Ringer Frank Stäbler vor der WM "Es ist ein Weg durch die Hölle"

Bei der letzten WM seiner Karriere betritt Ringer Frank Stäbler Neuland. Der dreifache Titelträger hat zunächst nur ein Ziel: Sein Gewicht auf 67 Kilo zu reduzieren. Eine schmerzvolle Aufgabe.

Vor einem Jahr jubelte Frank Stäbler über sein WM-Erfolg in der Klasse bis 72 Kilogramm
DPA / Szilard Koszticsak

Vor einem Jahr jubelte Frank Stäbler über sein WM-Erfolg in der Klasse bis 72 Kilogramm

Ein Interview von Thilo Neumann


Im vergangenen Jahr gelang Frank Stäbler Einzigartiges: Durch seinen WM-Erfolg in der Klasse bis 72 Kilogramm schaffte der 30-Jährige es als erster Ringer überhaupt, den Weltmeistertitel in drei unterschiedlichen Gewichtsklassen zu gewinnen. (Lesen Sie hier, wie Stäbler das gelang)

Nun könnte der vierte Triumph folgen: Bei der WM im kasachischen Nursultan kämpft Stäbler ab Sonntag im griechisch-römischen Stil um den Titel in der Konkurrenz bis 67 Kilogramm. Es ist Teil seiner Abschiedstournee von der großen Bühne - nach den Olympischen Spielen in Tokio im kommenden Sommer möchte Stäbler seine internationale Karriere beenden. Dafür geht der Ringer der Red Devils Heilbronn einen ungewöhnlichen Weg.

SPIEGEL: Herr Stäbler, Ihr Idealgewicht liegt bei 74 bis 76 Kilogramm, bei der WM treten Sie aber in der Klasse bis 67 Kilogramm an. Warum tun Sie sich das an?

Frank Stäbler: Weil es meine einzige Chance ist, meinen Traum von einer Olympiamedaille zu verwirklichen. Zu den Spielen 2020 in Tokio wird meine frühere Gewichtsklasse bis 72 Kilogramm abgeschafft. Bei der WM geht es auch um die Qualifikation für Tokio.

SPIEGEL: Sie haben deshalb das "Projekt 67" ins Leben gerufen - wie wollen Sie das schaffen?

Stäbler: Es fängt beim Essen an. Früher habe ich mir nie groß Gedanken um meine Ernährung gemacht. Da ich rund 6000 Kalorien am Tag verbrauche, konnte ich nahezu alles essen, was ich wollte, ohne anzusetzen. Für mein Projekt habe ich nun zum Beispiel komplett auf weißen Zucker verzichtet, was verdammt schwer ist. Schauen Sie mal bei sich zu Hause in den Kühlschrank - selbst in Wurst ist Zucker drin! Eine Katastrophe!

Frank Stäbler (oben) kämpfte 2016 auch bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, damals in der Klasse bis 66 Kilogramm
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Frank Stäbler (oben) kämpfte 2016 auch bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, damals in der Klasse bis 66 Kilogramm

SPIEGEL: Ist es damit getan?

Stäbler: Nein. Ich musste meine Ernährung so umstellen, dass ich ein Verbrennungsmotor werde, Nährstoffe besser nutzen kann. Also achte ich sehr auf Zutaten, die die Verdauung ankurbeln: Jod, Ingwer, Kurkuma, zu jeder Mahlzeit esse ich extrem scharfe Chilischoten.

SPIEGEL: War die Ernährungsumstellung schwer für Sie?

Stäbler: Den Verzicht musste ich lernen, es ist eine Frage der Disziplin. Wenn meine Familie nachmittags zu Kaffee und Kuchen zusammenkommt, sitze ich mit meinen Trockenfrüchten daneben. Und ab und an sündige ich ja auch: Zu meinem 30. Geburtstag im Juni gab es eine Zuckergusstorte, zu dem Zeitpunkt lebte ich bereits knapp zwei Monate zuckerfrei. Es war faszinierend, da reinzubeißen - eine Geschmacksexplosion.

SPIEGEL: Auf was müssen Sie neben der Ernährung noch achten?

Stäbler: Ich musste mein Training umstellen, habe gerade in der Vorbereitung sehr viele Ausdauereinheiten absolviert, manchmal eine Stunde ohne Pause auf der Matte gerungen. Beim Krafttraining musste ich davon wegkommen, Muskeln aufzubauen, und stattdessen die Kraftausdauer erhöhen. Der Effekt von alldem hat mich selber erstaunt: Ich konnte mein Grundgewicht von etwa 75 auf rund 71 Kilogramm drücken. Gleichzeitig konnte ich bei Tests sehen, dass sich meine Leistungswerte teilweise verbessert haben.

SPIEGEL: Womit müssen Sie am meisten kämpfen?

Stäbler: Mit dem Kopf. Ich bin jeden Tag am Limit. Ich fühle mich schon völlig platt, weiß aber, dass ich meinen Körper noch mehr schinden muss, um das Gewicht zu erreichen. Der Druck ist permanent da.

SPIEGEL: Dennoch: Die Olympiaqualifikation sollte für Sie ein Selbstläufer sein.

Stäbler: Schön wäre es. Ich beziffere die Chance, mich überhaupt für Tokio zu qualifizieren, momentan auf zehn Prozent.

SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?

Stäbler: Zunächst: Das Teilnehmerfeld ist geschrumpft, in Tokio werden nur noch 16 Ringer in meiner Gewichtsklasse antreten. Das heißt aber nicht, dass das die 16 Besten sind, denn die Weltrangliste hat für die Olympiaqualifikation keinen Wert. Stattdessen ist vorgeschrieben, dass auch Vertreter aus Afrika, Ozeanien, Südamerika teilnehmen, obwohl vielleicht 80 Prozent der Leistungsstärksten aus Europa kommen. Für die stehen aber nur maximal acht Plätze bereit. Ein Nadelöhr.

SPIEGEL: Mit Verlaub: Sie treten als dreifacher Weltmeister in Kasachstan an. Um sich für Tokio zu qualifizieren, müssen Sie bei der WM entweder ins Halbfinale kommen oder die Hoffnungsrunde gewinnen, in der alle antreten, die im Turnierverlauf gegen einen der beiden späteren Finalisten verloren haben.

Stäbler Anfang September bei einem Pressetermin
Getty Images

Stäbler Anfang September bei einem Pressetermin

Stäbler: Mein oberstes Ziel ist es, nicht disqualifiziert zu werden. Dafür muss ich am Sonntagmorgen, also meinem ersten Wettkampftag, maximal 67,0 Kilogramm auf die Waage bringen.

SPIEGEL: Sie scherzen. Sie reden nicht vom Titel, sondern von der Waage?

Stäbler: Ja logisch. Natürlich habe ich den Traum, Weltmeister zu werden, aber ich weiß doch noch gar nicht, wie mein Körper darauf reagiert, wenn ich auf 67 Kilogramm runtergehe. Kann ich das schaffen und falls ja, wie geht es mir damit? Werde ich überhaupt noch stehen, geschweige denn kämpfen können?

SPIEGEL: Bei Ihrer Generalprobe, dem Grand Prix in Dortmund Anfang August, gewannen Sie souverän den Titel, schlugen im Finale den russischen Weltmeister Artem Surkov deutlich mit sieben zu eins - auch in der Klasse bis 67 Kilogramm.

Stäbler: Ja, aber in Dortmund gab es noch zwei Kilogramm Toleranz. Ich konnte also mit 69 Kilo auf die Matte.

SPIEGEL: Machen zwei Kilogramm einen so großen Unterschied?

Stäbler: Das höre ich so oft: Ach, die zwei Kilo sind doch ein Kinderspiel. Dabei ist es ein Weg durch die Hölle, eine absolute Grenzerfahrung. Ich bin am Mittwoch mit 69,8 Kilogramm ins Flugzeug nach Kasachstan gestiegen, muss bis Sonntagmorgen noch fast drei Kilo abnehmen. Heißt: Jeden Tag steht eine harte Einheit an, bei der ich im Schnitt ein Kilo ausschwitze, Essen und Trinken reduziere ich auf ein Minimum.

SPIEGEL: Wie schaffen Sie es, nach dem Wiegen die Anspannung hoch zu halten? Vermutlich steht keine zwei Stunden nach der Waage Ihr erster Kampf an.

Frank Stäbler (oben) gewann 2018 das WM-Finale gegen den Ungarn Balint Korpasi in der Klasse bis 72 Kilogramm
imago images/ Pressefoto Baumann

Frank Stäbler (oben) gewann 2018 das WM-Finale gegen den Ungarn Balint Korpasi in der Klasse bis 72 Kilogramm

Stäbler: Ich habe es schon oft bei Kollegen und Konkurrenten gesehen, die sich total darauf fokussiert haben, das Gewicht zu schaffen, und als sie das Ziel erreicht hatten, verloren sie ihren ersten Kampf und schieden aus. Ich hingegen habe in den vergangenen Jahren gelernt, meinen Fokus schnell neu ausrichten zu können. Wenn ich das Gewicht gut schaffe, ist alles möglich.

SPIEGEL: Wann fahren Sie zufrieden zurück von der WM?

Stäbler: (überlegt lange) Ich habe immer gesagt: Wenn ich alles gegeben habe und mir nichts vorwerfen kann, schaue ich glücklich in den Spiegel. Aus der Erfahrung heraus weiß ich aber natürlich: Verlieren ist brutal. Ich glaube, wenn es am Ende nicht für den Titel, sondern "nur" für die Olympia-Qualifikation reicht, werde ich trotzdem mit einem Grinsen im Gesicht nach Hause fahren.

SPIEGEL: Haben Sie Angst zu scheitern?

Stäbler: Manchmal ja. Zumindest, was das große Projekt Olympiamedaille angeht. Wenn ich einen schlechten Tag habe, kommen die Gedanken: Was ist, wenn ich nicht einmal die Qualifikation schaffe? Einer meiner Mentaltrainer hat mir dann aber einen guten Satz gesagt. Er meinte, alleine dadurch, dass ich es versuche, kann ich gar nicht scheitern.



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