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22. Juli 2009, 20:22 Uhr

Radsport

Voigt bleibt im Krankenhaus, Di Luca droht lange Sperre

"Den Umständen entsprechend gut": Jens Voigt ist froh, dass er seinen schweren Sturz bei der Tour de France relativ glimpflich überstanden hat. Einem Tour-Arzt zufolge hat ihm sein Helm das Leben gerettet. Dem Italiener Danilo Di Luca wurde Epo-Doping nachgewiesen.

Hamburg - "Ich hatte sehr viel Glück, dass ich mich bei dem Unfall nicht schwerer verletzt habe", ließ Jens Voigt aus der Intensivstation des Universitätsklinikums von Grenoble ausrichten. Und auch die Verantwortlichen des Saxo-Bank-Teams zeigten sich erleichtert: "Es ist unglaublich, was für eine gute Laune er schon wieder hat", sagte Teamsprecher Brian Nygard. Voigt, dem es "den Umständen entsprechen gut" gehe, müsse aber mindestens noch eine weitere Nacht im Krankenhaus verbringen.

Der 37-Jährige hatte sich bei dem Sturz auf der 16. Etappe bei Tempo 80 einen Jochbeinbruch, eine Gehirnerschütterung und zahlreiche Hautabschürfungen zugezogen. "Ich habe um sein Leben gefürchtet und war daher sehr froh, als die positiven Nachrichten kamen", sagte der Teammanager des Cofidis-Rennstalls Eric Boyer vor dem Start der 17. Etappe der Tour de France am Mittwoch.

Auch Lance Armstrong zeigte sich am Mittwoch erleichtert. "Ich habe gerade von Fränk Schleck gehört, dass Jens okay ist. Gute Nachrichten", teilte der Amerikaner via Twitter mit. Sprintspezialist Thor Hushovd, der bei Voigts Hochzeit sein Trauzeuge war, zeigte sich "erleichtert, dass er wieder bei Bewusstsein ist. Es tut mir verdammt leid für Jens, dass so etwas passiert ist", sagte der Norweger.

Nach Angaben eines Tour-Mediziners habe der Helm Voigt "das Leben gerettet". Dies sagte der Arzt Xavier Roy, Mitglied des Medizinerstabs der Frankreich-Rundfahrt, in der Internetausgabe der französischen Sportzeitung "L'Équipe". Voigt müsse "mindestens bis Donnerstag", wohl aber noch länger, im Krankenhaus von Grenoble bleiben, sagte ein Sprecher von Voigts Saxo-Bank-Team. Ob der Radprofi operiert werden muss, sei noch nicht klar.

Voigts Ehefrau Stephanie will ihren Mann, der sich an den Unfall nur in "Bruchstücken" (Nygard) erinnern kann, am Donnerstag besuchen. Er müsse "absolute Bettruhe einhalten" und werde weiter untersucht, etwa um mögliche Blutgerinnsel auszuschließen, berichtete Voigts Familie.

Dem zweimalige Tour-Etappensieger war auf der 16. Etappe rund 27 Kilometer vor dem Ziel in Bourg-Saint-Maurice in rasender Abfahrt eine Bodenwelle zum Verhängnis geworden. Sein Lenker verdrehte sich, Voigt verlor die Kontrolle über das Rad (Nygard: "Es war kein Materialfehler") und schlitterte bäuchlings meterweit über den Asphalt. "So ein Sturz führt einem das Risiko dieses Sports vor Augen", sagte Milram-Profi Christian Knees.

Der fürchterliche Crash erinnerte an schreckliche Momente in der Tour-Geschichte. Am 18. Juli 1995 stürzte der Italiener Fabio Casartelli in der Abfahrt vom Pyrenäen-Pass Portet d'Aspet. Der Olympiasieger, damaliger Teamkollege Armstrongs, krachte gegen die Straßen-Begrenzungsmauer aus Beton und verblutete noch an der Unfallstelle. Im Vorjahr hatte der Spanier Oscar Pereiro, der anders als Casartelli einen Helm trug, mehr Glück. Der Tour-Sieger von 2006 schoss auf der Abfahrt vom Col Agnel in einer Haarnadel- Kurve über die Leitplanke hinaus, stürzte fünf Meter tief auf die darunter liegende Straße und brach sich den linken Oberarm. "Ich dachte, ich müsse sterben", erinnerte sich Pereiro, der bei dieser Frankreich-Rundfahrt ausgestiegen ist.

Auch für Voigt ist die zwölfte und vielleicht letzte Tour vorbei. Er ist nach dem Norweger Kurt-Asle Arvesen (Schlüsselbeinbruch) der zweite Ausfall im dänischen Team.

Di Luca positiv auf Cera getestet

Danilo Di Luca droht eine lebenslange Dopingsperre. Der Italiener wurde beim Giro d'Italia zweimal des Dopings mit dem Epo-Präparat Cera überführt, teilte der Weltverband UCI mit. Da der frühere Giro-Sieger bereits von November 2007 bis Januar 2008 wegen Verbindungen zum verurteilten Doping-Arzt Carlo Santuccione gesperrt war, müsste der LPR-Profi nach den Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) als Wiederholungstäter gelten.

"Ich habe kein Cera genommen", sagte Di Luca am Mittwoch der italienischen Nachrichtenagentur ANSA: "Insbesondere weil in letzter Zeit viele Sportler damit erwischt worden, wäre es wirklich dumm, wenn ich es genommen hätte." Gleichzeitig kündigte der Italiener an, die B-Probe nicht im Anti-Doping-Labor in Paris analysieren zu lassen: "Man hat mir gesagt, dass es dort merkwürdige Methoden gäbe. Wenn die Analyse das Ergebnis der A-Probe bestätigt, ist das das Ende meiner Karriere."

Die UCI sperrte den 33-Jährigen bis zur Anhörung vor dem italienischen Radsport-Verband vorläufig. Laut UCI resultiert der positive Test aus einer gezielten Kontrolle, die sich aus der Analyse seines Blutpasses, früheren Tests und seinem Rennkalender ergeben habe. Di Luca hatte den Giro nach zwei Etappensiegen und einigen Tagen im Rosa Trikot auf Rang zwei hinter dem Russen Denis Mentschow beendet.

Mitte 2008 war Di Luca in einem weiteren Doping-Prozess von der Disziplinarkammer des Olympischen Komitees Italiens freigesprochen worden. Damals ging es um ein Vergehen beim Giro 2007, als bei dem Radprofi unnatürlich niedrige Testosteron-Werte festgestellt worden waren.

fsc/wit/dpa/sid

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