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30. Juli 2015, 11:02 Uhr

Aufruhr in Australien

Rassisten machen Footballstar mürbe

Von , Sydney

Adam Goodes ist einer der größten Sportler Australiens. Und er ist ein Aborigine, der unbequeme Wahrheiten ausspricht. Deshalb buhen ihn in den Stadien Zehntausende aus. Nun hat er sich freistellen lassen.

Eigentlich müsste Adam Goodes eine nationale Ikone in Australien sein. Er hat sich aus einfachsten Verhältnissen nach oben gearbeitet, führt ein skandalfreies Leben und leitet eine Stiftung, die sich um benachteiligte Kinder kümmert. 2014 wurde er zum Australier des Jahres gekürt. Das ist keine PR-Veranstaltung wie der Bambi in Deutschland, sondern ein Preis, den der Premierminister persönlich überreicht.

Adam Goodes ist seit mehr als zehn Jahren einer der besten Spieler in der beliebtesten Sportart des Landes: Australian Rules Football. Er hat die Sydney Swans zweimal zur Meisterschaft geführt, zweimal haben ihn die Schiedsrichter zum besten und fairsten Spieler der Liga AFL gewählt.

Kurzum: Adam Goodes hat in seinen 35 Lebensjahren sehr viel richtig gemacht. Trotzdem wird er in den Stadien bei Auswärtsspielen seit zwei Jahren permanent ausgepfiffen und ausgebuht. Am Anfang waren es nur ein paar Hundert Fans, doch in der laufenden Saison haben die Beleidigungen ein neues Ausmaß erreicht. In Melbourne krakeelten fast 60.000 Zuschauer bei jeder Ballberührung, am vergangenen Wochenende in Perth waren es knapp 40.000.

Es sind Zustände wie vor 20 Jahren in einigen deutschen Fußballstadien, als Tausende sich wie Affen benahmen, wenn ein schwarzer Spieler den Ball bekam.

Goodes denkt an Rücktritt

Jetzt haben die Anfeindungen Adam Goodes mürbe gemacht: Er hat sich in der entscheidenden Saisonphase von den Sydney Swans vorläufig freistellen lassen, im nächsten Spiel gegen Adelaide muss die Mannschaft auf einen ihrer wichtigsten Spieler verzichten. Goodes redet seit Monaten kaum noch mit der Presse, aber aus seinem Umfeld heißt es, er denke über einen vorzeitigen Rücktritt nach.

Der Grund für die Beleidigungen: Adam Goodes ist Aborigine und stolz darauf. Und er nutzt seine Popularität, um auf die Benachteiligung der 600.000 indigenen Australier hinzuweisen. Bei öffentlichen Auftritten hat er Missstände angesprochen, die Australiens Gesellschaft gern verdrängt:

In seiner Rede bei der Ehrung zum Australier des Jahres sagte Goodes, wegen des Umgangs mit den Ureinwohnern schäme er sich, Australier zu sein. Kommentatoren warfen ihm daraufhin Undankbarkeit vor.

Und Goodes hat sich öffentlichkeitswirksam gegen Rassismus gewehrt. Doch damit machte er aus Sicht seiner Gegner alles noch schlimmer: Im Mai 2013 stoppte er das laufende Spiel und machte die Ordner auf ein Mädchen in der ersten Zuschauerreihe aufmerksam, das ihn gerade als Affen beschimpft hatte. Vor Zehntausenden Zuschauern wurde die 13-Jährige aus dem Stadion geführt.

"Rassismus hat ein Gesicht", sagte Goodes nach dem Spiel in Melbourne: "Das Gesicht eines 13-jährigen Mädchens." Anschließend war die Wut groß. Aber der Zorn richtete sich nicht gegen die Jugendliche, sondern gegen Goodes, der es gewagt hatte, einen Teenager bloßzustellen. Mit diesem Vorfall begannen die Buhrufe gegen den Spieler mit der Nummer 37. Das Mädchen konnte unwidersprochen behaupten, es habe nicht gewusst, dass Affe eine rassistische Beleidigung sei.

Ähnliches wiederholte sich am vergangenen Wochenende in Perth. Ein Zuschauer rief Goodes zu: "Geh zurück in den Zoo!". Der Mann wurde aus dem Stadion geworfen. Anschließend stilisierte er sich zum Opfer. "Die politische Korrektheit hat überhandgenommen", sagte der Rassist.

"Er will nicht der Aborigine sein, den wir gerne hätten"

Die Debatte geht längst über den Sport hinaus: Was sagt es über die australische Gesellschaft, wenn sie zwar in ihren Museen stolz Aborigine-Kunst präsentiert und vor jedem staatlichen Gebäude die Flagge der Ureinwohner hisst, es gleichzeitig aber unwidersprochen hinnimmt, dass Goodes seit Jahren von Zehntausenden verbal angegriffen wird?

"Die Aborigines werden in Australien nach festgelegten Ritualen abgefeiert, die nichts über die wahre Lage der Ureinwohner sagen. Aber wir brauchen das, um uns von unserer Verantwortung reinzuwaschen", sagt Francis Leach, einer der populärsten Sportkommentatoren des Landes. "Goodes aber will nicht der Aborigine sein, den wir gerne hätten." Deshalb werde er ausgepfiffen, die 71 anderen indigenen Spieler in der AFL nicht.

Kommentatoren sprechen schon von einer der größten Krisen in der 118-jährigen Geschichte der Liga. Die AFL-Spitze hat die Buhrufe gegen Goodes verurteilt, doch viele erwarten ein Machtwort von Premierminister Tony Abbott. Doch der hatte erst vor Monaten durchblicken lassen, was er von den Aborigines hält, als er ihnen vorwarf, anderen Australiern auf der Tasche zu liegen.

Die Spielervereinigung hat in dieser Woche mehrere Krisentreffen abgehalten. Eine offizielle Erklärung haben die Profis bislang nicht abgegeben. Tim Soutphommasane, Regierungsbeauftragter für den Kampf gegen Rassismus, hat die Spieler aufgefordert, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: Wenn die Zuschauer anfangen einen Spieler auszubuhen, sollten alle Profis das Spielfeld verlassen.

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