UCI-Boss McQuaid Sprint in die Radsport-Schlammschlacht

Um den Job des Präsidenten im Weltradsportverband ist ein heftiger Kampf entbrannt. Amtsinhaber Pat McQuaid kämpft mit allen Tricks um die Macht. Der Ire gibt sich als Reformer, ist aber bisher als Blockierer im Anti-Doping-Kampf aufgefallen.

AFP

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Eigentlich folgt die Sache einer gewissen Logik. Bei all dem, was der Profiradsport in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, musste die Wahl der neuen Spitze des Weltverbands UCI in einer Schlammschlacht münden. In einem Sport, der sich über Jahre zwischen Selbstzerstörung und Selbstreinigung zerreißt - warum sollte dort der Wahlkampf um die Position des neuen Bosses der UCI geräuschlos und friedvoll ablaufen?

Stattdessen ergibt sich seit Monaten das Bild eines schmutzigen Duells, in dem es nur um Machterhalt zu gehen scheint. Und mittendrin in diesem Sumpf steckt einer, der mit Skandalen vertraut ist wie wenige im Weltsport: der amtierende UCI-Präsident Pat McQuaid.

Der 63-jährige Ire führt das Amt seit acht Jahren, er würde in seine dritte Amtszeit gehen. McQuaid sagt, er wolle weitermachen, um "in vier Jahren sagen zu können: Ich habe die Kultur im Radsport verändert". Immer weniger Radsportverbände nehmen ihm das ab. Zu sehr hängt ihm der Vorwurf an, vom Doping der Profis gewusst und nichts oder zu wenig dagegen unternommen zu haben. McQuaid gilt als Vertreter des alten Systems, ein Ziehsohn seines umstrittenen Vorgängers Hein Verbruggen, unter dem das System Doping flächendeckend aufblühen konnte.

Von Kindheit an mit dem Radsport verbunden

McQuaid entstammt einer irischen Radfahrerfamilie, Vater Jim fuhr Radrennen, der Onkel, die Brüder. Pat wurde irischer Juniorenmeister und schaffte es sogar in den Nationalkader. Für die Tour de France oder Olympische Spiele reichte es nie, trotzdem wusste McQuaid, dass er sein Leben dem Radsport widmen wollte. 1994 wurde McQuaid Präsident des irischen Radsportverbands, vier Jahre später wechselte er in die UCI-Straßenradkommission, 2005 wurde er Chef des Weltverbands. Eine außerordentliche Karriere, deren Antrieb vor allem McQuaids Liebe zu seiner Sportart war.

Doch sie ist es auch, die ihn zu einer der umstrittensten Figuren der Radsportszene hat werden lassen.

Der Wille, den Radsport immer größer, immer populärer zu machen, verbaute McQuaid innerhalb weniger Jahre die Sicht auf die Wirklichkeit. Doping? Kein originäres Problem unter Radprofis, sondern der Gesellschaft. Lance Armstrong? Ein Held und Sympathieträger. Der Texaner habe "überall ein größeres Publikum angezogen. Er globalisiert den Sport und weckt Sponsoreninteresse", sagte McQuaid 2009, im Jahr, als Armstrong sein Comeback gab.

Seine Beziehung zu Armstrong war eine spezielle. McQuaid genoss es, sich mit ihm zu zeigen. Bereitwillig ließ der UCI-Chef sich von der Show blenden. So sehr, dass er wohl selbst irgendwann an seine Reden von Verschwörungen gegen Armstrong, die UCI, den gesamten Radsport glaubte. So sah er nicht einmal ein Problem darin, dass Armstrong der UCI 2002 125.000 Dollar überwiesen haben soll, schließlich sei es um das Wohl des Radsports gegangen.

Bis zuletzt "Fall Contador" geleugnet

McQuaids Haltung änderte sich auch nicht, als bereits klar war, dass der Spanier Alberto Contador 2011 gedopt hatte. Er behauptete nur wenige Stunden vor Verkündung des Untersuchungsbefunds, es gebe "keinen Fall Contador". McQuaid wollte nicht, dass es einen gibt. Vielleicht hoffte er, dass alles irgendwie noch unter den Tisch gekehrt werden könnte.

Als Armstrong im Herbst 2012 zweifelsfrei von der Usada überführt wurde, musste selbst McQuaid sich den Tatsachen stellen. Die "Vergangenheitsbewältigung" mit der Aberkennung der Siege Armstrongs sei ein "schmerzhafter Prozess", sagte er. Ein Prozess, der für McQuaid gerade erst begonnen hat. Der Ire hat im Anti-Doping-Kampf vieles nachzuholen.

Er möchte deshalb weitere vier Jahre an der UCI-Spitze stehen, er brauche diese Zeit, um den Radsport wieder gesund zu machen. Selbst jetzt erklärt sich McQuaid zum Retter dieser Sportart, die unter seiner Liebe so gelitten hat.

Gerade in Europa wollen viele, die am 27. September am Rande der Straßenrad-WM in Florenz (21. bis 29.) über die neue UCI-Spitze abstimmen, einen Neuanfang. Dafür soll der Engländer Brian Cookson stehen, der gegen McQuaid antritt und der in Interviews Sätze sagt wie: "Wir müssen uns endlich radikal öffnen, müssen aufhören mit der Intransparenz und den undemokratischen Prozessen, für die die UCI steht."

Cookson wird von McQuaid diskreditiert

Cookson hat die Rückendeckung zahlreicher europäischer Verbände, aber McQuaid wäre nicht er selbst, wenn er nicht seit Monaten neue Verbündete akquirieren würde. Der Ire regiert seit 2005 aus der Schweiz, wo die UCI ihren Sitz hat. Er hat von seinem mächtigen Schweizer Fifa-Kollegen Joseph Blatter gelernt, wie man Mehrheiten organisiert.

Wie Blatter versteht es auch McQuaid, in Afrika und Asien, da, wo Radsport erst langsam seinen Anfang nimmt, Bündnisse zu schmieden. Da ihm sowohl sein Heimatverband Irland als auch die Schweiz verweigert haben, ihn für die neue Präsidentschaftswahl zu nominieren, verfiel McQuaid auf den Trick, sich von Malaysia und Marokko aufstellen zu lassen. Im Frühjahr hat er bei Besuchen in Asien und Afrika Fahrräder verschenkt. Das ist seine Art des Wahlkampfs.

Parallel fährt er die Strategie, seinen Gegenkandidaten durch gezieltes Streuen von Andeutungen zu diskreditieren - auch dies ist die Methode Blatter. Cookson lasse sich instrumentalisieren, er sei das "Opfer einer politischen Kampagne", so seine Verschwörungstheorie. Hintermann sei der russische Oligarch Igor Makarow.

Seit die UCI Makarows Rennstall Katjuscha im Vorjahr die Lizenz für die Pro Tour verweigert habe, befinde sich der russische Milliardär auf dem Rachefeldzug und habe mit Cookson ein willfähriges Objekt gefunden.

In der Welt des Pat McQuaid herrscht eben eine ganz eigene Wahrheit.

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