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Radprofi Schumacher: Dankbarer Dopingsünder

Foto: ALESSANDRO TROVATI/ AP

Freispruch im Schumacher-Prozess Im Zweifel wussten doch alle Bescheid

19 Verhandlungstage, mehr als ein halbes Jahr Prozessdauer: Vor dem Landgericht in Stuttgart endete der erste Strafprozess wegen Dopings in Deutschland mit einem Freispruch für den angeklagten Radprofi - allerdings mit einem zweiter Klasse.
Von Jürgen Löhle

Kurz zuckte ein Lächeln um seine Lippen, im Zuschauerraum des Saal sechs des Stuttgarter Landgerichts klatschen einige Beifall - Freispruch für Stefan Schumacher. Die Richter urteilten im Zweifel für den Angeklagten.

Schumacher habe zwar unstrittig jahrelang gedopt und darüber "übel gelogen", so der Vorsitzende Richter Martin Friedrich. Ob er damit aber seinen Arbeitgeber um 100.000 Euro Gehalt betrogen hat, der in seinen Verträgen auf einen dopingfreien Sport pocht, sei zwar durchaus möglich, aber nicht klar zu beweisen, weil eben der Arbeitgeber möglicherweise vom Epo-Doping seines Schützlings gewusst hat. "Das ist ein faires Urteil", sagte der Radprofi nach dem Richterspruch.

Der Freispruch im ersten Strafrechtsprozess wegen Dopings in Deutschland ist auch eine Ohrfeige für Hans-Michael Holczer. Das Gericht nahm dem ehemaligen Eigner des Team Gerolsteiner zwar seinen offensiven Anti-Doping-Kampf nach außen ab, hat aber erhebliche Zweifel, ob dies auch nach innen galt. Seine Nähe zu den Teamärzten sei unbestritten und für das Gericht nach der Beweisaufnahme außerdem klar, dass die Ärzte aktiver Teil des Dopings im Team waren.

Richter Martin Friedrich äußerte auch deshalb Zweifel an Holczers Glaubwürdigkeit, weil der die wirtschaftliche Existenz des Teams - und damit auch die seine - immer als oberste Priorität seines Handelns bezeichnet habe.

Holczer: "Hintermänner in Schumachers persönlichen Umfeld"

Somit sei es wahrscheinlich, dass er mit den Dopinggerüchten um Schumacher nach dem Motto "Augen zu und durch" umgegangen sei. Schließlich sei das Doping-Gerede bei seiner Suche nach einem neuen Sponsor sicher nicht hilfreich gewesen. Kurzum - das Gericht hatte "objektive Zweifel", dass Holczer tatsächlich unwissend war.

Allerdings räumte Richter Friedrich ein, dass es auch sein könne, dass Holczer am Ende doch nichts gewusst habe. Aber es gelte eben: in dubio pro reo. Holczer selbst erfuhr in Italien von dem Urteil. "Ich bin enttäuscht, dass es Schumacher so lange gelungen ist, seine Hintermänner aus dem Spiel zu halten", sagte er. Der ehemalige Realschullehrer vermutet diese eher "in Schumachers persönlichen Umfeld, als in dem des Teams." Und er, dabei bleibt er, habe von nichts gewusst.

Der Prozess war weit über die schwäbischen Grenzen hinaus beobachtet worden. Vor allem die Frage, ob das deutsche Strafrecht für einen erfolgreichen Anti-Doping-Kampf reicht, stand dabei im Fokus.

Viele Spitzenfunktionäre, darunter auch der neue IOC-Präsident Thomas Bach, sagen gebetsmühlenhaft dazu "ja", Juristen wie Schumachers Verteidiger Dieter Rössner und Michael Lehner "nein" und der zuständige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ließ den Prozess genau beobachten und will sich nach dem Urteil Gedanken machen.

Das Gericht selbst sieht den Präzedenzcharakter des Prozesses indes nicht. Für Richter Friedrich war der Prozess eher eine Privatfehde zwischen dem Angeklagten Schumacher und dem Zeugen Holczer.

Die Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts tat sich ungemein schwer mit den nahezu mafiösen Strukturen im Hintergrund des Radsports. Acht Verhandlungstage waren geplant, 19 sind es geworden, der Berufssportler Schumacher konnte mehr als ein halbes Jahr nicht wirklich um einen neuen Vertag für 2014 verhandeln, weil jeder sagte: Warten wir erst einmal das Urteil ab.

Der Radsport-Sumpf wird wohl nicht trockengelegt werden

Auch das sollte man bedenken: Seine sportrechtliche Sperre hat der 32 Jahre alte Profi schließlich schon 2010 abgesessen. 202 Tage für einen Prozess sind also in einem Job, in dem man nur ein paar Jahre arbeiten kann, schwer zumutbar.

Eine weitere Schwäche des Verfahrens: Während der Beweisaufnahme kamen viele Vorwürfe auf, die auch alle Straftaten sein könnten - wenn man denn Ermittlungen einleiten würde, was nicht passiert ist. Ärzte, die rezeptpflichtige Medikamente ohne Grund herausgeben und pharmakologische Erfüllungsgehilfen sind, wie das Gericht feststellte. Apotheken, in denen man ohne Rezept Dopingsubstanzen kaufen kann. Dealer, die mit allem handeln, was verboten und teuer ist. Der Sumpf, in den das Verfahren blicken ließ, ist tief, wird aber nicht trockengelegt werden, zumindest nicht durch dieses Verfahren. Auch dies spricht für ein spezielles Anti-Doping-Strafrecht.

Ob der Prozess in Stuttgart nun endgültig vorbei ist, bleibt offen. Staatsanwalt Peter Holzwarth will eine Nacht darüber schlafen, ob er Rechtsmittel einlegen will.

Stefan Schumacher strebte derweil erleichtert aus dem Gebäude. "ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist. Es wird immer zu meiner Geschichte gehören, aber jetzt schaue ich nur noch vorne."

Das wird ihm wohl nicht ganz gelingen, immerhin hat er versprochen mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada in Sachen Aufklärung zusammenzuarbeiten. Und da muss er schon noch mal zurückblicken.

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