Rasmussen-Rauswurf Edelhelfer sauer auf Rabobank-Kapitän

Kapitän Rasmussen ist raus, Tourveteran Boogerd wütend und Edelhelfer Menchow steigt frustriert vom Sattel - die Rabobank-Radler hadern mit sich und der Rundfahrt. Heute wurde erst so richtig klar, durch welch kuriosen Zufall Rasmussens Trainingslüge aufflog.
Von Jörg Schallenberg
Rabobank-Profis Dekker und Flecha: Zwischen Leere und Wut

Rabobank-Profis Dekker und Flecha: Zwischen Leere und Wut

Foto: AFP

Kein Hass, keine Wut, keine Verzweiflung. "Einfach nur Leere", fällt Erik Dekker ein, als er beschreiben soll, was die Fahrer des Rabobank-Teams heute morgen fühlen. Der Sprecher des niederländischen Rennstalls, der sonst selten um eine Antwort verlegen ist, steht bei strahlendem Sonnenschein im Parc Beaumont von Pau und überlegt, wie sich die Aussichten für die Mannschaft in den blau-orangen Trikots binnen 16 Stunden geändert haben.

"Gestern Abend kamen unsere Fahrer ins Hotel", sagt Dekker, "und dachten, sie fahren das Gelbe Trikot nach Paris. Und heute …" Der Satz bleibt unvollendet, denn Rabobank ist mittlerweile nicht nur das Gelbe Trikot, sondern auch dessen Träger Michael Rasmussen los. Dem Dänen, der nach mehreren verpassten Dopingtests ohnehin schon unter Verdacht stand, wurde nun eine Lüge zum Verhängnis, von der das Team offenbar auf kuriosem Weg erfuhr.

Der italienische TV-Journalist und frühere Radprofi David Cassani hatte Rasmussen Mitte Juni beim Höhentraining in den italienischen Dolomiten gesehen. Der Däne hatte gegenüber seinem Team und dem Weltverband UCI aber angegeben, zu jener Zeit in Mexiko gewesen zu sein. Cassani erwähnte seine Beobachtung, als er am 15. Juli im italienischen Fernsehen die achte Etappe von Le Grand-Bornand nach Tignes kommentierte - um Rasmussen für seine akribische Vorbereitung zu loben. Der "L' Equipe" erzählte Cassani nun, dass ihn gestern ein dänischer Reporter, der einen Hinweis bekommen hatte, nach seiner Aussage gefragt habe. Der Däne ging dann zu Rabobank-Teamchef Theo de Rooy und konfrontierte ihn mit der alten, neu zu bewertenden Erkenntnis.

Rasmussen, der offenbar sogar einen Brief aus Mexiko an die UCI abschicken ließ, um seine Täuschung zu stützen und ungestört in Italien zu trainieren, gab die Lüge zu - soll allerdings später einem dänischen Journalisten gesagt haben, er sei doch in Mexiko gewesen.

Seinem Team reichte es in jedem Fall. Wie Sprecher Dekker betonte, beschloss die Mannschaftsleitung, Rasmussen rauszuwerfen - und nicht, wie zunächst gemeldet, der Sponsor. Allerdings hatte sich noch in der Nacht um kurz nach 1 Uhr Jakob Bergsma, ein Abgesandter des Bankhauses Rabobank, vor das Mannschaftshotel Mercure in Pau gestellt, um den wartenden Journalisten die Details des Rauswurfs zu erklären.

Dass die Fahrer des Rennstalls heute noch antraten, lässt sich wohl am ehesten so erklären, dass sie den 35-Jährigen Tourveteran Michael Boogerd auf seiner wohl letzten Frankreich-Rundfahrt nicht im Stich lassen wollen. Aus Kreisen des Teams war zu hören, dass sowohl Boogerd als auch der russische Profi Denis Menchow nicht nur Leere empfunden haben sollen. Beide sollen ziemlich wütend auf Rasmussen gewesen sein, denn sie hatten sich in den Bergen für ihn aufgeopfert und zumindest Menchow damit eine wesentlich bessere Platzierung im Gesamtklassement verschenkt. Heute stieg der Russe frustriert ins Teamfahrzeug und beendete die Tour vorzeitig.

Auch nach dem unfreiwilligen Abgang des ungeliebten Spitzenreiters wird die Tour de France nicht zur Ruhe kommen. Zwar erklärte Tourdirektor Christian Prudhomme den designierten neuen Träger des Gelben Trikots, Alberto Contador von Discovery Channel, heute als frei vom Verdacht, mit dem Dopingarzt Eufemiano Fuentes zusammengearbeitet zu haben - doch das widerspricht einer Liste, die der "Süddeutschen Zeitung" nach deren Angaben vorliegt. Darin taucht als Fuentes-Kunde für 2005 neben J.J. auch ein gewisser A.C. auf. Jörg Jacksche hat inzwischen zugegeben, J.J. gewesen zu sein - und er startete 2005 gemeinsam mit Contador für das dopingverseuchte Liberty-Seguros-Team, dessen Medikation in der Liste offensichtlich aufgeführt war.

Auf diese Dokumente wollte Discovery-Teamchef Johan Bruyneel heute nicht angesprochen werden. Nachfragen deutscher Journalisten ignorierte er im Gedränge am schwarz-grün-blauen Teambus beharrlich. Stattdessen beantwortete er lieber ausführlich die Fragen spanischer Journalisten zur sportlichen Lage und erklärte auf französisch, dass "dieser junge Mann in eine Position gedrängt wird, die er absolut nicht verdient hat". Das Siegerpodium in Paris meinte Bruyneel damit nicht.

Dort wird Marcus Burghardt von T-Mobile sicher nicht landen. Der 119. der Gesamtwertung, der vor allem als Helfer für Kim Kirchen und Linus Gerdemann eingesetzt wird, war beim Fahrerprotest gestern als Letzter losgefahren und hatte lieber noch ein paar Minuten Interviews gegeben, statt sich groß um das Feld zu kümmern. Heute war der 24-Jährige pünktlich am Start, stellte aber auf dem Weg dorthin noch einmal süffisant klar, dass sich das Fahrerfeld spaltet: "Diejenigen, die gestern früher losgefahren sind, sind halt losgefahren. Die anderen sind stehengeblieben."

Zu denjenigen, die früher losgefahren sind, zählte Milram-Kapitän Erik Zabel. Er nutzte heute die Zeit, um ausführlich mit seinem guten Freund Rolf Aldag, Sportlicher Leiter bei T-Mobile, zu plaudern. Auf den Start gestern in Orthez angesprochen, verteidigte sich Zabel: "Ich bin nicht als Erster und nicht als Letzter losgefahren. Als die ersten fünfzig Fahrer los sind, bin ich halt auch gestartet. Ich wusste gar nicht, dass eine Kundgebung geplant war. Wären wir da noch länger stehengeblieben, hätte man das am Ende noch so ausgelegt, dass wir streiken, weil Astana nicht mehr fährt." Darauf wäre allerdings beim bösesten Willen niemand gekommen, der gestern den Start beobachtet hatte.

Auch Tourdirektor Prudhomme wusste die feinen Unterschiede des Protestes zu schätzen: "Vor neun Jahren, beim Festina-Skandal, haben die Fahrer gegen die Dopingkontrollen gestreikt. Heute streiken sie gegen Doping."