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02. April 2019, 07:34 Uhr

DFB-Präsident Grindel

Ende ohne Anstand

Ein Kommentar von

Der DFB-Präsident soll eine teure Luxusuhr angenommen haben. Die neue Affäre spricht dafür, dass Reinhard Grindel die Werte, für die er einst angetreten ist, schon lange verraten hat.

Am Montagabend um 19.20 Uhr schickte der SPIEGEL sechs Fragen an den DFB, es ging dabei um eine Luxusuhr, die Präsident Reinhard Grindel 2017 zum Geburtstag von einem ukrainischen Fußball-Oligarchen geschenkt bekommen haben soll. Danach ging alles ganz schnell. Um 22.47 Uhr meldete die "Bild"-Zeitung: "Skandal um geschenkte Luxus-Uhr".

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass dies nach den Enthüllungen des SPIEGEL um 78.000 Euro, die Grindel heimlich fürs Herumsitzen in einem DFB-Aufsichtsrat kassiert hatte, wohl das Aus seiner Präsidentschaft bedeuten dürfte. Sollte sich der Fall bestätigen - nach SPIEGEL-Informationen war es so -, würde das endgültig beweisen, dass Grindel ein Fußballfunktionär des alten Schlags ist, einer von den gierigen.

Ausgerechnet eine teure Uhr. Bei der WM 2014 hatte es einen veritablen Skandal darum gegeben, dass der brasilianische Fußballverband CBF Dutzenden Fifa-Funktionären jeweils eine Luxusuhr für mehr als 10.000 Dollar geschenkt hatte. Als das herauskam, mussten die Herren die edlen Stücke beschämt wieder abgeben, die Fifa leitete Ermittlungsverfahren ein.

Und drei Jahre später soll sich der deutsche Fußballpräsident, Mitglied der Exekutivkomitees von Fifa und Uefa, nichts dabei denken, sich selbst so eine Uhr schenken zu lassen? Im Wert von wohl 6.000 Euro und angeblich ein privates Geschenk des Ukrainers Grigorij Surkis, der selbst eine führende Funktion bei der Uefa hatte? Das wäre absurd.

In der Frankfurter DFB-Zentrale soll Grindel mit der Uhr regelmäßig wie ein Kind nach der Bescherung herumgeprotzt haben - ohne ein Gefühl von Scham. Nur in letzter Zeit, so heißt es, habe man die Uhr nicht mehr an seinem Handgelenk gesehen.

Reinhard Grindel war angetreten, dem DFB nach dem Sommermärchen-Skandal nicht nur ein neues Gesicht zu geben, sondern auch neue Werte, einen Anstand, eine Ehrlichkeit, die immer mehr Fans im modernen Profifußball vermissen. Er hat die Seele der Amateurfußballer gestreichelt, sich als einer von ihnen verkauft: als ein Mann, der angeblich auf den Ascheplätzen der Republik zu Hause war, nicht in den Luxuslogen des abgehobenen Ligabetriebs.

Er hat, das muss man jetzt sagen, diese Werte im Eiltempo verraten - oder sie nie besessen, immer nur vorgespielt. So oder so: Als Präsident des DFB ist Grindel nicht mehr tragbar. Jeder Tag, an dem er jetzt noch mit den Verbandsfreunden im DFB um einen vergoldeten Handschlag zum Abschied feilschen sollte, wäre einer zu viel.

Anmerkung: In einer früheren Version des Texts stand, die von Reinhard Grindel angenommene Uhr habe einen fünfstelligen Wert gehabt. Nach Angaben des DFB-Präsidenten betrug der Wert tatsächlich 6.000 Euro. Wir haben die Angabe korrigiert.

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