Radsport-Präsident Scharping Sieg des Schönredners

Modernisierung, Veränderung, Aufklärung? Nicht mit Rudolf Scharping. Der Ex-Politiker mahnt die deutsche Radsportgemeinde zu Konstanz und Stabilität - und wurde dafür mit der Wiederwahl zum Radsport-Präsidenten belohnt.

BDR-Präsident Scharping, unterlegene Herausforderin Schenk: Jubel nach dem Wahlsieg
DPA

BDR-Präsident Scharping, unterlegene Herausforderin Schenk: Jubel nach dem Wahlsieg

Aus Gelsenkirchen berichtet


Rudolf Scharping war jahrelang Politiker - und als solcher weiß er ganz genau, wie man sich Mehrheiten organisiert: Erst Angst vor Veränderung schüren, und dann die vermeintlich einzige Lösung aufzeigen. Im Falle des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) lautet diese laut Scharping: keine Veränderungen, sondern Stabilität. "Sorry, ich bin ja nicht dazu da, jedem zu gefallen, sondern einen Verband zu führen, damit er Erfolg hat", so Scharping.

Mit seiner Predigt der Konstanz hatte Scharping am Samstagnachmittag Erfolg: Die Delegierten bestätigten den 65-Jährigen zum zweiten Mal nach 2009 mit einer Dreiviertel-Mehrheit (411 von 567 Stimmen) als BDR-Präsident. Zweimal durfte Scharping im Sitzungsaal des Maritim-Hotel in Gelsenkirchen reden. Neben seiner zehnminütigen Wahlkampfrede war es vor allem die Bilanz seiner knapp achtjährigen Amtszeit, die seine Botschaft verdeutlichte.

"Als 2006 die Jahre der Depression und die Jahre des Existenzkampfes anfingen, konnte ich mir nicht vorstellen wie hart das wird", bilanzierte Scharping. Mitarbeiter hätten auf ihr Gehalt verzichten müssen, um nicht entlassen zu werden. Es sei ein ständiger Kampf um die Finanzierung gewesen. Mittlerweile schreibe der BDR jedoch schwarze Zahlen. Zudem könne man dank der olympischen Erfolge von London bei den Zielvereinbarungsgesprächen mit dem DOSB in Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio 2016 auf mehr Fördermittel hoffen.

Scharping verspricht Sicherheit

Scharping malte das Bild eines Bauwerkes, seines Bauwerkes, dessen Stabilität in Gefahr geraten könnte. Dazu erzählte er die Geschichte eines großen Sponsoren-Deals, die Scharpings Einsatz im "Existenzkampf" des BDR unterstreichen sollte. In einer Hotelbar in China wurde dieser abgeschlossen. "Die wollten mit mir einen Vertrag machen", sagte der 65-Jährige: "Ich habe gesagt, macht es lieber für den BDR. Dann habt ihr mich als Person mit." Sicherheit dank Scharping - dieses Versprechen reichte dem größten Teil der wahlberechtigten Mitglieder, überzeugt aber nicht alle.

Hans Lutz, Präsident des Landesverbandes Württemberg, ist einer von Scharpings Kritikern: "400 Ideen in vier Monaten. Besser wären 40 in vier Jahren gewesen und davon zehn ordentlich umgesetzt." Dieser Aktionismus erinnere ihn an die Wahl 2009. Doch anschließend setzte Scharping nur wenig um, Lutz befürchtet, dass es nun genauso laufen wird.

Schenks Wahlkampf beginnt zu spät

Die unterlegene Herausforderin Sylvia Schenk, von 2001 bis 2004 schon einmal BDR-Präsidentin, wirkte nach der Wahl erleichtert. "Der Schritt hierherzukommen war einfach wichtig. Vielleicht hätte man den auch ohne Kandidatur haben können. Ich bin wieder ein Stück im Radsport", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Schenk hatte auf einen intensiven Wahlkampf verzichtet - und somit keine Chance gegen Scharping. Erst am Vorabend der Wahl reiste sie aus Berlin an, um das direkte Gespräche mit den Delegierten in der Zeche Oberschuir zu suchen. Doch da dürften die meisten bereits eine Wahlentscheidung getroffen haben.

Statt von Schenk wird der BDR nun weiter von Scharping geleitet. Einem Mann, der manchmal die Realitäten ausblendet. Im Vorfeld der Wahl hatte Scharping keine Fragen beantworten wollen, auch nicht zu fragwürdigen Aussagen wie: "In Deutschland gibt es seit Jahren keinen Dopingfall mehr (Sinkewitz war der letzte) und wir tun alles, dass das so bleibt." Nach der Wahl sagte er nun: "Meine Bemerkungen bezogen und beziehen sich auf den Profiradsport der Männer."

Der des Dopings überführte Stefan Schumacher, sei "kein Fall des BDR, sondern einer der Franzosen gewesen". Schumacher war bei der Tour de France 2008 positiv auf Cera getestet worden. Auch die Fälle des Ex-Straßenfahrers Olaf Pollack, dem 2009 EPO nachgewiesen wurde, oder des ehemaligen Gerolsteiner-Profis David Kopp, der bei einem belgischen Kriterium mit Kokain erwischt wurde, blendet Scharping somit aus. Man könnte auch sagen: Scharping redet sich die Bilanz schön.

Intern soll Scharping geäußert haben, dass er jetzt nur noch zwei Jahre Präsident bleiben möchte, um im Präsidium einen Verjüngerungsprozess einleiten zu können. Von einem Rücktritt sprach er bereits vor der Wahl und trat doch an. Der BDR wird in den nächsten Jahren ein berechenbarer Sportverband bleiben. Doch Stabilität bedeutet nicht zwangsläufig etwas Gutes.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
omaiho 23.03.2013
1. optional
Scharping hielt mit der Rede an. Nachdem nach einer Stunde der erste Satz gesagt war (die Begrüßung), wurde er schnell gewählt, denn allen war klar: Wenn wir ihn weiterreden lassen, verbringen wir Ostern noch hier und hören uns eine Rede an, die uns beim wichtigsten Problem, Doping, keinen Millimeter weiterbringt. Deshalb bin ich den Wählern auch nicht böse, wenn sie Ostern Scharping vorgezogen haben.
teletube 23.03.2013
2.
Zitat:"Die unterlegene Herausforderin Sylvia Schenk, von 2001 bis 2004 schon einmal BDR-Präsidentin, wirkte nach der Wahl erleichtert." Demnach wäre die Dame wohl schwer gestresst gewesen, wenn sie denn gewählt worden wäre... Bei solchen (Gegen)Kandidaten gewinnt dann selbst ein Scha(aaaaaaaaa;-)rping.
TLR9 24.03.2013
3. Zukunft des BDR
Als Mitglied des BDR habe ich eine eigene Meinung und frage mich: Was wollen die Säcke mit dem Radsport-Laien Rudolf Scharping an ihrer Spitze? Die "Depression" kam ja schon auf, als er das Amt antrat. In kritischen Fragen reagiert er nicht viel anders als Helmut Kohl. Man kann die Probleme auch mal aussitzen ...
viceman 24.03.2013
4. ein "verein" mehr, den die welt nicht braucht!
Zitat von sysopDPAModernisierung, Veränderung, Aufklärung? Nicht mit Rudolf Scharping. Der Ex-Politiker mahnt die deutsche Radsportgemeinde zu Konstanz und Stabilität - und wurde dafür mit der Wiederwahl zum Radsport-Präsidenten belohnt. http://www.spiegel.de/sport/sonst/rudolf-scharping-zum-bdr-praesident-wiedergewaehlt-a-890598.html
bei solch einem "vorsitzenden" , der noch vor ein paar wochen energisch die wiederwahlabsichten abstritt und dessen lügen ala hufeisen unvergessen sind, braucht man keine feinde. da hat man den "krebsschadeb" schon an der spitze - wie der fisch eben, der stinkt immer zuerst am kopf....
hessiejames 24.03.2013
5. nicht zu fassen
einfach weiter so . Der BDR will seine Leichen weiter im Keller lassen. Reformen im Vatikan,aber doch nicht bei Scharping. Er ist das grösste Problem beim BDR. Frau schenk wurde damals schon abgewählt ,weil sie mit Reformen drohte. Das Scharping kein Rückgrat hat das weiß man ja schon aus spd Zeiten. Hoffendlich kommt es nun zu Spaltung des Verbandes. Die Delegierten wollen Ruhe eine Aufarbeitung des Dopingproblems ist nicht in ihrem Sinn. Da wird sich aber der Weltradsportverband freuen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.