Roger Federer bei den French Open Give me a Break!

Altmeister Roger Federer erlebt in Paris seinen dritten Frühling - auch wenn ihn die Nervenschlacht gegen Stan Wawrinka einige graue Haare gekostet haben dürfte. Im Halbfinale kommt es zum ewigen Duell mit Rafael Nadal.

Ein Sieg mit den gewohnten Schattenseiten
Martin Bureau/AFP

Ein Sieg mit den gewohnten Schattenseiten

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Vorhandwinner aus dem Handgelenk, Stoppbälle aus dem Nichts: Roger Federer verschlägt einem regelmäßig die Sprache. "Was zum...?!" möchte es einem entfahren - "give me a break!" Sprachlos machte die Zuschauer nun wieder sein Match gegen Stan Wawrinka - wenn auch aus anderen Gründen.

Das Duell der Schweizer war die Neuauflage des Viertelfinales von 2015. Wawrinka gewann damals in drei Sätzen und später auch das Turnier - Federer ließ sich danach vier Jahre nicht in Roland Garros blicken. Er, der das Angriffsspiel liebt, machte einen großen Bogen um die langsamen Sandplätze.

Angespannt im Duell der Freunde

Umso mehr wurde seine Rückkehr vom Pariser Publikum goutiert. Jeder Auftritt des Altmeisters wird gefeiert, als könnte es der letzte sein. Und hatte man in den ersten Runden noch den Eindruck, Federer genieße dieses Turnier, bei dem er sich selbst zum Underdog erklärte, so bot sich auf dem Court Suzanne Lenglen im Viertelfinale ein anderes Bild - auch wenn er das Match am Ende für sich entscheiden konnte.

Angespannt wirkte der 37-Jährige in der Partie gegen den befreundeten Wawrinka, der ebenfalls nach langer Verletzungspause in Paris ein umjubeltes Comeback feierte. Federer lässt auf dem Platz nur selten Gefühlsregungen zu. Da mag Eurosport-Kommentator Matthias Stach auch noch so oft daran erinnern, dass der Schweizer in Jugendjahren ein Heißsporn war. Stoisch die Miene, akkurat die Frisur, ein wahrer Tennis-Gentleman. Doch in diesem Viertelfinale machte er mitunter ein Gesicht wie "Mad Man" Don Draper, wenn diesem die Ideen ausgehen.

Rekordsammler mit einer großen Schwäche

20 Grand-Slam-Titel hat Federer in seiner Karriere gesammelt, unglaubliche 402 Partien bei den vier größten Tennisturnieren absolviert. Kaum einen Rekord, den er nicht gebrochen hat, kaum eine Statistik, die er nicht anführt. Nur in einem Ranking liegt Federer abgeschlagen weit hinten: wenn es um die Verwertung von Breakbällen geht.

Die Partie gegen Wawrinka offenbarte dieses Problem einmal mehr. Federer war der bessere Spieler, dominierte die Partie. Und ließ doch absurd viele Chancen liegen. 18 Möglichkeiten spielte er sich heraus, manche mit brillanten Schlägen und Spielzügen - nur um dann im entscheidenden Moment nicht zuzuschlagen. "Es ist wie ein Film, der in Wiederholung gezeigt wird", kommentierte Stach fassungslos. Eurosport-Experte Boris Becker fiel dazu gleich gar nichts mehr ein, beziehungsweise doch: "Wie verhext."

Starkes Duell der beiden Freunde
Vincent Kessler/REUTERS

Starkes Duell der beiden Freunde

Federer sicherte sich zwar den ersten Satz, exemplarisch im Tie-Break - es war ihm nicht gelungen, Wawrinka den Aufschlag abzunehmen. Gleiches Spiel in Durchgang zwei, doch sollte sich der Schlendrian nun rächen. Zumal Wawrinka plötzlich mehr Druck machte, seinerseits Federers Service durchbrach und nach Sätzen ausglich.

Das Trauma von 2015

Erinnerungen wurden wach an das dramatische (traumatische?) US-Open-Finale 2015, als Federer gegen Novak Djokovic nur vier von 23 Breakchancen verwertete und als vielleicht überlegenster Verlierer der Tennisgeschichte vom Platz ging. Nun könnte man meinen, einem Mann, der 20 Grand-Slam-Titel auf dem Konto hat, umwehe eine gewisse Grundgelassenheit. Doch im dritten Satz wirkte der Altmeister, der ohne Satzverlust in dieses Viertelfinale gestürmt war, wie ein Boxer kurz vorm Knockout. Während Wawrinka, mit seinen 34 Jahren auch nicht mehr der Jüngste und zudem einen Fünf-Stunden-Krimi gegen den aufstrebenden Griechen Stefanos Tsitsipas in den Knochen, immer mehr aufdrehte.

Dem Maestro flatterten spürbar die Nerven. Federer pumpte sichtbar, sein Shirt war schweißnass, die Beine wurden schwerer, der Arm wackelte - selbst ein einfacher Schmetterball flog nun meterweit ins Aus. Aber Federer wäre nicht Federer, wenn er sich nicht auch solchen Situationen zu befreien wüsste. Er suchte sein Heil in kurzen Ballwechseln, stürmte nach dem Aufschlag - und auch sonst immer unvermittelter - ans Netz. Mit Erfolg.

Regenunterbrechung ohne Folgen
Martin Bureau/AFP

Regenunterbrechung ohne Folgen

Auch eine Regenunterbrechung konnte Federer jetzt nicht mehr aus der Ruhe bringen. Und schließlich klappte es auch mit den Breakbällen. "Ich musste so riskant spielen", sagte ein erlöster Sieger, nachdem er den dritten Matchball verwandelt hatte. "Gegen Stan habe ich keine andere Chance."

Gegen Nadal ist er Außenseiter

Überhaupt fand Federer, auch das zeigt seine Größe, noch warme Worte für den Unterlegenen: "Es ist wirklich schade, dass Stan bei diesem Turnier ausscheiden musste. Er hat eine schwere Zeit hinter sich und ist hier so stark zurückgekommen."

Im Halbfinale kommt es nun zum ewigen Duell mit Rafael Nadal, der seinen zwölften French-Open-Triumph anstrebt. Im zweiten Viertelfinale des Tages ließ der spanische Sandplatzkönig dem müden Japaner Kei Nishikori keine Chance. Federer freut sich auf die Begegnung, seinem ersten Halbfinale in Paris seit 2012: "Gegen Rafa, das ist etwas ganz Großes für mich!" In diesem Match ist nun wirklich in der Rolle des Underdogs und kann frei aufspielen. Dann vielleicht auch bei Breakbällen.



insgesamt 5 Beiträge
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ulisses 04.06.2019
1. 15 Jahre
Herzlichen Glückwunsch, Herr Federer. Als Federer nach den etwas missglückten Australian Open ankündigte, wohl wieder auf Sand spielen zu wollen, dachte ich mir nicht, dass er so schnell wieder Anschluss an die Weltspitze auf diesem Belag finden würde. Zwar hatte er seit seinem Comeback drei Majors gewonnen und sogar kurzfristig die Nummer Eins im Ranking erobert, aber das garantiert ja nicht, dass man dann automatisch auch Erfolg auf diesem Bodenbelag hat. Sampras und Becker lassen grüßen. Ich dachte, er würde in Paris ein, zwei Runden gewinnen, um dann beim ersten schweren Gegner zu straucheln. Gegen Nadal wird er wohl keine große Chance haben. 2011 im Finale hatte er zuerst Djokovic in vier Sätzen besigt und dann gegen Nadal im Finale in vier Sätzen verloren und dabei vielleicht sein bestes Sandplatztennis gespielt, vielleicht sogar besser als im Sieger-Jahr 2009. Ich glaube nicht, dass er dieses Jahr an die Fitness und Schnelligkeit von damals herankommt. Das ist auf Sand entscheidend.
olive66 05.06.2019
2. ebenfalls bemerkenswert
Stand das Publikum bei Wawrinka vs Tsitsipas fünf Stunden auf den Beinen und tobte, war es hier merkwürdig passiv. Selbst bei den spektakulärsten Ballwechseln braver Applaus, kaum Rufe, und im ganzen Match überhaupt keine standing ovation. Als bangte und zitterte es mehr um Rogers Schicksal. Bin gespannt wie es im Spiel gegen Nadal sein wird!
kopi4 05.06.2019
3.
Ob er gegen Nadal seine Schwäche bei Breakbällen abstellt? Eher unwahrscheinlich. Im Finale von Melbourne 2017 hatte er im fünften Satz bei jedem Aufschlagspiel Nadals Breakbälle, für die zwei Breaks zum Titel brauchte er da ca. 10vergebene Breakbälle. Bei Nadals wieder einmal absurden Dominanz in Paris wäre es schon ein Erfolg für Federer wenn er beim zu erwartenden 0:3 nicht ähnlich vom Platz gefegt wird wie Nishikori.
schueler79 05.06.2019
4. Super Leistung
Vom Altmeister, das er es draufhat hat man wieder gesehen. Gegen Nadal wird natürlich nicht reichen, denn Nadal liegt ihm nicht nur vom Spielstil nicht, sie spielen zudem in Rafas Wohnzimmer. Dennoch ein schöner Erfolg für Federer. Der einzige der Nadal in Paris gefährlich werden kann ist Djokovic, aber dafür müsste er erstmal ins Finale kommen.
jean-baptiste-perrier 05.06.2019
5. Oh, ha!
Hier lehnen sich einige ganz schön weit aus dem Fenster. Sehr gewagt einen Sieg Nadals in Paris vorherzusagen. Da hat er doch schon mehrfach Matche verloren! 2 Matche in 15 Jahren! Das hat aber auch wirklich schon etwas Zwanghaftes, dass Nadal in Paris immer gewinnen muss. Wie wäre es, wenn Federer während Nadal seine Flaschen justiert ihm unbemerkt die Schnürsenkel zusammenknotet? Wäre das eine taktische Variante?
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