitz mit einem flammenwerfenden Dudelsack gegen die Fracking-Methoden des Unternehmens

Ratcliffe ist für viele ein typischer "Mamil"

Vor diesem Hintergrund ist von Beginn an mit unangenehmen Fragen für das neue Radsportteam und sein Mastermind Sir David Brailsford zu rechnen - zumal Sky und seine Fahrer im vergangenen Jahr die "Ocean Rescue"-Kampagne gestartet hatten, die sich für eine Reinigung der Weltmeere einsetzte.

Weder Radcliffe noch Brailsford haben sich bisher zu diesen Themen geäußert, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie sich von dem Gegenwind beirren lassen. Sie sind es nicht anders gewohnt. Auch wenn Ratcliffe für viele ein typischer "Mamil" ist, ein wohlhabender Mann mittleren Alters in Radhosen (Middle-Aged Men in Lycra), stammt er doch aus einer Arbeiterfamilie im Norden Englands.

Außer Ratcliffe soll es noch vier oder fünf weitere Interessenten gegeben haben, die bereit gewesen wären, Skys Jahreszahlungen in Höhe von 25 Millionen Pfund (rund 29 Millionen Euro) zu übernehmen. Beeindruckend angesichts der Tatsache, dass es rund um das Team einige ungeklärte Fragen gibt, durch den Brexit eine wirtschaftliche Lähmung droht und es andere Teams nicht schaffen, auch nur die Hälfte eines solches Etats aufzutreiben.

Jim Ratcliffe ist Chemieingenieur, Gründer und CEO von Ineos. Weil dies zur Folge hatte, dass Ratcliffe zudem einer der reichsten Menschen Englands ist, konnte er sich ein Radsportteam leisten.
Toby Melville/REUTERS

Jim Ratcliffe ist Chemieingenieur, Gründer und CEO von Ineos. Weil dies zur Folge hatte, dass Ratcliffe zudem einer der reichsten Menschen Englands ist, konnte er sich ein Radsportteam leisten.

Tipps für die Konkurrenz?

Der Einstieg von Ineos führt dazu, dass sich Teamchef Brailsford und der Präsident des Weltverbands UCI, David Lappartient, treffen wollen, um herauszufinden, ob sich andere Rennställe von dieser erfolgreichen Sponsorensuche etwas abschauen können.

Egal wie Brailsford Empfehlung an die Konkurrenz lauten wird, sie wird kaum auf breite Begeisterung stoßen. Max Sciandri, früher selbst Sportdirektor bei Sky und inzwischen bei BMC, machte sich schon vorab lustig über die neuen Platzhirsche. Er erwarte, dass Ineos bald mit Aston Martins als Teamwagen im Fahrerlager vorfahre.

Man fühlt sich dieser Tage erinnert an 2010, als Team Sky erstmals auf den Plan trat. Marc Madiot, Manager vom Team Francais de Jeux, war damals nicht der Einzige, der sich über den Auftritt der Briten und ihre PR-Offensive ärgerte. "Wir testen auch im Windkanal, aber wir geben deswegen keine Pressemitteilung raus", sagte Madiot.

Olympiasieger Wiggins 2012
DPA

Olympiasieger Wiggins 2012

In der britischen Heimat wurde Sky - nach kleineren Anlaufschwierigkeiten - dann doch zum Nationalheiligtum. Bradley Wiggins, der damalige Sky-Superstar, gewann im Sommer 2012 als erster Brite die Tour de France und dann Olympisches Gold. Die Insel war im Radsportrausch.

Auch Chris Froome und Geraint Thomas konnten an Wiggins Erfolge anknüpfen. Innerhalb von sieben Jahren gewann Sky mit diesen drei Fahrern sechs Tour-Titel. Du jamais vu, wie der Franzose sagt: So etwas hatte man noch nicht gesehen.

Betrugsvorwürfe gegen Sky

Über die Jahre gab es eine ganze Reihe an Betrugsvorwürfen gegen das Sky-Team. Darunter: Eine Lieferung von Testosterongel in die gemeinsamen Büros von Team Sky und dem britischen Radsportverband im Mai 2011. Richard Freeman, der Arzt, der das Produkt damals mutmaßlich bestellt haben soll, schickte die Lieferung zurück, als sie von einem Kollegen entdeckt wurde.

Ritter im Radsport: Sir Dave Brailsford wurde für seine Verdienste während der Olympischen Spiele 2012 in Großbritannien zum Sir ernannt
Chris Graythen/Getty Images

Ritter im Radsport: Sir Dave Brailsford wurde für seine Verdienste während der Olympischen Spiele 2012 in Großbritannien zum Sir ernannt

Freeman hat es bisher geschafft, um eine Anhörung wegen verbotener Leistungssteigerung von Athleten vor einem Schiedsgericht der englischen Ärztekammer herumzukommen. Einer der Vorwürfe gegen ihn, den britischen Verband und Sky ist in diesem Fall, dass sie alle zusammen auf Zeit spielen. Denn für die britische Anti-Doping-Agentur würde der Fall im Mai verjähren.

Einer, an dem das alles doch irgendwie spurlos vorbei zu gehen scheint, ist Sir David Brailsford. Er ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt des britischen Radsports. "Was haben die denn gedacht, was passiert", wundert sich ein ehemaliger Sky-Mitarbeiter über diese Kritiker. "Wenn du David rauswirfst, fällt alles in sich zusammen und du hättest kein Team mehr."

Brailsfords Fahrer Froome, 33 Jahre alt, und Thomas, 32, kommen allmählich dem Karriereende nah. Das Vermächtnis dieser goldenen Generation ist ein Haufen talentierter britischer Nachwuchsfahrer. Aber eine Garantie, dass darunter auch ein künftiger Tour-Gewinner ist, gibt es nicht. Damit die Menschen im Königreich den Sport weiter verfolgen, braucht es einen britischen Topfahrer. Brailfords Lieblingsprojekt ist derzeit aber ein Kolumbianer, der 22 Jahre alte Egan Bernal.

Wegen der Tour de Yorkshire und der Rad-Weltmeisterschaft 2019 kann der Radsport vorerst also weitere Kapitel von Brailsford und seinen Leuten erwarten - von "Vorfreude" kann außerhalb Großbritanniens wohl nur bei den wenigsten die Rede sein. In diesem Sport erhalten sich Dynastien selbst am Leben, die besten Teams locken die reichsten Sponsoren. Und so ist Ineos ein Team, das Erfolg so gut wie garantiert, selbst im größten Rennen der Welt, der Tour. Für den Konzern wird das Team trotz der vielen Millionen eine gute Geldanlage sein.



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Le Commissaire 26.03.2019
1.
Zitat: "In diesem Sport erhalten sich Dynastien selbst am Leben, die besten Teams locken die reichsten Sponsoren." In welchem Sport ist das denn nicht so?
spmc-125536125024537 26.03.2019
2. 30 Millionen
für ein Weltklasseteam samt Entourage und eine ganze Saison, dafür bekommt man in einer anderen, bei den Briten ebenfalls sehr beliebten Sportart, nicht mal mehr einen Verteidiger
KarlRad 26.03.2019
3. So what?
Die Dominanz des Teams (jetzt Ineos) wird damit für weitere Jahre gesichert sein. Ich weiß nicht, ob das so schlecht ist. Wäre das Team aufgelöst worden, hätten die hoch gehandelten Abgänger in anderen Teams sicherlich einige Fahrer verdrängt. Das wäre auch sehr schade. Und wie schon beim 1. Kommentar beschrieben, ist das bei anderen Sportarten genauso und teilweise noch krasser. Im kommerziellen Sport entscheidet ein gutes Stück die verfügbare Kohle. Das der Sponsor ethisch zweifelhaft handelt, macht das Team für Kritiker sicherlich noch abstoßender. Fans wird es nicht stören... Zum Glück gibt es im Radsport viele Rennen zu gewinnen und Siege zu feiern, so dass auch für die anderen Teams immer etwas dabei ist.
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