Rücktritt Jan Ullrich beendet Karriere

Jan Ullrich zieht sich als Fahrer aus dem Radsport zurück. Er bleibe dem Sport aber in anderer Funktion erhalten, sagte der einzige deutsche Tour-Sieger. Ullrich nutzte seine Redezeit zu einer Generalabrechnung mit seinen Kritikern - vor allem Ex-Verteidigungsminister Scharping attackierte er scharf.

Hamburg - Er bleibe dem Radsport erhalten, sagte Ullrich heute auf einer Pressekonferenz - "allerdings nicht als Aktiver. Um es also noch einmal deutlich zu sagen: Ich beende hiermit meine Karriere", so Ullrich. Er könne jedoch ohne Radsport nicht leben und habe sich deshalb entschieden, mit einem Team zusammenzuarbeiten. Das "Team Volksbank" aus Österreich, eines der zweiten Kategorie, hätte ihn auch als Aktiven verpflichtet und "wahnsinnig viel Geld investiert", erklärte der Radstar, der als "Repräsentant, Werbeträger und Berater" für die Österreicher arbeiten wird.

Ullrich betonte, dass er sieben Angebote bekommen habe, "darunter auch ProTour-Teams". Nach monatelangem Überlegen habe er aber die Entscheidung getroffen, nicht mehr aktiv zu sein. "Gegen mich läuft kein Verfahren, auch das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Bonn kann nichts daran ändern, dass ich sofort eine Lizenz hätte bekommen können."

Der 33-Jährige teilte mit, dass er für zwei Firmen bei der Entwicklung von Sportunterwäsche und Radreifen tätig werden wolle. Einige Medien hätten ihn angesprochen, "ob ich nicht als Radsportexperte tätig werden will. Darüber habe ich noch nicht entschieden", erklärte Ullrich, der sich auch in der Wohlfahrt engagieren möchte. "Jetzt wird es stressig, und die neuen Aufgaben will ich mit Hingabe erledigen."

Zuvor hatte Ullrich die meiste Zeit für eine Abrechnung mit seinen Kritikern genutzt. Die Suspendierung kurz vor der Tour de France im vergangenen Jahr sei "der schwärzeste Tag seiner Karriere" gewesen. "Ab dem Tag war nichts mehr, wie es vorher war. Wie es dazu kommen konnte, weiß ich allerdings bis heute nicht", erklärte der Radsportler. Er sei in der Folge wahnsinnig enttäuscht worden von Verbänden, "dem Schweizer Verband, dem Weltverband und dem Bund Deutscher Radfahrer".

In Spanien, wo die "Blutbeutel-Affäre" um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes begonnen hatte, gehe "auch alles drunter und drüber". Er selbst werde nicht nach Spanien gelassen, seine Anwälte könnten keine Unterlagen einsehen, "ich habe das Vertrauen in die Verbände verloren", sagte Ullrich. "Auch der Schweizer Verband erweckt seit acht Monaten den Eindruck, belastendes Material gegen mich zu haben, aber es gibt keine Anklage." Er hätte sich gewundert, warum der Italiener Ivan Basso durch seinen Verband angehört worden sei, er selbst jedoch nicht. "Das hätte ich mir gewünscht."

Zur Kritik, er hätte mit einer DNA-Probe für Klarheit sorgen können, sagte Ullrich, das sei nicht "wie ein Glas Wasser trinken. Ich habe mich wie ein Schwerverbrecher gefühlt, mein Haus wurde durchsucht während ich nicht da war". Er habe aber nun eine DNA-Probe abgegeben, "weil ich kooperiere. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, keinen betrogen und niemandem geschadet", erklärte Ullrich.

Besonders scharf attackierte der Zurückgetretene den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), Rudolf Scharping. "Der hat mir in meiner erfolgreichen Zeit auf die Schulter geklopft und mit einem eigenen Fotografen Bilder gemacht." Danach habe sich Scharping auf die Seite der Kritiker geschlagen. "Es ist wahnsinnig schlecht für den Radsport, wenn er solche Präsidenten hat, die den Sport nicht lieben sondern sich aus persönlichen Motiven profilieren", ätzte Ullrich. Der ehemalige Verteidigungsminister hatte dem ehemaligen Tour-Sieger vorgeworfen, dem deutschen Radsport mehr geschadet als genützt zu haben. "Da frage ich mich, wo stand der deutsche Radsport vor zehn Jahren?", so Ullrich, der darauf verwies, dass es heute "drei ProTour-Teams aus Deutschland" gebe - "1995 sind wir noch mit einer gemischten Mannschaft bei der Tour angetreten".

Ullrich hatte 1995 seine Profilaufbahn bei Telekom begonnen. Zu seinen größten Erfolgen zählen neben dem Sieg bei der Tour 1997 unter anderem der Olympiasieg 2000 in Sydney und die beiden WM-Titel im Zeitfahren 1999 und 2001.

goe

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