Stimmen zum IOC-Entscheid Deutsche Funktionäre reagieren enttäuscht

Vertreter deutscher Sportverbände hätten sich ein deutlicheres Signal vom IOC gegen Doping gewünscht. DOSB-Chef Hörmann überrascht dagegen mit einer eigenwilligen Interpretation.

Dopinglabor in Moskau
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Dopinglabor in Moskau


Nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschlossen hat, kein Startverbot gegen alle russischen Athleten für die Sommerspiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) zu verhängen, zeigten sich deutsche Spitzenfunktionäre weitestgehend enttäuscht und äußerten unverhohlen Kritik am IOC-Beschluss. Vertreter des russischen Sports lobten hingegen erwartungsgemäß das IOC-Votum und brachten ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass ein Komplettausschluss der russischen Athleten abgewendet werden konnte.

Lesen Sie hier einige ausgewählte Reaktionen zur Entscheidung des IOC:

Siegfried Kaidel (Präsident des Deutschen Ruder-Verbandes und Sprecher der deutschen Spitzensportverbände):

"Es wäre sicher das bessere Zeichen gewesen, wenn das IOC die Verantwortung übernommen und den Ball nicht an die internationalen Fachverbände weitergegeben hätte."

"Es bleibt angesichts der Vorwürfe von Staatsdoping die Frage, ob russische Athleten wirklich sauber oder eben nur nicht überführt worden sind. Ob das den Kampf gegen Doping weiterbringt, wird sich wohl erst in einem Jahr zeigen. Klar ist aber: Das kann es jetzt nicht gewesen sein. Es müssen Maßnahmen kommen, die auch die Kontrollen und nationalen Anti-Doping-Agenturen überprüfen."

Thomas Weikert (Präsident des Tischtennis-Weltverbands):

"Es ist die von mir erwartete Entscheidung, aber ich hätte mir gewünscht, dass das IOC selbst in dieser Frage mehr Verantwortung übernommen hätte."

Clemens Prokop (Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes):

"Angesichts des Cas-Urteils hätte es durchaus eine Grundlage für einen Komplettausschluss Russlands gegeben. Ich halte die Entscheidung für problematisch, hier entsteht leicht der Eindruck, dass politische Rücksichtnahmen höher gewichtet worden sind als die Frage der Glaubwürdigkeit des Sports."

"Faktisch ist nun die Verantwortung an die Fachverbände delegiert worden, und angesichts des McLaren-Reports ist es für mich schwierig nachzuvollziehen, wie bei einer Art des Staatsdopings zwischen involvierten und nicht involvierten Athleten glaubwürdig differenziert werden kann."

"Für problematisch halte ich den zwingenden Ausschluss von Sportlern, auch nach Ablauf von Dopingsperren, selbst wenn ihnen ein Unschuldsnachweis gelingen sollte. Dies ist juristisch problematisch und verstößt gegen die Gleichbehandlung mit Sportlern aus anderen Ländern, da zum Beispiel amerikanische Sportler nach Ablauf der Dopingsperre in Rio starten dürfen."

Eva Bunthoff (Sprecherin der Nada):

"Die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) ist enttäuscht über der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees. Die Nada hat sich ein klares Signal für den sauberen Sport gewünscht, das ausgeblieben ist. Die Entscheidung lässt leider viele Fragen offen und schwächt dadurch das Anti-Doping-System."

"Die kurzfristige Prüfung und Bewertung nun auf die internationalen Verbände zu übertragen, hält die NADA für falsch. Es gibt keine einheitlichen Regeln für ein einheitliches und fachmännisches Vorgehen aller internationalen Verbände. Dies führt zu einem unterschiedlichen Vorgehen der Sportarten. Dies ist ein fatales Signal. Die Fachkompetenz der Welt Anti-Doping-Agentur (Wada) und der Nationalen Anti-Doping-Organisationen wird völlig außen vor gelassen."

Dagmar Freitag (Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag):

"Ich halte das für keine gute Entscheidung, weil jetzt mehr unklar als klar ist. Die Verantwortung wird wieder an Dritte abgeschoben, diesmal an die internationalen Fachverbände. Da ist zu befürchten, dass dort nach völlig uneinheitlichen Kriterien entschieden wird. Das kann nicht im Sinne des Sports und der Athletinnen und Athleten sein."

"Das IOC hat sich gegen eine eindeutige Empfehlung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ausgesprochen, in Sachen eines glaubwürdigen Anti-Doping-Kampfes ist das das schlechteste Zeichen überhaupt."

Alfons Hörmann (Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes):

"Damit hat das IOC nun eine zweifelsohne schwierige, harte und in mehrfacher Hinsicht konsequente Entscheidung getroffen: Der erstmalige generelle Ausschluss aller vom Staatsdoping betroffenen Athletinnen und Athleten eines nationalen Teams zeigt, dass die Nulltoleranzpolitik auch künftig weltweit gilt. Wer also systematisch gegen die Regeln verstößt, erhält die Rote Karte."

"Wichtig ist nun, dass die internationalen Fachverbände mit dem Cas dafür sorgen, dass professionell und schnell geprüft wird, wer diese Ausnahmeregelung in Anspruch nehmen kann. Und entscheidend wird sein, dass aus der jetzigen Situation die richtigen Lehren gezogen werden. Dann bedeutet diese Krise nicht - wie vielfach interpretiert - das Ende, sondern den wertvollen Neubeginn im Kampf gegen Doping."

Witali Mutko (Russischer Sportminister):

"Ich bin dem Internationalen Olympischen Komitee für die getroffene Entscheidung dankbar. Wir verstehen die Schwierigkeiten, mit denen das IOC konfrontiert wurde. Ich finde, dass diese Entscheidung im Interesse des internationalen Sports getroffen wurde."

"Die Kriterien sind sehr hart. Aber das ist eine Herausforderung für unsere Mannschaft. Ich bin überzeugt, dass die meisten Athleten sie erfüllen."

"Wir werden für einen sauberen Sport kämpfen. Nur uns zu kritisieren, scheint mir nicht ganz korrekt."

Jelena Issinbajewa (gesperrte Russische Olympiasiegerin im Stabhochspringen 2004 und 2008):

"Die komplette russische Mannschaft nicht zuzulassen, wäre ein riesiger Fehler und ein internationaler Sportskandal gewesen."

Dmitri Swischtschjow (Chef des Sportausschusses im russischen Parlament):

"Das ist eine rechtmäßige Lösung. Aber solche Entscheidungen sollten nicht nur in Bezug auf russische Athleten, sondern auf Sportler in der ganzen Welt getroffen werden."

lst/dpa/sid



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
rolarndt 24.07.2016
1. unverständlich
warum saubere Athleten gegen diese wandelnden Apothekenschränke überhaupt antreten. Für mich sind die olympischen Spiele schon lange abgehakt.
tsaag 24.07.2016
2. nicht anders zu erwarten
Bei einem IOC Vorsitzenden Bach war doch nichts anderes zu erwarten. Herr Bach ist doch die Moral und Ethik so was von egal. Wer seine geschäftlichen Verbindungen näher betrachtet, wird sehr schnell feststellen dass er keine Skrupel hat, wenn es um seinen persönlichen Erfolg geht. Im Falle Russlands kommt noch hinzu, dass er eine persönliche Freundschaft mit Putin pflegt und sich selbst als Russlandversteher rühmt.
marxtutnot 24.07.2016
3. Zu früh
Da haben sich unsere deutschen "Sportskameraden" doch so über ein höheres (geschenktes) Ranking im Medaillenspiegel gefreut.Jetzt kommen vielleicht doch noch einige Konkurrenten mehr als gewünscht.Vielleicht war die Schadenfreude doch zu früh? Warten wir es ab.
ionele 24.07.2016
4. Kotau
Tiefer kann der Kotau von Bach vor Putin nicht sein. Damit hat Bach bewiesen, dass Sport und Olympia nichts anderes mehr als Geld und Macht ist und letztlich total verkommen. Für die ehrbaren Sportler ist die Entscheidung des Herrn Bach und seiner Gefolgsleute eine Zumutung.
shalom-71 24.07.2016
5. Wer im Glashaus sitzt ...
Deutschlands Sport, auch die Leichtathletik, ist ja selbst nicht unschuldig: Von dem Sportfachbereich der Universität in Freiburg wurde über Jahre systematisch Doping betrieben. Eine angestrebte Aufklärung passierte nicht, weil sich die eingesetzte Kommission vor nicht so viel Jahren in Querelen selbst zerfleischte.
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