Reaktionen zum Özil-Rücktritt "Wir akzeptieren Rassismus never ever"

Nach Mesut Özils Rückzug loben türkische Regierungspolitiker "die ehrenhafte Haltung unseres Bruders". Deutsche Politiker schwanken zwischen Lob, Kritik und Dankbarkeit. Reaktionen im Überblick.
Mesut Özil bei der WM in Russland

Mesut Özil bei der WM in Russland

Foto: Christian Charisius/ dpa

Nach dem Rücktritt Mesut Özils aus der deutschen Fußballnationalmannschaft und seiner scharfen Kritik am Deutschen Fußball-Bund haben sich türkische Regierungspolitiker auf die Seite des Fußballers geschlagen. Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb am Sonntagabend auf Twitter : "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen." Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln bei Twitter , weil dieser mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde. Weiter schrieb er : "Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!"

Özil hatte am Sonntag die im Mai entstandenen Fotos mit Erdogan verteidigt. In drei Stellungnahmen übte er zudem unter anderem scharfe Kritik am DFB sowie an Sponsoren und Medien - und verkündete seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft (eine Chronologie der Ereignisse - vom Foto bis zum Rücktritt - können Sie hier nachlesen).

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Mesut Özil: Der Missverstandene

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Auch Politiker aus Deutschland reagierten auf die jüngsten Aussagen Özils. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), schrieb bei Twitter , es sei "gut, dass sich Özil endlich erklärt hat". Und weiter: "Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssen sich Nationalspieler Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben." Diese berechtigte Kritik dürfe aber nicht in eine pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.

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Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) schrieb , es sei ein "Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt". Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel bedankte sich  bei Özil "für 92 Spiele und 23 Tore für die Nationalmannschaft. Schade, dass es nicht weiter geht." An "alle Bürgerinnen und Bürger mit unterschiedlichen Wurzeln" schrieb er zudem: "Wir gehören zusammen und wir akzeptieren Rassismus never ever."

Paul Ziemiak (CDU), Vorsitzender der Jungen Union, warf Özil vor allem politische Naivität vor. "Niemand Vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdogan - mitten im türkischen Wahlkampf - ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Nordrhein-Westfalens Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU), die selbst türkische Wurzeln hat, sagte der Zeitung, Verbundenheit mit dem Heimatland der Eltern und Kritik an der Regierung würden sich nicht ausschließen. "Man kann ja auch bei uns kritisch gegenüber der Bundesregierung sein und Deutschland trotzdem lieben." Diesen Punkt scheine Özil aber "nicht verstanden zu haben". "Die Einladung eines Autokraten auszuschlagen wäre nicht respektlos gewesen. Es hätte Haltung gezeigt."

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagte der "Bild": "Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland." Er wünsche sich "ein klares Bekenntnis zu unseren Werten" - "gerade gegenüber jemandem" wie Erdogan.

Der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour nannte das Treffen von Özil und Erdogan einen großen Fehler, "auch wenn's Özil nicht einsieht". Er sagte aber auch : DFB-Präsident Reinhard Grindel hätte gehen sollen, nicht Özil (einen Kommentar zum DFB-Versagen im Fall Özil finden Sie hier). Ähnlich äußerte sich auch sein Parteikollege Cem Özdemir. Özils Foto bleibe falsch und seine Erklärung überzeuge nicht, schrieb er . Aber das Agieren der DFB-Spitze sei mindestens ebenso desaströs. "Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte." Der DFB brauche einen Neubeginn.

aar/dpa/AFP
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