Radsportler-Schicksal Reden ist Pleite, Schweigen ist Geld

Schweig' und Du darfst fahren: Ivan Basso kehrt nach seiner Dopingsperre zurück. Problemlos fand er im italienischen Topteam Liquigas einen neuen Arbeitgeber. Die Karrieren der deutschen Radprofis Jörg Jaksche und Patrik Sinkewitz stehen dagegen vor dem Aus - weil sie geredet haben.


Nicht einmal drei Tage liegen zwischen den Meldungen. Und auch wenn die Dichte ihres Erscheinens Zufall ist, so verdeutlichen sie doch erneut, welche Gesetze im Radsport gelten. Vor zwei Tagen vermeldete der sid: Noch kein neues Team - Jaksche denkt ans Aufhören. Gestern zitierte die dpa den ehemaligen deutschen Radprofi Patrik Sinkewitz und dessen Angst vor dem finanziellen Ruin: "Ich kann das nicht bezahlen."

Giro-Sieger Basso (2006): Rückkehr zu Freunden
REUTERS

Giro-Sieger Basso (2006): Rückkehr zu Freunden

Dass es aber auch noch gute Nachrichten für Radsportler gibt, bewiesen beide Nachrichtenagenturen am späten Donnerstagabend. "Der wegen seiner Verwicklung in die spanische Dopingaffäre gesperrte Ivan Basso fährt künftig für den italienischen Rad-Rennstall Liquigas", hieß es da. Und der trotz aller Skandale treue Radsportfan konnte sich freuen, dass es auch bei den Velo-Athleten noch das Recht auf eine zweite Chance gibt.

Wenn man schön die Klappe hält.

Der Italiener Basso, Zweiter der Tour de France 2005 und Giro-Sieger 2006, wurde ebenso wie Jörg Jaksche mit dem spanischen Mediziner Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht. Der Deutsche beichtete im SPIEGEL seine Doping-Vergangenheit und die Verwicklungen in die "Operación Puerto", in dem Wissen, mit Hilfe der Kronzeugenregelung seine aus dem Geständnis resultierende Sperre von zwei Jahren halbieren zu können.

Auch Basso gestand - aber nie Doping. Okay, die fünf Beutel seines Blutes im Madrider Labor von Fuentes waren dort zu Dopingzwecken deponiert. Aber die Tat sei nie vollzogen worden, die Festnahme des Frauenarztes sei dem zuvorgekommen.

Auf den ersten Blick sind die Unterschiede minimal, in der Folge sind sie jedoch ungleich drastischer. Basso wollte nichts von der Kronzeugenregelung wissen. Er hielt sich an die viel zitierte omertà, das Schweigegelübde im Radsport. Der 30-Jährige packte nicht aus, er schwieg, und konnte gelassen auf ein neues gut dotiertes Angebot warten. Er konnte sich sicher sein, dass er im Radzirkus wieder unterkommen würde. Basso, ein Treuer, dem Peloton ergeben.

Jaksche und Sinkewitz, der im Frühjahr dieses Jahres nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" die ehemaligen Teamkollegen Andreas Klöden und Matthias Kessler belastet hat, haben sich jedoch zu Nestbeschmutzern gemacht. Im Feld haben sie, wenn überhaupt, nur noch ganz wenige Wohlgesonnene. Dabei hatte Sinkewitz lange gezögert. Als er in einem internen Gespräch beim Bund Deutscher Radfahrer angeblich den italienischen Weltmeister Paolo Bettini als einen Lieferanten von Dopingmitteln genannt haben soll, bekam er umgehend unfreundliche Anrufe - auf Italienisch.

Rund eine Million Euro soll Sinkewitz die gesamte Dopingaffäre nach eigenen Angaben bislang gekostet haben. Ein ehemaliger Sponsor verlangt nun vor Gericht 308.000 Euro Schadensersatz. Sinkewitz wurde 2007 beim Testosteron-Doping erwischt, in Radsportkreisen ist dies eher verzeihbar als Jaksches Geständnis aus eigenem Antrieb.

Der 31-jährige Jaksche ist noch bis zum 30. Juni gesperrt. Er sagt: "Leute lieben Verrat, aber nicht Verräter." Er vermisse die Ehrlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit. Wenn, dann hat er nur eine Chance in Deutschland, im Ausland ist die Stimmung gegen die Abweichler zu feindselig. Selbst wenn Jaksche und Sinkewitz zurückkommen, werden sie nur noch Nebenrollen spielen.

Schweig' und Du darfst fahren - Basso hat sich daran gehalten und kehrt 2009 bei einem Topteam ins Renngeschehen zurück. Ein letztes Hindernis ist der Ethik-Code, in dem sich die ProTour-Teams darauf verständigt haben, wegen Dopings gesperrte Fahrer erst zwei Jahre nach Ablauf der Sperre wieder unter Vertrag zu nehmen. Bleibt die Frage, ob der Giro d'Italia und andere große italienische Rennen auch nach einem Ausschluss des Teams aus der Vereinigung der Profiteams auf ein Basso-Team Liquigas verzichten wollen, und nicht doch Wildcards vergeben. Dem Radsport wäre hier eine konsequente Linie zu wünschen - auch wenn sie Jaksche und Sinkewitz nicht weiterhilft.



insgesamt 253 Beiträge
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Seite 1
Nachtschwester Ingeborg 07.03.2008
1.
Zitat von sysopDoping-Verdacht gegen immer mehr Radprofis - wie tief ist der Sumpf? Ist der Sport am Ende?
Solange es solche Fußballer (http://img.stern.de/_content/56/30/563077/weltmeister_02_250.jpg) gibt ist das kein Problem, Doping übrigens auch nicht
Umberto, 07.03.2008
2.
Ich nehme an, es geht um diesen Artikel: http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,540208,00.html Ich bin mal gespannt, wie weit das alles bewiesen werden kann. Denn das Klöden und fast alle anderen Radprofis nicht nur Wurst und Speck ihre "Kraft und Ausdauer" verdanken, war ohnehin klar. Und den Sumpf, nach dessen Tiefe hier gefragt wird, halte ich für bodenlos ...
wudi 07.03.2008
3.
Zitat von UmbertoIch nehme an, es geht um diesen Artikel: http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,540208,00.html Ich bin mal gespannt, wie weit das alles bewiesen werden kann. Denn das Klöden und fast alle anderen Radprofis nicht nur Wurst und Speck ihre "Kraft und Ausdauer" verdanken, war ohnehin klar. Und den Sumpf, nach dessen Tiefe hier gefragt wird, halte ich für bodenlos ...
Wurst u. Speck?Bei Johann Muehlegg waren es Spaghetti,nur Spaghetti.Reden Sie da von Doping?
pomasl 07.03.2008
4.
Ich würde mir wünschen man hätte vor Jahren einen ehemaligen Bundeskanzler, in der Parteispendenaffäre, ebenfalls mit Meineid-Drohungen und Beugehaft bedroht. So gleich sind halt alle vor dem Gesetz.
pomasl 07.03.2008
5.
Ich würde mir wünschen man hätte vor Jahren einen ehemaligen Bundeskanzler, in der Parteispendenaffäre, ebenfalls mit Meineid-Drohungen und Beugehaft bedroht. So gleich sind halt alle vor dem Gesetz.
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