Rallye Dakar "Viele kamen um, weil sie sich verirrt hatten"

Das legendärste Autorennen der Welt findet erstmals in Südamerika statt. Bei der Rallye Dakar ist Dirk von Zitzewitz aussichtsreichster Deutscher. Im Interview spricht der Beifahrer von Giniel de Villiers über das Risiko, in der Wüste zu verdursten und das blinde Vertrauen, das im Cockpit nötig ist.


SPIEGEL ONLINE: Herr von Zitzewitz, wer ist im Auto eigentlich der Chef? Der Mann am Steuer oder der, der sagt wo es hingeht?

von Zitzewitz: Ich versuche Giniel immer auf meinen Wissensstand zu bringen. Allerdings konzentriert er sich voll auf das Fahren. Wo es genau langgeht, weiß er nicht. Speziell wenn es keine erkennbare Piste gibt, muss er mir absolut vertrauen. Für Fragen bleibt keine Zeit. Er muss davon ausgehen, dass ich uns in die richtige Richtung jage.

Co-Pilot von Zitzewitz im VW: Lotst seinen Partner durch unbekanntes Gebiet
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Co-Pilot von Zitzewitz im VW: Lotst seinen Partner durch unbekanntes Gebiet

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie sich in Argentinien aus?

von Zitzewitz: Ich war noch nie in Argentinien und von Chile habe ich sehr wenig gesehen. Vor mir liegt eine absolut neue Herausforderung. Nach neun Starts bei der Dakar kenne ich mich in Nordafrika ganz gut aus, aber hier? Es geht mir wie den meisten - wir fahren ins Ungewisse.

SPIEGEL ONLINE: Bis einen Tag vor dem Start wissen Sie nur ungefähr, wie die Strecke aussieht. Wie haben Sie sich auf die 14 Etappen vorbereitet?

von Zitzewitz: Ende November gab es vom Veranstalter eine erste offizielle Streckenbeschreibung für jeden Tag - allerdings ohne Karte oder Details. Wir haben dann im Team spekuliert, wie die Route aussehen könnte und ich habe versucht, mir mit Hilfe von Google Earth ein Bild vom Gelände zu machen. Heute gehe ich davon aus, dass es eine der schwersten Rallyes aller Zeiten wird.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt für Sie schwer?

von Zitzewitz: Es bedeutet schwierige Navigation mangels Referenzpunkten in der Natur und sehr wechselhaftes Gelände, auch innerhalb einer Etappe. Der Fahrer muss sich permanent neu einstellen und der Wandel zwingt mich zu besonders akribischer Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie erhalten am Abend vor dem Start das aktuelle, maßgebliche Roadbook. Wie sieht diese Wegbeschreibung konkret aus?

von Zitzewitz: Ein Roadbook enthält drei Spalten: Eine mit Pfeilen und anderen Symbolen, eine mit kurzen Hinweisen auf Geländebesonderheiten und eine mit Entfernungsangaben. Damit befasse ich mich vier bis fünf Stunden intensiv.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert dann unmittelbar vor dem Start?

von Zitzewitz: Ich gebe den Navigationscode des Tages ins GPS ein. Jedes Fahrzeug muss mit dem gleichen, ziemlich simplen GPS vom Veranstalter auskommen. Es ist nicht viel mehr als ein elektronischer Kompass. Im Rennen kommt es letztlich darauf an, verschiedene Punkte abzufahren. Es ist ähnlich wie in in einem Videospiel, in dem man versucht, auf verschiedenen Levels Bonuspunkte zu sammeln. Wenn wir auch nur einen Punkt ausließen, gäbe es zwei Stunden Strafzeit.

SPIEGEL ONLINE: Handelt es sich bei diesen GPS-Punkten um markante Stellen im Gelände?

von Zitzewitz: Nicht unbedingt. Es funktioniert so: Wenn wir in einem Umkreis von drei Kilometern an dem GPS Punkt sind, zeigt mir das Gerät eine Kompassrose und damit die Luftlinie zum Punkt. Diesen müssen wir in einem Umkreis von 200 Metern durchfahren - dann wird er automatisch gewertet. Es könnte ein Ort irgendwo in den Dünen sein. Pro Etappe gibt es fünf bis zehn solcher Punkte.

SPIEGEL ONLINE: Gesetzt den Fall, Sie starten von Platz drei - wie gehen Sie mit den Spuren im Sand der vor Ihnen fahrenden Teams um?

von Zitzewitz: Ich nehme Spuren wahr, manchmal ist es aber besser, sie zu ignorieren. Wenn wir als Dritte starten, haben wir zum Beispiel Stéphane Peterhansel und einen anderen Top-Fahrer vor uns. Dann kommen wir an eine Gabelung und zwei Spuren führen nach rechts, obwohl ich eigentlich links fahren wollte. Die vor uns hatten sicher einen guten Grund, nach rechts zu fahren. Die sind ja nicht doof! Es stellt sich also die Frage: Halte ich an meiner Ausarbeitung fest, oder nicht? Folge ich den Spuren, bin ich zumindest nicht langsamer als die vor mir.



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