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20. September 2019, 20:06 Uhr

WM in Japan

Wie ich versuchte, Rugby-Fan zu werden

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In Tokio beginnt mit der Rugby-WM eines der größten Sportereignisse des Jahres. In Deutschland ist Rugby dagegen kaum verbreitet. Wie wird man Fan in einem Land, in dem es mehr Gewichtheber als Rugbyspieler gibt?

Sie kennen die All Blacks, die Springboks, vielleicht sogar die Wallabies? Sie denken bei den Wörtern Gedränge und Gasse nicht an einen verkaufsoffenen Sonntag? Dann dürften Sie in Deutschland zu einer klaren Minderheit gehören. Denn während sich weltweit Millionen Fans auf die an diesem Freitag beginnende Rugby-Weltmeisterschaft in Japan freuen, wird die Sportart hier kaum wahrgenommen.

Warum ist das so? In Ländern wie Südafrika, England oder Frankreich ist Rugby Nationalsport. Ich wollte wissen, was den Sport ausmacht, wie er funktioniert. Warum ihn so viele Menschen lieben. Schaffe ich es in Deutschland, wo es laut einer Statistik des DOSB weniger eingetragene Rugbyspieler als Gewichtheber gibt, zum Fan?

Die Ausgangslage war wenig versprechend. Bis vor wenigen Wochen hatte ich mehr Ahnung von Quidditch als von Rugby. Ich arbeite in Deutschland als Sportjournalist, was eine gewisse Fußballaffinität nahelegt, und spiele selbst im Verein. Obwohl mich die drei Extrarollen, die viele Fußballer nach einem Foul machen, aufregen, nervt es mich nicht so sehr, um dem Fußball abzuschwören.

Haka in meiner Facebook-Timeline

Meine einzigen Erfahrungen mit Rugby waren bisher ein ehemaliger Mitschüler, der beim Pausenfußball regelmäßig den Ball in die Hand nahm, "Rugby" schrie und ins gegnerische Tor lief. Und der berühmte Haka der neuseeländischen Nationalmannschaft: Der rituelle Tanz der All Blacks, den sie vor jedem Spiel zelebrieren, hatte es mal bis in meine Facebook-Timeline geschafft.

Neuseeland als erster Anhaltspunkt. Also kaufte ich mir die Biografie von Richie McCaw, der als Kapitän der All Blacks 2011 und 2015 Weltmeister wurde. Mir wurde der Film "Invictus" empfohlen, der den Einfluss von Rugby auf Südafrika nach dem Ende der Apartheid thematisiert, um das Weltmeisterteam von 1995 und Nelson Mandela. Und ich schrieb dem ehemaligen Gastbruder meiner Freundin, der für Rugby von Südafrika nach Frankreich gezogen war und dort mehrere Jahre in der zweiten Liga spielte.

Rugby schien mir pathetisch, maskulin, martialisch. "Kill or be killed", heißt es in McCaws Buch. Töte oder werde getötet. In "Invictus" wird Rugby als ein Sport für Hooligans beschrieben, der von Gentlemen gespielt wird. Mein neuer Chatfreund aus Frankreich schrieb, Rugbyspieler würden weltweit respektiert, weil sie ihr Leben aufs Spiel setzten.

Ok, vielleicht doch lieber Fußball?

Ich sah mir ein deutsches Rugby-Zweitligaspiel an: Kein Haka und niemand ließ sein Leben. Aber obwohl die Spieler keine Profis waren und die Partie wenig mit der Intensität und Schnelligkeit des Sports zu tun hatte, die ich von der Vorbereitung aus dem Internet kannte, fand ich Gefallen daran, endlich ein Spiel im Stadion zu sehen und nicht bloß auf dem Laptop.

Und man muss sagen: Aus der Nähe wirkte es noch brutaler. Spieler, die sich nach vorne beugten und ohne jeglichen Schutz in eine Mauer von Gegnern sprinteten. Aus der Nähe war zu hören, wie Körper gegeneinander krachten. Bei jedem Tackling zuckte ich zusammen und verfolgte nicht das Spielgeschehen, sondern die auf dem Boden liegen gebliebenen Spieler. Selbst spielen würde ich auf keinen Fall, das wurde mir schnell klar.

Die Offenbarung

Dabei ist es eine der fairsten Sportarten, die ich bisher gesehen habe. Kein großes Lamentieren mit dem Schiedsrichter, keine versteckten Fouls, Spieler, die nach einem harten Tackling lächelnd mit dem Gegner abklatschen. Angesichts des mitunter lächerlichen Schauspiels im Fußball, dem ich allwöchentlich ausgesetzt bin, glich Rugby einer Offenbarung.

Wirklich vorbereitet auf die WM fühlte ich mich dadurch aber nicht. Ich las Porträts der verschiedenen Teams, machte mir Notizen über die Schlüsselspieler der Favoriten, schaute Highlight-Videos des argentinischen Wunderkinds Emiliano Boffelli oder des irischen Starspielers Johnny Sexton. Ich sah mir an, wie Irland als aktuell Weltranglistenerster in einem WM-Vorbereitungsspiel haushoch gegen den Dritten England verlor. Und ich fragte meinen Chatfreund, wie er die Titelchancen der südafrikanischen Nationalmannschaft, der Springboks einschätze. Wenig überraschend: sehr hoch.

So sehr ich mich auf Rugby konzentrierte, ganz aus der Fußballfilterblase schaffte ich es nicht. Aber zumindest die Neugier ist gewachsen. Klickte ich mich vor einigen Wochen noch durch die Fußball-Datenbanken, um mehr über Torhütertalente zu erfahren, kommt es vor, dass ich mich inzwischen dabei erwische, wie ich bis tief in die Nacht an Spielhighlights vergangener Rugby-Weltmeisterschaften hängenbleibe.

Ob meine Affinität für Rugby über die WM hinaus Bestand hat? Das hängt vor allem vom Abschneiden der südafrikanischen Springboks ab. Jeder Fan braucht schließlich einen Favoriten.

Ich habe mir vorgenommen, es zu probieren. Die Bildschirme meines Laptops werden ab diesem Freitag geteilt sein. Auf der einen Hälfte die Rugby-WM, auf der anderen Fußball. Zumindest für sechs Wochen.

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