Fotostrecke

Fotostrecke: Der Herr des Ringens

Foto: Christophe Ena/ dpa

Ringer-Champion Kennen Sie Frank Stäbler?

Frank Stäbler ist gerade zum zweiten Mal Weltmeister im griechisch-römischen Stil geworden. Seit 20 Jahren war kein Deutscher in dieser Sportart so erfolgreich - dennoch ringt er in der Heimat um Anerkennung.

Die Fernsehzuschauer von "Big Brother", und die gibt es ja, werden sich an Frank Stäbler erinnern. In der Promi-Ausgabe der Container-Show war er im Vorjahr dabei, flirtete sich durch das Trash-Format, kurz vor dem Finale musste er allerdings ausziehen, und die 100.000 Euro für den Sieger wurden anderweitig verteilt.

Stäbler hat damals mitgemacht, weil er nichts dabei findet, auf solche Weise für mehr Popularität für den Ringersport und sich selbst zu werben. Und weil es eine schöne Gelegenheit gewesen wäre, an eine Stange Geld zu kommen. Durch den Sport allein ist so etwas kaum möglich.

Der 28-Jährige ist seit Jahren der beste deutsche Ringer. Er ist am Montagabend in Paris zum zweiten Mal in seiner Karriere Weltmeister geworden - und das in zwei unterschiedlichen Gewichtsklassen. Das haben nur wenige geschafft, in Deutschland ist Stäbler trotzdem immer noch ein Unbekannter.

Er ist eben nur Ringer.

2015 in der Spielerstadt Las Vegas hat Stäbler schon einmal triumphiert, er war der erste deutsche Weltmeister im griechisch-römischen Stil seit mehr als 20 Jahren. Für den Titel, die Schuftereien, das qualvolle Abnehmen vor den Wettkämpfen, verharmlosend Abkochen genannt, für all die Plackerei wurde er damals mit knapp 2200 Euro vom Deutschen Ringerbund und seinem Heimatverein TSV Musberg belohnt, hat er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erzählt. Für das Bezahlen der Siegesfeier hat es immerhin gereicht. Bei der Wahl zum Sportler des Jahres 2015 landete er unter ferner liefen.

Olympia ist alle vier Jahre die große Chance

Stäbler gehört zu den Sportlern, die alle vier Jahre einmal für größere öffentliche Aufmerksamkeit sorgen können, wenn es zu den Olympischen Spielen geht. Wenn es dann klappt mit der Medaille, mit Gold womöglich, dann ist der Name plötzlich überall präsent, dann gibt es auch Geld, 20.000 Euro für Gold, 10.000 immerhin noch für Bronze - und die große Möglichkeit, Sponsoren zu akquirieren. Stäbler reiste verletzt zu den Spielen nach Rio, er trat trotzdem an und blieb ohne Medaille. Aus war es mit dem Traum von den Sponsoren, von der großen Öffentlichkeit. Es blieb der Gang in den Big-Brother-Container.

Wenn überall darüber geklagt wird, dass der Fußball alle anderen Sportarten an den Rand des öffentlichen Interesses drängt, dann ist Stäbler ein gutes Beispiel. Beileibe nicht das einzige. Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben am Wochenende wieder EM-Gold und EM-Silber im Einzel geholt, zurzeit läuft die Weltmeisterschaft im Modernen Fünfkampf, die Badmintonspieler küren in dieser Woche ihre Weltmeister, im Hockey wird um EM-Medaillen gespielt, am Donnerstag beginnt die Kanu-WM. Das reicht für eine längere Meldung, wenn es gut für sie läuft. Im Zweifelsfall ist die Champions-League-Qualifikation von 1899 Hoffenheim die größere Geschichte. Auch SPIEGEL ONLINE macht da keine Ausnahme, Stäbler ringt seit fast zehn Jahren auf höchstem Niveau, sein Name taucht während dieser zehn Jahre im SPIEGEL-ONLINE-Archiv fünf Mal auf.

Der Athlet selbst hat für sich die rettende Formulierung gefunden, sein Sport mache ihn "innerlich zum Millionär". Wenn Stäbler in Länder wie Aserbaidschan, Kasachstan oder die Türkei kommt, erkennen sie ihn auf der Straße, in Deutschland erkennt ihn kein Mensch. Aserbaidschan ist das Ringerland schlechthin, hier sind die Sportler Idole, vergöttert und verwöhnt. Frank Stäbler ist dort ein Prominenter.

Endlich wieder etwas essen

Am Montag, nachdem er den Kasachen Demeu Schadrajew 8:3 nach Punkten besiegt hatte, durfte der Deutsche vor allem eines wieder: essen. Dass er nicht mehr in der 66-Kilo-Klasse, sondern mittlerweile in der Klasse bis 71 Kilogramm ringt, hat die Prozedur des Gewichtabnehmens vor dem Wettkampf zwar etwas erleichtert, aber auch diesmal hieß es vor dem offiziellen Wiegen: fasten, fasten, fasten. Ein Honigbrot am Tag als Gipfel der Genüsse, ansonsten lediglich ein paar Schlucke Wasser trinken, und zur Belohnung für die Mühen ein Nippen an der Fleischbrühe, die traditionell von Stäblers Mutter zubereitet wird. Das Abkochen hat Stäbler mal "den Kampf vor dem Kampf" genannt, das wird er am wenigsten vermissen, wenn er wie angekündigt 2020 seine Karriere beendet.

Die Olympischen Sommerspiele von Tokio in drei Jahren, das soll Krönung und Abschluss seiner Laufbahn gleichermaßen sein. Ein großer olympischer Kampf, der kann selbst Ringer in Deutschland zur Legende machen. Wie Wilfried Dietrich, den Kran von Schifferstadt, der 1960 in Rom Olympiagold gewann und dessen Schultersieg 1972 in München gegen den Koloss Chris Taylor bis heute unvergessen ist. Oder Pasquale Passarelli, der in Los Angeles 1984, angefeuert von ARD-Livekommentator Jürgen Emig ("Pasquale, die Brücke halten!"), kopfüber gegen den Japaner Masaki Eto so lange durchhielt, bis er Olympiasieger war. 85 Sekunden Olympia-Geschichte.

So eine Geschichte würde Frank Stäbler auch gerne erzählen. Bislang ist er nur der Doppelweltmeister. In Aserbaidschan wäre er damit ein Volksheld.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.