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17. September 2014, 15:22 Uhr

Baseball in Deutschland

Paradies Oberpfalz

Aus Regensburg berichtet Christoph Leischwitz

Die deutschen Baseballer hoffen bei der EM auf eine Medaille. Doch hinter der Spitze klafft eine große Lücke, der Verband hat Strukturprobleme. In dieser Nische hat sich Regensburg zur Baseballhochburg Deutschlands hochgearbeitet.

Maik Ehmcke trifft den scharf geworfenen Ball mit voller Wucht, der Schläger zerbricht, die Zuschauer springen auf und jubeln: Der deutsche Baseballnationalspieler hat mit diesem Schlag gegen Italien für die kurzzeitige Führung gesorgt, sein Mitspieler Luke Sommer kann einen Run erzielen. Ein Sieg gegen Italien, das gibt es im Baseball noch seltener als im Fußball. In diesem zweiten von neun Durchgängen ist die Sensation zum Greifen nah.

Doch es reicht auch diesmal nicht, Deutschland verliert sein Vorrundenspiel der Europameisterschaft (12. bis 21. September in Deutschland und Tschechien) am Ende etwas zu deutlich 1:5. First Baseman Ehmcke sieht nach dem Spiel enttäuscht aus, seine linke Wange ist, wie man es von US-Spielen aus Filmen kennt, vom Kautabak ausgebeult. "Es dauert nicht mehr lange und wir knacken sie", sagt er und spuckt auf den Boden. Einfach nur mithalten gegen die Besten, das reicht dem Team nicht mehr.

Trotz der Niederlage haben diese Tage auch ihre schönen Seiten für Ehmcke. In Regensburg zu spielen, das ist ein bisschen wie nach Hause kommen. Bis vor zwei Wochen war er noch in den USA aktiv, zehn Wochen am Stück, jeden Tag. Der Major-League-Verein Arizona Diamondbacks hat den 20-jährigen 2013 unter Vertrag genommen. Als einer von acht Deutschen in den USA versucht Ehmcke, über die "Farm Teams" der MLB-Klubs den Sprung in die höchste Spielklasse zu schaffen. Sieben von ihnen kamen einst aus dem Baseball-Internat Regensburg - einer Einrichtung, die sogar erfolgreicher ist als die meisten ähnlichen Programme in der Heimat des Baseballs.

Regensburg als wichtiger Brückenkopf in die USA

Regensburg ist Deutschlands Baseball-Hauptstadt. Das war auch beim Spiel gegen Italien zu spüren. Montagabend, Nieselregen, trotzdem sind 1700 Zuschauer gekommen. Das Publikum ist fachkundig. An den Ständen oberhalb der Tribünen riecht es nach Cheeseburgern und Donuts. Mehr amerikanisches Ambiente geht in Deutschland nicht.

In den USA gilt Regensburg als wichtiger Brückenkopf auf dem Weg zur Globalisierung des eigenen Nationalsports. "Wir sind sehr beeindruckt, was dort auf die Beine gestellt wurde", sagt Paul Archey, Vizepräsident der Major League Baseball (MLB), über Regensburg und seinen Verein, die Regensburg Legionäre. Die Stadt war zum Beispiel 2009 Ausrichter einiger WM-Spiele, damals reisten Baseball-Fans aus ganz Europa an, zur Partie der Deutschen gegen die USA kamen 9600 Zuschauer - eine Sensation.

Vor allem aber produziert das Regensburger Internat Spieler für den amerikanischen Markt. "Wir erregen international Aufsehen", sagt der sportliche Leiter Martin Brunner. Seine Erfolgsquote ist beachtlich: Von mittlerweile 47 Abgängern haben zehn den Sprung zu einem MLB-Club geschafft. Spektakulär war vor allem der Transfer von Maximilian Kepler 2009. Der damals 17-jährige Berliner hatte 16 Angebote, er entschied sich für die Minnesota Twins - und erhielt ein Handgeld von 800.000 Dollar. In der Saisonvorbereitung 2014 kam Kepler erstmals in der Profimannschaft zum Einsatz

Doch das Leben vor dem Traum, also dem ersten MLB-Einsatz, ist anstrengend, auch schon im Internat. Nach der Schule verbringen die Jugendlichen täglich Zeit im Schlagkäfig oder auf dem Platz, im Schnitt etwa 36 Wochenstunden. 2013 hatte es der erste Deutsche dann bis ganz nach oben geschafft. Als Donald Lutz von den Cincinnati Reds erfuhr, dass er im Kader für einen einen Major-League-Auftritt stand, galt einer seiner ersten Anrufe dem ehemaligen Trainer Brunner. Der Verein investiert weiter, gerade hat der Bau des neuen, 7,6 Millionen Euro teuren Internats direkt am Stadion begonnen.

Kleinere Vereine schimpfen über die Legionäre

Für die EM haben Lutz und ein paar andere der Besten keine Freigabe ihrer Vereine bekommen, vielleicht hätte Deutschland die Italiener sonst schon schlagen können. Doch so profitiert der deutsche Baseball so gut wie gar nicht von der Regensburger Elite. Eine Ausnahme sind US-Spieler, die nach einiger Zeit in der MLB wieder zurück in die Bundesliga kommen - meist zu den Legionären. Viele kleinere Vereine klagen deshalb, die Regensburger würden die besten Spieler abwerben. Nach vier Titeln in Folge musste die Legionäre allerdings den Solingen Alligators den Vortritt lassen.

Die Lücke zwischen der deutschen Baseballelite und der Basis ist größer geworden, der Bundesverband geht Strukturprobleme zudem nur langsam an. Er ist aktuell zudem quasi führungslos, weil der Verbandspräsident und Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann ein Ermittlungsverfahren wegen Drogenmissbrauchs zu erwarten hat. Die Neuwahl des Präsidiums soll bald vonstatten gehen.

Für die deutsche Spitze geht es dagegen schon jetzt weiter voran: Einen Tag nach der Niederlage gegen Italien hat Deutschland bei der EM Schweden 12:8 besiegt, "eine Medaille ist noch drin", glaubt Ehmcke.

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