Giro-Spitzenreiter Carapaz Der Exot macht ernst

Richard Carapaz stiehlt bei der Giro d'Italia den Favoriten bisher die Schau - und ist ein ungewöhnlicher Spitzenreiter: Er kommt aus Ecuador, einem Land ohne jede Radsporttradition. Trainiert wird er von einer Frau.

Richard Carapaz grüßt als Spitzenreiter
Massimo Paolone DPA

Richard Carapaz grüßt als Spitzenreiter

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Das Radsportland in Lateinamerika heißt Kolumbien. Von dort sind sie nach Europa gekommen, um die europäischen Berge zu erklimmen, die Kletterspezialisten aus den Anden: Fabio Parra, die Bergziege Lucho Herrera, Santiago Botero, Rigoberto Uran, Nairo Quintana, der als erster Kolumbianer beim Giro d'Italia triumphierte. Mehr als 150 Profis aus Kolumbien führt die Liste bei Wikipedia auf.

Im Nachbarland Ecuador gibt es nicht einmal 15 Profis. Und den aktuellen Giro-Spitzenreiter.

Richard Carapaz heißt der Mann, der derzeit die Radsportwelt in Erstaunen versetzt. Seit dem Samstag trägt er das Rosa Trikot des Führenden, und im Moment sieht es nicht so aus, als sei er gewillt, es wieder herzugeben. "Wir werden schon sehen, wer am Ende der Stärkste ist", schickt er Kampfansagen an die Favoriten Vincenzo Nibali aus Italien und den Slowenen Primoz Roglic. "Das Rosa Trikot zu verteidigen, ist leichter, als es zu erobern."

Selbstbewusst tritt der 26-Jährige auf, am Dienstag auf der Königsetappe durch die Alpen nach Ponte di Legno, bei Wind, Kälte und Regen, blieb Carapaz ganz cool, kontrollierte an der Seite von Nibali das Rennen und konnte in aller Ruhe abwarten, wie Roglic, der vor dem Giro von allem zum Topfavoriten Gekürte, wieder Zeit verlor. Am Mittwoch strampelt es sich vielleicht sogar fast von allein: Carapaz hat an diesem Mittwoch Geburtstag.

Vor zehn Jahren nur ein einziger Radprofi

Noch nie hat ein Radfahrer aus Ecuador bei einer großen Rundfahrt geführt, vor zehn Jahren gab es mit Byron Guama gerade einmal einen einzigen Radprofi in dem Andenland. Guama wurde damals bei seinen Stippvisiten in Europa wie ein merkwürdiger Exot angesehen, er konnte nur achselzuckend darauf verweisen, dass es in Ecuador nun einmal keine Radfahrtradition gebe.

Richard Carapaz und Vincenzo Nibali belauern sich
ALESSANDRO DI MEO/EPA-EFE/REX

Richard Carapaz und Vincenzo Nibali belauern sich

Carapaz könnte das jetzt nachhaltig wandeln. Und auch in anderer Hinsicht könnte er dafür sorgen, dass sich die Dinge verändern. Er ist nicht nur wegen seiner Herkunft ein Unikum, er ist auch der einzige Spitzenfahrer, der von einer Frau trainiert wird. Iosune Murillo betreut ihn seit Jahren, Carapaz selbst will daraus gar keine große Sache machen: "Ich habe mich nie gefragt, warum ich von einer Frau trainiert werde. Iosune war immer da, seit ich vor drei Jahren nach Europa kam", sagt er. Dass sie dennoch erst in diesem Jahr in den Betreuerstab von Carapaz' Movistar-Team aufgenommen wurde, sagt auch einiges über den Radsport aus.

Schon im Vorjahr ließ der Ecuadorianer mit einem Etappensieg beim Giro aufhorchen, auch sein Gesamtrang vier im Endklassement konnte sich sehen lassen, jetzt sind die Ambitionen noch einmal höher. Auch sein Kapitän im Movistar-Rennstall, der Baske Mikel Landa, liegt als Vierter noch relativ aussichtsreich in der Gesamtwertung und ist in Lauerstellung, falls Carapaz wider Erwarten auf den kommenden Bergetappen doch noch einbrechen sollte.

Zeitfahren in Verona kann entscheiden

Nibali als Zweiter mit 1:47 Minuten Rückstand und vor allem Roglic mit schon 2:09 Minuten haben zwar noch das Zeitfahren am Zielort Verona als Trumpf in der Hinterhand - aber bis dahin dürfen sie sich keine weiteren Zeitverluste mehr erlauben. Die beiden, die auch persönlich nicht viel füreinander übrighaben, haben sich über Tage belauert, alle waren auf den Showdown zwischen dem italienischen Gewinner von 2013 und 2016 und dem früheren Skispringer aus Slowenien fokussiert. Jetzt könnte ein Außenseiter aus Ecuador ihnen die Schau stehlen.

Carapaz hat im Schau-Stehlen durchaus schon seine Erfahrung. Vor vier Jahren startete er als Unbekannter bei der Vuelta de la Juventud, dem wichtigsten Nachwuchsrennen in Kolumbien. Hier werden die künftigen Herreras, Parras und Quintanas gemacht. Carapaz gewann als erster Nicht-Kolumbianer das Rennen.

Mit dem Mountainbike hat sich der kleine Richard als Kind abgeplagt, haben die ecuadorianischen Medien ausgegraben, das Fahrrad sei sein ganzer Stolz gewesen. Plötzlich ist Richard Carapaz in seiner Heimat ein Star, dabei hätte man es vielleicht ahnen können, dass aus ihm und dem Radsport mal etwas wird. Der Ort El Carmelo, aus dem er stammt, liegt nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt. Von der Grenze zu Kolumbien.



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