Radsport Voigt bleibt im Krankenhaus, Di Luca droht lange Sperre

"Den Umständen entsprechend gut": Jens Voigt ist froh, dass er seinen schweren Sturz bei der Tour de France relativ glimpflich überstanden hat. Einem Tour-Arzt zufolge hat ihm sein Helm das Leben gerettet. Dem Italiener Danilo Di Luca wurde Epo-Doping nachgewiesen.


Hamburg - "Ich hatte sehr viel Glück, dass ich mich bei dem Unfall nicht schwerer verletzt habe", ließ Jens Voigt aus der Intensivstation des Universitätsklinikums von Grenoble ausrichten. Und auch die Verantwortlichen des Saxo-Bank-Teams zeigten sich erleichtert: "Es ist unglaublich, was für eine gute Laune er schon wieder hat", sagte Teamsprecher Brian Nygard. Voigt, dem es "den Umständen entsprechen gut" gehe, müsse aber mindestens noch eine weitere Nacht im Krankenhaus verbringen.

Radprofi Voigt: "Ich hatte sehr viel Glück"
REUTERS

Radprofi Voigt: "Ich hatte sehr viel Glück"

Der 37-Jährige hatte sich bei dem Sturz auf der 16. Etappe bei Tempo 80 einen Jochbeinbruch, eine Gehirnerschütterung und zahlreiche Hautabschürfungen zugezogen. "Ich habe um sein Leben gefürchtet und war daher sehr froh, als die positiven Nachrichten kamen", sagte der Teammanager des Cofidis-Rennstalls Eric Boyer vor dem Start der 17. Etappe der Tour de France am Mittwoch.

Auch Lance Armstrong zeigte sich am Mittwoch erleichtert. "Ich habe gerade von Fränk Schleck gehört, dass Jens okay ist. Gute Nachrichten", teilte der Amerikaner via Twitter mit. Sprintspezialist Thor Hushovd, der bei Voigts Hochzeit sein Trauzeuge war, zeigte sich "erleichtert, dass er wieder bei Bewusstsein ist. Es tut mir verdammt leid für Jens, dass so etwas passiert ist", sagte der Norweger.

Nach Angaben eines Tour-Mediziners habe der Helm Voigt "das Leben gerettet". Dies sagte der Arzt Xavier Roy, Mitglied des Medizinerstabs der Frankreich-Rundfahrt, in der Internetausgabe der französischen Sportzeitung "L'Équipe". Voigt müsse "mindestens bis Donnerstag", wohl aber noch länger, im Krankenhaus von Grenoble bleiben, sagte ein Sprecher von Voigts Saxo-Bank-Team. Ob der Radprofi operiert werden muss, sei noch nicht klar.

Voigts Ehefrau Stephanie will ihren Mann, der sich an den Unfall nur in "Bruchstücken" (Nygard) erinnern kann, am Donnerstag besuchen. Er müsse "absolute Bettruhe einhalten" und werde weiter untersucht, etwa um mögliche Blutgerinnsel auszuschließen, berichtete Voigts Familie.

Dem zweimalige Tour-Etappensieger war auf der 16. Etappe rund 27 Kilometer vor dem Ziel in Bourg-Saint-Maurice in rasender Abfahrt eine Bodenwelle zum Verhängnis geworden. Sein Lenker verdrehte sich, Voigt verlor die Kontrolle über das Rad (Nygard: "Es war kein Materialfehler") und schlitterte bäuchlings meterweit über den Asphalt. "So ein Sturz führt einem das Risiko dieses Sports vor Augen", sagte Milram-Profi Christian Knees.

Der fürchterliche Crash erinnerte an schreckliche Momente in der Tour-Geschichte. Am 18. Juli 1995 stürzte der Italiener Fabio Casartelli in der Abfahrt vom Pyrenäen-Pass Portet d'Aspet. Der Olympiasieger, damaliger Teamkollege Armstrongs, krachte gegen die Straßen-Begrenzungsmauer aus Beton und verblutete noch an der Unfallstelle. Im Vorjahr hatte der Spanier Oscar Pereiro, der anders als Casartelli einen Helm trug, mehr Glück. Der Tour-Sieger von 2006 schoss auf der Abfahrt vom Col Agnel in einer Haarnadel- Kurve über die Leitplanke hinaus, stürzte fünf Meter tief auf die darunter liegende Straße und brach sich den linken Oberarm. "Ich dachte, ich müsse sterben", erinnerte sich Pereiro, der bei dieser Frankreich-Rundfahrt ausgestiegen ist.

Auch für Voigt ist die zwölfte und vielleicht letzte Tour vorbei. Er ist nach dem Norweger Kurt-Asle Arvesen (Schlüsselbeinbruch) der zweite Ausfall im dänischen Team.

Di Luca positiv auf Cera getestet

Danilo Di Luca droht eine lebenslange Dopingsperre. Der Italiener wurde beim Giro d'Italia zweimal des Dopings mit dem Epo-Präparat Cera überführt, teilte der Weltverband UCI mit. Da der frühere Giro-Sieger bereits von November 2007 bis Januar 2008 wegen Verbindungen zum verurteilten Doping-Arzt Carlo Santuccione gesperrt war, müsste der LPR-Profi nach den Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) als Wiederholungstäter gelten.

"Ich habe kein Cera genommen", sagte Di Luca am Mittwoch der italienischen Nachrichtenagentur ANSA: "Insbesondere weil in letzter Zeit viele Sportler damit erwischt worden, wäre es wirklich dumm, wenn ich es genommen hätte." Gleichzeitig kündigte der Italiener an, die B-Probe nicht im Anti-Doping-Labor in Paris analysieren zu lassen: "Man hat mir gesagt, dass es dort merkwürdige Methoden gäbe. Wenn die Analyse das Ergebnis der A-Probe bestätigt, ist das das Ende meiner Karriere."

Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)

Die UCI sperrte den 33-Jährigen bis zur Anhörung vor dem italienischen Radsport-Verband vorläufig. Laut UCI resultiert der positive Test aus einer gezielten Kontrolle, die sich aus der Analyse seines Blutpasses, früheren Tests und seinem Rennkalender ergeben habe. Di Luca hatte den Giro nach zwei Etappensiegen und einigen Tagen im Rosa Trikot auf Rang zwei hinter dem Russen Denis Mentschow beendet.

Mitte 2008 war Di Luca in einem weiteren Doping-Prozess von der Disziplinarkammer des Olympischen Komitees Italiens freigesprochen worden. Damals ging es um ein Vergehen beim Giro 2007, als bei dem Radprofi unnatürlich niedrige Testosteron-Werte festgestellt worden waren.

fsc/wit/dpa/sid



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Seite 1
Brieli 02.07.2009
1.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Wie üblich. Beides. Ist doch egal, ob ein Doper mehr oder weniger mitfährt.
Parisienne, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Ach ja, es ist wieder so weit, die Tour de Farce! Allein die Schlamperei der WADA mit dem Sinkewitz-Protokoll zeigt doch, in welch katastrophalem Zustand sich der Radsport noch immer befindet. Dann wurde auch gleich noch Thomas Dekker positiv auf EPO getestet, wunderbar. Wer noch immer daran glaubt, der Radsport könnte in absehbarer Zeit wieder sauber sein, tut mir einfach nur leid. Und Lance Armstrong? Was hat eigentlich Jan Ulrich die nächsten Wochen so vor?
DickBush, 02.07.2009
3. Lance setzt ein gutes Signal an
Auch andere Sportarten sind von der Drogenplagge nicht frei gewesen, im Radsport hat man aber ganz hart und konsequent gehandelt. Die Tour war und ist eine in jedem Bezug tolle Veranstaltung, es ist ein Glücksfall daß sich der große Lance wieder zum Wort gemeldet hat!
a.narchist, 02.07.2009
4. Als Kind die Friedensfahrt, später die Tour der Leiden ...
heute totale Radsport-Abstinenz. Allerdings gucke ich mir auch keine Leichtathletik-Wettbewerbe mehr an und keine ... Der ganze versiffte Kommerz-Sport kann mir gestohlen bleiben. Kälbermast-Mittel für Menschen und für Menschen gedachte Arzeneien den Pferden verabreicht. Olympiasieger - zwei Jahre Sperre - Weltmeister und wieder gedopt, die Karriere von Kugelstoßern. Hammerwerferinnen, die echt "der Hammer" sind und nun der König des Doping wieder auf dem Rad. Wer da noch mitfiebert, sollte einen Arzt aufsuchen oder die eigenen Medikamente absetzen.
Shiraz, 02.07.2009
5.
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Hihi, alle Jahre wieder:-) Verseucht, verlogen, versaut. Schau ich mir nicht mehr an.
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