Nachruf auf Roland Matthes Wie eine Rasierklinge durchs Wasser

Roland Matthes war ein Schwimmheld im Osten, mit Kornelia Ender bildete er zudem das Traumpaar des DDR-Sports. So elegant wie er war keiner im Wasser.
DDR-Ikone Roland Matthes war einer der erfolgreichsten deutschen Schwimmer

DDR-Ikone Roland Matthes war einer der erfolgreichsten deutschen Schwimmer

Foto: Werner Schulze/ imago images

Das Schwimmenlernen verdanke ich Roland Matthes. An Schwimmhallen habe ich alles gehasst, das Chlorwasser, die Duschen, die Kälte, die Bademeister, die sich Anfang der Siebzigerjahre noch benahmen, als seien kleine Kinder Rekruten, die man durch Anschnauzen zum Schwimmen bringen könnte - aber da war dieser Roland Matthes, der auf dem Rücken durch das Wasser glitt als wäre das nichts, der "das Wasser durchschneidet wie eine Rasierklinge", wie "L'Equipe" schrieb.

Dieser elegante Schwimmer aus der DDR, jenem fernen Land mit den Anführungszeichen, über das man im katholischen Paderborn damals eher hinter vorgehaltener Hand redete. So wollte ich sein. Und dafür nahm ich alles in Kauf, das Chlor, die brüllenden Bademeister. Das war es wert.

Natürlich fanden alle um mich herum Mark Spitz toll, diesen Überschwimmer aus den USA, der bei den Olympischen Spielen in München siegte, wo er antrat. Aber Spitz war mir unheimlich, er war zu übermächtig, das war schon einschüchternd. Da war ich froh, dass es noch ein paar wenige Schwimmstrecken gab, bei denen andere siegten, vor allem dieser Roland Matthes.

Mit 17 schon Doppelgold in Mexiko

Über Jahre gab es keinen, der die Rückendistanz so beherrschte wie der junge Mann aus Thüringen. Als 17-Jähriger war er 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko aufgetaucht, als die große Schwimmhoffnung der DDR, es waren die ersten Sommerspiele, in denen die DDR als eigenständige Sportnation auftrat. Entsprechend hoch waren die Ambitionen, und er enttäuschte die Erwartungen nicht. Zweimal Gold brachte er heim, die erfolgsverwöhnten US-Boys waren besiegt, Roland Matthes war der junge Held der jungen DDR. Als er aus Mexiko zurückkehrte, strömten Tausende auf den Bahnhofsvorplatz in Erfurt, um den Schwimmer zu empfangen. Die Erfolge von Matthes galten als Beweis dafür, dass die DDR im Sport Weltniveau erreichen konnte.

Als er da auf der Tribüne stand, um die Huldigungen der Massen in Erfurt entgegenzunehmen, wirkte er ein bisschen überfordert, ein 17-Jähiger, der die Ansprüche eines ganzen Landes erfüllen sollte. Was für eine Last. Roland Matthes erlebte auf DDR-Seite das, was Jahre später einem anderen 17-Jährigen im Westen geschah, als Boris Becker in Wimbledon triumphierte.

Dabei war die Schwimmkarriere von Roland Matthes alles andere als vorgezeichnet. Gern erzählte er selbst die Geschichte, wie es ihn in die Hallenbäder trieb, weil es bei den Matthes' zu Hause keine Dusche, nur ein Waschbecken gab und Wasser auf dem Herd aufgesetzt werden musste, wenn man es warm haben wollte. In den Bädern dagegen gab es warme Duschen, "ich war ein klassischer Warmduscher", hat Matthes später gesagt.

Marlis Grohe erkannte sein Talent

Sein Talent wurde anfangs übersehen, nur Marlis Grohe, Schwimmtrainerin in Erfurt, die guckte genau hin und erkannte in diesem jungen Kerl etwas, was andere nicht sahen. "Ohne sie hätte ich es niemals so weit gebracht", sagte er in einem Interview mit dem "Neuen Deutschland". "Wenn ich im Training mal nicht so wollte, weil mir das Wasser zu kalt war - und ich fror ja immer -, dann packte sie mich am Schlawittchen und schmiss mich ins Wasser."

Matthes und Grohe, das wurde zur Erfolgskombination, erst beim SC Turbine Erfurt, später in Europa und der Welt. Zwischen 1967 und 1974 verlor Matthes kein wichtiges Rennen über die Rückendistanz, er schwamm reihenweise Weltrekorde, sammelte vier olympische Goldmedaillen, Welt- und Europameistertitel. Und als sei dies alles nicht genug, heiratete er 1978 auch noch Kornelia Ender, neben Katarina Witt vielleicht den größten Sportstar, den die DDR hatte, die Superschwimmerin, die bei den Spielen 1976 von Montreal Gold gefischt hatte wie Mark Spitz vier Jahre zuvor.

Matthes und Ender - umschmeichelt von der SED-Führung, ein Vorzeige-Traumpaar des DDR-Sports. Er mit seinem Siebzigerjahre-Schnauzbart, sie mit ihrem verwuschelten Blond, die Ehe hielt allerdings nur vier Jahre. Das Schwimmen sei ihre gemeinsame Basis gewesen, hat Matthes später gesagt, als diese Grundlage weggebrochen war, war auch die Gemeinsamkeit vorbei gewesen. Der SED passte das gar nicht, dass das perfekte Schwimm-Idyll nicht mehr existierte, danach habe Matthes politisch als unzuverlässig gegolten, erzählte er später.

1990 wurde er angefeindet

Sieben Jahre später war auch die DDR am Ende, Matthes, der Medizin studiert hatte, ging in den Westen, arbeitete als Teamarzt bei den Fechtern in Tauberbischofsheim, übernahm später eine Praxis im Fränkischen. Mit dem Ende der DDR kamen auch die Vorwürfe um Doping auf. Leistungsmanipulation, sie erreichten auch Matthes. Er hat dies immer abgestritten mit dem Hinweis, er habe den Vorteil gehabt, in Erfurt in einer kleinen Gruppe abseits der Militär- und Polizeistrukturen trainiert zu haben, in denen der DDR-Sport ansonsten eingebunden war, Doping sei daher für ihn kein Thema gewesen.

Ohnehin hat er den DDR-Sport stets gegen Anwürfe verteidigt, dass die Erfolge nur durch Doping zustande gekommen seien, war für ihn "Schwarz-Weiß-Malerei". Dem SPIEGEL sagte er 1990: "Mit solchen Mitteln allein gewinnt niemand eine Goldmedaille, ohne Talent nützen auch Anabolika nichts."

Dass er 1990 Anfeindungen ausgesetzt war, ihm als Privilegierten des alten Systems, dass der DDR-Sport zudem als diskreditiert galt, war auch ein Grund, warum sich Matthes danach aus der Öffentlichkeit zurückzog, auch dem gesamtdeutschen Schwimmsport seine Expertise nicht mehr zur Verfügung stellen wollte. Ein paar Tipps von ihm hätten seine Nachfolger gut gebrauchen können. Nie wieder sah man in Deutschland eine solche Grazie auf der Rückendistanz, Matthes, der mehr auf dem Wasser als im Wasser lag.

Schwimmen habe ich erst viel später gelernt, mit zehn Jahren habe ich die Freischwimmerprüfung bestanden, in dem Jahr als Roland Matthes mit Bronze in Montreal seine große Karriere beendete. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das zusammengehört.

Roland Matthes ist am Freitag im Alter von 69 Jahren gestorben. In Erfurt haben sie eine Schwimmhalle nach ihm benannt. Hoffentlich sind die Duschen schön warm.