Federer bei den French Open Roger 3.0

Drei Jahre hat sich Roger Federer nicht in Paris blicken lassen - und wird bei seiner Rückkehr nach Roland Garros euphorisch empfangen. Für den Altmeister ist es ein Sprung ins Ungewisse.

Kai Pfaffenbach / REUTERS

Aus Paris berichtet


Roger Federer ist nicht zu fassen. Um das fortlaufende Lebenswerk der Lichtgestalt greifbar zu machen, klammert sich der Chronist an Zahlen: 310 Wochen an der Spitze der Tennisweltrangliste, 101 Turniersiege, darunter 20 Grand-Slam-Titel, mehr als 1200 Einzelsiege auf der Profitour - ein Ende nicht absehbar.

Die neueste Zahlenmystik geht so: Vor 20 Jahren feierte Federer sein French-Open-Debüt, vor zehn Jahren seinen einzigen Titel in Paris - und seit vier Jahren ist er beim bedeutendsten Sandplatzturnier der Welt ungeschlagen. Kleiner Scherz, pardon - der 37-Jährige bestritt am Sonntag ja sein erstes Match in Roland Garros seit 2015. Es wurde ein erfolgreiches Comeback, 6:2, 6:4, 6:4 gegen den Italiener Lorenzo Sonego, von den Zuschauern bejubelt, als wäre es der Finalsieg. Als wäre er nie weg gewesen.

Das Phänomen Federer lässt sich natürlich nicht auf Rekorde und Statistiken herunterbrechen, das zeigt abermals die Rogermania, die dieser Tage am Stade Roland Garros grassiert und die auch bei seinem Sieg gegen den Deutschen Oscar Otte zu spüren war.

"Habe das Publikum sehr vermisst"

Die längere Absenz? Längst verziehen. Zumal man bei einer 37 Jahre alten nicht nur lebenden, sondern noch aktiven Legende nie weiß, ob nicht doch plötzlich Schluss ist. Ob es nicht der letzte Auftritt auf dem Court Central sein wird.

"Ich bin glücklich, wieder hier zu sein, denn ich habe das Publikum sehr vermisst", sagte der Schweizer nach seinem Erstrundensieg. "Vielleicht noch mehr, weil ich die letzten drei Male verpasst habe." 2016 und 2017 fiel er verletzungsbedingt aus, der Rücken, das Knie.

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Roger Federer: Er ist noch immer da

Und im vergangenen Jahr ließ er die Sandplatzturniere links liegen, um sich direkt auf sein geliebtes Wimbledon vorzubereiten. Rasen statt Rotsand, schnelle Punkte statt aufreibender Ballwechsel, es schien auch eine altersgerechte Entscheidung zu sein.

Doch nun erlebt man - nicht zum ersten Mal in Federers Karriere - plötzlich einen Spieler, der sich noch einmal neu erfunden und auf seine alten Tage seine Lust am Sandplatztennis entdeckt zu haben scheint. Der seinem Spielsystem noch einmal ein Update verpasst hat: Roger 3.0.

Last Exit Schlägerdesigner

Bei seinen ersten Auftritten auf roter Asche in diesem Jahr in Madrid und Rom rieben sich Fans mitunter verwundert die Augen: War das wirklich Federer, den sie da sahen - oder der spanische Sandplatzspezialist David Ferrer? Der Mann, der seine Gegner sonst so elegant wie dominant in die Defensive treibt, wühlte plötzlich selbst zwei Meter hinter der Grundlinie herum, grub Bälle aus den entlegensten Winkeln des Platzes aus und befreite sich so aus den unwahrscheinlichsten Situationen.

Federer hatte seinem Spiel eine Komponente hinzugefügt - zusätzlich zu den überraschenden Netzattacken und ansatzlosen Stoppbällen, mit denen er die Konkurrenz zur Verzweiflung treibt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Federer eine solche Transformation vollzieht. 2013, als er nur einen Titel gewann und ungewöhnlich viele Matches verlor und viele ihn schon in den Ruhestand schreiben wollten, wechselte er den Schläger. Meist ist die Meldung, dass sich ein absteigender Tennisstar in Form- und Sinnkrise zurückzieht, um mit seinem Rackethersteller ein neues Modell mitzuentwickeln, der Anfang vom Ende. Last Exit Schlägerdesigner.

Bei Federer war es der Neustart: Es brauchte eine Weile, bis er sich an sein neues Wilson-Modell gewöhnt hatte - aber die Vorzüge wurden bald sichtbar. Eine größere Schlagfläche verzieh dem Altmeister unsaubere Treffer, nicht mehr gar so viele Rückhandschläge flogen vom Rahmen aus dem Stadion. Und der Erfolg gab ihm Recht: In den folgenden Jahren sammelte Federer wieder serienweise Titel - 2017 triumphierte er noch einmal in Wimbledon.

"Es kommt aufs Wetter an"

Auch sonst zeigt Federer sich Neuem gegenüber aufgeschlossen. 2015 verblüffte er Fans und Kontrahenten mit dem SABR, der "Sneak Attack by Roger", indem er den Aufschlag fast an der T-Linie returnierte und sofort ans Netz stürmte. Und auch der Debatte um den umstrittenen "Unterarm-Aufschlag" verlieh er Aufwind: "Man sollte sich nicht schämen, das auszuprobieren", urteilte der Maestro.

Wie weit die Reise geht für Federer bei diesen French Open, bleibt schwer zu sagen. "Ich spüre, dass ich gut spiele - aber ist es auch gut genug, um gegen die Besten zu bestehen?", wägt er seine Titelaussichten ab. Die Favoriten sind andere: der elfmalige French-Open-Sieger Rafael Nadal, Branchenprimus Novak Djokovic, Dominic Thiem.

"Entscheidend ist, wie er durch die ersten Matches kommt, wie viel Kraft er da lässt", sagt Proficoach und Eurosport-Experte Benjamin Ebrahimzadeh. Dass auch die größte Lichtgestalt aus Fleisch und Blut ist, wurde zuletzt beim Masters in Rom spürbar, als Federer nach zwei aufreibenden Matches das Viertelfinale kampflos aufgeben musste.

"Es kommt auch ein bisschen aufs Wetter an", sagt Ebrahimzadeh. "Wenn es Ende der Woche wärmer wird, werden die Plätze schneller." Das komme Federers offensivem Spiel entgegen. "Dann wird man ihn deutlich aggressiver sehen."

Für Federer ist es "ein Sprung ins Ungewisse, wie 2017 in Australien." Damals hatte er ein Jahr mit Verletzungen und ohne Titel hinter sich - und feierte seinen ersten Grand-Slam-Triumph nach fünfjähriger Durststrecke.

insgesamt 7 Beiträge
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Stereo_MCs 29.05.2019
1. Und wer seinen Zauber Schlag nochmal sehen möchte
https://www.blick.ch/sport/tennis/heute-vor-6-jahren-federer-zeigt-schlag-meines-lebens-id4164089.html Wenn Talent, Genialität, Fleiß und Schönheit des Spiels zusammen treffen, kommen halt solche Rekordbücher dabei heraus. Und bei der aktuellen Leistungsdichte im Herrentennis sehe ich kaum eine Chance, diese Rekorde nochmal zu brechen. Federer braucht auch in Paris eh keinem mehr etwas zu beweisen, der spielt mittlerweile in seiner eigenen Liga. Auch dass er das Turnier sicher nicht gewinnen wird, ändert daran gar nichts. Es geht nur noch darum dass Glück zu haben, ihn noch spielen zu sehen. Vielleicht setzt er dem ganzen Lebenswerk nochmal die Krone auf und gewinnt Wimbledon und das ein oder andere Turnier, trotz den beiden Rivalen. Auch wenn Nadal und Doković ähnliche Rekordbücher haben oder haben werden, sie werden trotzdem nicht diesen Mythos des fast ausserirdischen erreichen. Am ehesten noch mit etwas Glück Doković, der gerade erst 32 geworden ist. Ich glaube, am Schluss ist es eben diese Schönheit des Spiels die Federer einzigartig macht.
Stereo_MCs 29.05.2019
2.
Hier der "Schlag des Jahrhunderts" nochmal in der bestmöglichen Version: https://www.youtube.com/watch?v=DXB4MApF4Lo Der sollte genau so kommen.
klappspatenbeobachter 29.05.2019
3. Experte Ebrahimzadeh?
Für was? Ein Blender, der seine eigene Karriere als übergewichtiger Möchtegern-Profi überhöht und als "Experte" Plattitüden und das kleine 1x1 des Tennis als große Erkenntnisse verkauft. Muss er so machen, denn Ahnung vom großen 1x1 des Tennis hat er halt nicht.
jesse01 29.05.2019
4. den schlag von damals
hab's Video noch nicht gesehen, aber sicher meinen sie den Schlag durch die Beine, den tweener bei den US Open damals. ansonsten stimme ich zu, Djokovic wird Rogers Rekorde allesamt brechen, aber nie die Lichtgestalt werden , wie Federer dies ist. Roger wird noch spielen, bis er die 109 Turniersiege von Connors übertrifft und dann abtreten. heuer tippe ich auf ein HF gegen Nadal. Ausgang offen !!!
totalausfall 29.05.2019
5. Abwarten!
Zitat von jesse01hab's Video noch nicht gesehen, aber sicher meinen sie den Schlag durch die Beine, den tweener bei den US Open damals. ansonsten stimme ich zu, Djokovic wird Rogers Rekorde allesamt brechen, aber nie die Lichtgestalt werden , wie Federer dies ist. Roger wird noch spielen, bis er die 109 Turniersiege von Connors übertrifft und dann abtreten. heuer tippe ich auf ein HF gegen Nadal. Ausgang offen !!!
Djokovic ist auch kein Teenager mehr! Wenn alles so weiter läuft wie bisher, hat er ihn in 2 3 Jahren. Ist mit 32+ aber auch viel Glück mit dabei. Djokovic braucht jetzt vor allem gute Trainer und ein großes Maß Intelligenz und Selbsteinschätzung. Wichtiger als seine sowieso überragenden Fähigkeiten wird nun immer mehr die Strategie in der Tourplanung! Auch das ist eine Fähigkeit, die Federer so überragend macht.
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