Rekord-Seglerin Die Qual der letzten Meilen

Seit über zwei Monaten ist die Britin Ellen MacArthur in einem Trimaran unterwegs: allein, einmal rund um den Globus, um die schnellste Erdumseglung aller Zeiten als Einhandsegler zu vollbringen. Nach einem komfortablen Vorsprung wurden die letzten Seemeilen zur Tortur. Boot und Seglerin sind an die Grenzen der Belastbarkeit geraten.

Von Andreas Lampert


Ellen MacArthur: "Nur 15 Minuten Schlaf in der letzten Nacht"
Ellen MacArthur

Ellen MacArthur: "Nur 15 Minuten Schlaf in der letzten Nacht"

Stürme, unberechenbare Wetterzonen, zerfetzte Segel, Reparaturen am Mast in 30 Meter Höhe, chronischer Schlafmangel: Die vergangenen 70 Tage haben der weltbesten Seglerin alles abverlangt. "Wir sind unheimlich müde, nur noch müde", schreibt Ellen MacArthur in ihrem Tagebuch, das man im Internet nachlesen kann (www.teamellen.com). Auch wenn die Engländerin die Bestleistung für die schnellste Weltumseglung allein erbringt, spricht sie darüber nur im Plural. Mit "wir" meint die 28-jährige Engländerin sich und ihren Trimaran "B&Q", mit dem MacArthur am 29. November von der imaginären Startlinie zwischen der bretonischen Küste und der englischen Südküste zu ihrer Rekordfahrt aufbrach. Aller Voraussicht nach wird sie die Linie heute Nacht wieder kreuzen - und im Ziel sein.

Mehr als 27.000 Seemeilen (rund 50.000 Kilometer) hat die zierliche Engländerin (1,58 Meter) seitdem mit ihrem 23 Meter langen Schiff zurückgelegt, hat in eisigen Stürmen das Kap der guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn umschifft und musste dabei mit einem Minimum an Schlaf auskommen. Bei 72 Tagen, 22 Stunden, 54 Minuten und 22 Sekunden liegt der im vergangenen Jahr aufgestellte Rekord des Franzosen Francis Joyon, der den bestehenden Rekord von Michael Desjoyeaux um 21 Tage unterboten hatte. Der erste Einhandsegler, der nonstop die Erde umsegelte, war der Brite Robin Knox Johnston, der 1969 313 Tage unterwegs war.

Der Vorsprung schmilzt

Bis vor wenigen Tagen hatte MacArthur trotz diverser Stürme, Mastschäden, zerfetzter Segel und einem permanenten Erschöpfungszustand noch einen komfortablen Vorsprung. Zwischenzeitlich betrug er sogar über fünf Tage gegenüber Joyon, doch je näher sie dem Ziel kommt, desto kleiner wird das Zeitpolster. Heute Nachmittag waren es nur noch ein Tag und sechs Stunden. Aufgewühlte See und wechselnde Winde machten das Vorankommen in der letzten Nacht zu einer beschwerlichen Angelegenheit.

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Ellen MacArthur: Liebeserklärung am Rande der Erschöpfung

"Ich bin völlig ausgelaugt. Ich habe letzte Nacht nur 15 Minuten Schlaf gehabt", tat MacArthur in einem Statement via Satellit kund. "Wir hatten Regenböen und unberechenbaren Wind. Einmal hat sich das Boot sogar von alleine gewendet, weil der Wind so stark war. Ich bin sehr, sehr müde. Wir hatten gehofft, das Ziel heute bei Sonnenuntergang zu erreichen, aber das scheint jetzt völlig unmöglich." Nach der heftigen Nacht gerieten MacArthur und die "B&Q" heute noch in eine Flaute.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Extremseglerin bis an ihre körperlichen Grenzen geht. Bereits 2001 bei der Vendeé-Globe-Regatta, bei der nach schweren Stürmen fünf der 58 gestarteten Boote kenterten und sieben mit Mastbruch umkehren mussten, bewies MacArthur ihren starken Willen. Auf hoher See musste sie ihr Schwert reparieren, nachdem ihr Boot mit einem unter Wasser treibenden Container kollidierte. Per Video konnten auch ahnungslose Landratten im Internet das Drama live mitverfolgen. Da wurde als "Erste-Hilfe-Maßnahme" schon einmal ein Nagel ohne Narkose in den Daumen getrieben, der nach einer Quetschung zu dick angeschwollen war. MacArthur belegte damals den zweiten Rang und ist seitdem ein Weltstar.

Liebeserklärungen an das Meer

Im vergangenen Jahr wurde MacArthur von der Queen mit dem Orden "Member of the British Empire" ausgezeichnet, die Franzosen bewundern ihre Segelkunst wie einst die von Lord Nelson und feiern sie als beliebteste Britin seit Jane Birkin. Ihre Fahrten durch die Ozeane betrachtet sie selbst als Liebeserklärungen an das Meer.

Pikanterweise ist Ellen MacArthur gar nicht an der Küste, sondern 150 Kilometer entfernt auf dem Land in Derbyshire aufgewachsen. Doch seit sie als Vierjährige einen Segelurlaub mit ihrer Tante machte, beschloss die spätere "Königin der Meere" ("Süddeutsche Zeitung") das Abenteuer auf dem Wasser zu suchen. Das Geld für ihr erstes Boot, ein Dingi, sparte sie sich zusammen, in dem sie die Beträge für das Schulessen zur Seite legte. Ihr Segellehrer erkannte schon in frühen Jahren, dass die Entschlossenheit seiner Schülerin eines Tages zum Erfolg führen wird: "Ich weiß nicht, welchen Weg ihre Tochter einmal einschlagen wird. Ich weiß aber, dass ein weites Stück davon übers Wasser führen wird", schwärmte der Coach den MacArthurs, einem Lehrerehepaar, vor. Ihre Tochter Ellen war die jüngste Engländerin, die die Hochsee-Skipper-Prüfung bestand.

"Wenn man einen Traum hat, kann man ihn auch erreichen", lautet das Credo der Ozean-Seglerin. MacArthur brachte sich das Verhalten einer Hochseeseglerin in Eigenregie bei: Schwierigste Reparaturen unter extremsten Bedingungen eigenhändig ausführen, Beherrschung der Hightech-Geräte aus dem Effeff und vor allem die psychische Belastungen des Alleinseins über lange Zeiträume hinweg. MacArthur hat sich sogar eine neue Schlaftechnik angeeignet: Ihre Schlafzeiten hat sie über den ganzen Tag verteilt, weil sie gelernt hat, sich binnen 20 Minuten Ruhe wieder zu regenerieren. Das ist wichtig, denn der Trimaran ist zwar sehr schnell, kann aber auch sehr leicht kentern.

"Habe Schmerzen und kann nicht schlafen"

Besonders die letzten Tage des Rekordversuchs gerieten für MacArthur zur Tortur. Wegen eines Riggschadens musste sie zweimal auf den 30 Meter hohen Mast klettern, wobei sie sich zunächst den Daumen verletzte. Später, als sie vom Seegang hin und her geschleudert wurde, wurde ihr Körper übersät mit blauen Flecken. In ihr Logbuch schrieb sie: "Musste fünfmal die Segel wechseln. Habe Schmerzen und kann keine komfortable Schafposition finden."

Dass MacArthur mit ihrer "B&Q" nun dem Ziel so nah ist, kann sie dennoch nicht so recht fassen: "Es ist so lange her, dass wir Land gesehen haben. Wir haben ja noch nicht einmal Kap Hoorn gesehen. Das einzige Land, das wir zu Gesicht bekamen, waren die Inseln im südlichen Atlantik. Wieder an Land zu gehen, wird für uns ein seltsames Gefühl sein."



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