Geschichten der Rugby-WM "Wir können alles erreichen, wenn wir zusammenhalten"

Mit dem ersten schwarzen Kapitän ihrer Geschichte haben die südafrikanischen "Springboks" die Weltmeisterschaft gewonnen. Titelverteidiger Neuseeland konnte seinen "Haka" dagegen ausnahmsweise nicht im Finale vorführen.

Christophe Ena/AP

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Der Weltmeister: Siya Kolisi ist der erste schwarze Kapitän der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft. Bei der WM in Japan führte er die "Springboks" zum Titel. In den Townships von Port Elizabeth geboren, steht Kolisi stellvertretend für die Regenbogennation, die Südafrika so gerne sein möchte. Die Probleme im Land haben mit dem Ende der Apartheid jedoch nicht aufgehört. Rugby gilt noch immer als Sport für die weiße Elite im Land, im WM-Finale 2007 standen nur zwei nichtweiße Spieler auf dem Feld.

Das änderte sich dadurch, dass Trainer Rassie Erasmus die "Bokke" 2018 übernahm und die alten Strukturen endgültig aufbrach, indem er Kolisi zum Anführer des Teams erkor. "Wir hatten viele Herausforderungen vor uns, haben aber das ganze Land hinter uns gespürt. Wir sind so dankbar, ich habe so etwas noch nie erlebt", sagte Kolisi nach dem gewonnenen Finale gegen England. "Wir haben gezeigt, dass wir alles erreichen können, wenn wir alle zusammenhalten."

Der Vizeweltmeister: Nach der katastrophalen WM 2015 mit dem Ausscheiden nach der Vorrunde führte mit Trainer Eddie Jones ausgerechnet ein Australier die englische Nationalmannschaft zurück in die Weltspitze. England und Australien starteten ihre Rugbyrivalität bereits im Jahr 1909. Bis heute werden nur Spieler aus der englischen Premiership für die Nationalmannschaft berufen - und bis 2015 galt das auch für Trainer. Dann kam Jones - und brachte Erfolg.

Dass es nicht zum Titel reichte, lag im Finale wohl auch am Ausfall von Kyle Sinckler. Der Erste-Reihe-Spieler, im Gedränge einer der zwei vordersten und somit wichtigsten Akteure, schien nach einem Zusammenprall bewusstlos und wurde nach einer Behandlungspause aus dem Spiel genommen. Danach hatte England große Probleme beim Gedränge - ein Vorteil, den Südafrika für sich nutzte.

Der Topfavorit: Die neuseeländischen "All Blacks" galten vor der WM als Topfavorit, holten sie doch 2011 und 2015 jeweils den Titel. Mit ihrem berühmten "Haka", den sie vor jedem Spiel aufführen, beeindrucken sie die Fans. Jedoch nicht Viertelfinalgegner Irland.

Die "All Blacks" sind legendär, ebenso wie Jonah Lomu, der als bester Rugbyspieler der Geschichte gilt. Dass England die Neuseeländer sensationell im Halbfinale besiegte, machte das Mutterland des Rugby unmittelbar zum Favoriten im Finale gegen Südafrika. Für Neuseeland und seinen scheidenden Trainer Steve Hansen war die Niederlage eine große Enttäuschung, gegen Wales sicherte sich das Team zumindest Bronze.

Der Gastgeber: Erstmals fand die Rugby-WM auf dem asiatischen Kontinent statt. Dabei hat Rugby vor allem in Japan eine große Tradition, bereits im 19. Jahrhundert wurde rund um Tokio gespielt.

Wirklich erfolgreich war das Nationalteam lange Zeit jedoch nicht. Das änderte sich erst mit einer Umstrukturierung der Liga Anfang des neuen Jahrtausends. Bessere Bedingungen und mehr Geld brachten internationale Topspieler nach Japan, die nach drei Jahren im Land für die Nationalmannschaft, die "Kirschblüten", spielen durften. Mit dieser Multikultur, 16 Spieler haben keine japanischen Wurzeln, schaffte es Japan erstmals in der Geschichte ins WM-Viertelfinale. Gegen den späteren Weltmeister war dort für das Team um Kapitän Michael Leitch jedoch Schluss.

Die großen Enttäuschungen: Rugby ist sowohl in Australien als auch in Schottland Nationalsport. Dementsprechend hoch sind die Ansprüche an beide Mannschaften. Während sich Schottland bereits nach der Vorrunde und Niederlagen gegen Japan und Irland verabschieden musste, war für Australien nach dem Viertelfinale gegen den späteren Finalisten England das Turnier beendet. Schottlands Trainer Gregor Townsend wurde vor allem die Niederlage gegen Japan gefährlich, er durfte jedoch seinen Job behalten. Anders als Australiens Coach Michael Cheika, der nach dem Viertelfinale seinen Rücktritt bekannt gab.

Auch das französische Rugby-Team war nach seinem Viertelfinalaus enttäuscht, hatte es die Partie gegen Wales doch kontrolliert. Die Rote Karte gegen den Franzosen Sébastien Vahaamahina nach einem harten Ellenbogenschlag war der Anfang vom Ende, für das französische Team und Trainer Jacques Brunel.

Die Underdogs: Rugby ist ein Spiel für alle: ob groß, klein, dick, dünn, arm, reich, schwarz oder weiß. Zu einer WM gehören auch die Außenseitergeschichten. Wie die der Uruguayer, deren Nationalspieler Amateure sind. In der Vorrunde gewannen sie dennoch gegen die favorisierte Rugbynation Fidschi - und feierten ihren Erfolg ausgelassen: "Heutzutage ist es im professionellen Rugby einfacher, einen Spieler aus dem Pazifik denn einen Uruguayer zu verpflichten. Wir haben genauso motivierte Spieler, aber weil uns niemand kennt, beachtet uns auch niemand wirklich. Das ändert sich heute", sagte der Kapitän Juan Manuel Gaminara. Mit einem Sieg schied Uruguay nach der Vorrunde aus.

Auch Wales überraschte bei der WM in Japan. In der Vorrunde gewannen die Waliser gegen Australien und schlugen im Viertelfinale sogar noch Frankreich. Weil im Halbfinale Südafrika jedoch zu stark war, verpassten die Waliser ein historisches Duell gegen den großen Nachbarn England.

Die heimlichen Stars: Fußballfans wird bei der Rugby-WM aufgefallen sein, wie harmonisch die Zusammenarbeit von Schiedsrichtern, Videoassistenten und Spielern sein kann. Im Rugby sind die Schiedsrichter mit Mikrofonen ausgestattet, was den Zuschauern ermöglicht, die Entscheidungsfindung der Referees live mitzuerleben. Der Waliser Nigel Owens wurde auch dadurch zum Star. Mit einer bewegenden Geschichte.

Das kanadische Team ist zwar im unterklassigen internationalen Rugby konkurrenzfähig, bei der WM in Japan verlor es jedoch alle Spiele. Wobei die letzte Partie gegen Namibia wegen des Taifuns "Hagibis" abgesagt wurde. Statt auf dem Feld zu stehen, halfen die kanadischen Spieler, die Verwüstungen des Sturms zu beseitigen. Ein Video der Aktion ging auf Twitter viral:

Alle Ergebnisse und Informationen zur Rugby-WM in Japan lesen Sie hier nach.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
spondk 02.11.2019
1.
Da kann man sofort Fußball vergessen. Lauter verwöhnte Spieler mit Gehälter wo man nur seine kopf schütteln kann. Wenn man sieht wie die Fußballer sich benimmt wenn sie auf den rasen liegt wenn jemandem die den Ball wegnimmt - ohne Worte. Wo beim Rugby stehen die Jungs sofort auf und spielt weiter; Respekt.
heinihuckeduster 02.11.2019
2. Das ganze Land feiert sich im Rausch des Titels!
Doch der Kater wird folgen! Eskom ( der Stromerzeuger) ist pleite und das nächste loadshedding wartet vor den Stromzählern! Trotz partieller guter Regenfälle besteht in unterschiedichem Ausmaß die waterrestriction mit dem limitierten Wasserverbrauch weiter! Postnet scheint nur noch Rechnungen der der Stadtverwaltungen und der Telkom zuzustellen: Der Großteil der übrigen Post erreicht die Empfänger drastisch verspätet oder garnicht! South African Airlines ist nicht in der Lage, die Flugzeugwartungen der Flotte reibungslos zu gewährleisten! Die Telkom ist ebenso ein maroder Haufen und versucht mit der privaten Konkurrenz den Internetzugang zu gewährleisten. Die gesamte Infrastruktur des Landes wird auf Verschleiß gefahren und die Regierungen der letzen 25 Jahre leben von der Substanz! Ein glückliches Land sieht anders aus!
spondk 02.11.2019
3. @ heinihuckeduster
Da hast Du in der Tat recht; die Infrastrukturen sind alle vor 1994 und es geht dermaßen abwärts. Wie beschrieben; Loadshedding immer und immer wieder! SA ist zwar wunderschön als Tourist aber dort zu wohnen ist ganz anders wie z.B. die Kriminalität ist erschreckend wo ich Wohne geht es ja noch (Parkhurst) dank 3,5 m hohen Mauer ums Haus plus Kameras und Alarmanlage und wenn man nach Hause abends fährt ruft man seine Sicherheitsdienst an man trifft sich vor den Haus und die prüfen ob alles ist in Ordnung (Meet and greet). Die Liste ist lang mit Herausforderungen die SA muss bewältigen!
badenerin 02.11.2019
4. zu #2
Zitat von heinihuckedusterDoch der Kater wird folgen! Eskom ( der Stromerzeuger) ist pleite und das nächste loadshedding wartet vor den Stromzählern! Trotz partieller guter Regenfälle besteht in unterschiedichem Ausmaß die waterrestriction mit dem limitierten Wasserverbrauch weiter! Postnet scheint nur noch Rechnungen der der Stadtverwaltungen und der Telkom zuzustellen: Der Großteil der übrigen Post erreicht die Empfänger drastisch verspätet oder garnicht! South African Airlines ist nicht in der Lage, die Flugzeugwartungen der Flotte reibungslos zu gewährleisten! Die Telkom ist ebenso ein maroder Haufen und versucht mit der privaten Konkurrenz den Internetzugang zu gewährleisten. Die gesamte Infrastruktur des Landes wird auf Verschleiß gefahren und die Regierungen der letzen 25 Jahre leben von der Substanz! Ein glückliches Land sieht anders aus!
... und was hat das alles mit Rugby zu tun? Mir scheint, Sie sind einer dieser verbitterten Auswanderer, die immer noch den (schlechten) alten Zeiten nachhängen oder vielleicht auch einfach nur ein miesepetriger Spielverderber? Ja, das ganze Land feiert - und das mit Recht. Bravo Bokke, gut gemacht!
herschelaliokereke 02.11.2019
5. Danke
für 6 Wochen tollen Sport. Ein Lehrstück über Fairness, Härte zu sich selbst als Spieler, Respekt der Spieler untereinander und gegenüber dem Referee, Zuschauer, die auch dem Gegner ablaudieren, eine Schweigeminute auch Mal wirklich still sind, keine Randale veranstalten, keine idiotischen Bengalos... Eine Wohltat in einer überdominaten Fussballwelt.
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