Rugby-WM Invasion des Titelverteidigers

Die Rugby-WM begeistert derzeit Milliarden auf der ganzen Welt - morgen kommt es im Halbfinale zum Prestigeduell zwischen Frankreich und England. Eine Partie, in der es um mehr geht, als um den Einzug ins Endspiel. Da spielt man auch mit Gehirnerschütterung.

Von Frieder Schilling


Invasionen englischer Fans haben schon oft die Verantwortlichen der gastgebenden Städte großer Sportereignisse nervös werden lassen. Das wird morgen in Paris nicht anders sein. 40.000 Engländer wollen den Kanal überqueren, um den Titelverteidiger im Halbfinale der Rugby-WM gegen Gastgeber Frankreich zu unterstützen. Als der Weltverband vergangenen Montag die letzten 2000 Tickets auf seiner Internetseite anbot, versuchten innerhalb weniger Stunden drei Millionen Interessenten ihr Glück. Die Situation um das zweite Halbfinale kommenden Sonntag, Südafrika gegen Argentinien, ist deutlich entspannter.

Es wird nicht einfach werden für Kurzentschlossene, die britische Insel Richtung Paris zu verlassen. Flüge, Züge und Schiffe sind praktisch ausgebucht. Auch die Hotels in der französischen Hauptstadt melden nur noch wenige freie Kapazitäten. Tickets für das Spiel gibt es nur auf dem Schwarzmarkt, und auch dort wahrscheinlich nicht allzu viele.

Von nahezu jedem war das ozeanische Kräftemessen zwischen Neuseeland und Australien für den Samstag vorausgesagt worden und so haben sich die Fans beider Teams auf einen längeren Europa-Aufenthalt eingestellt. Viele haben feste Flüge gebucht und werden sich als Liebhaber der Sportart deshalb eher das Spiel im Stade de France ansehen, als ihr Ticket zu veräußern. Doch auf mehren Großbildleinwänden und Kneipen in Paris werden die Engländer die Partie verfolgen können.

Sportlich ist die Begegnung zwischen England und Frankreich eine Neuauflage des Halbfinals von 2003. Damals siegte England 24:7 - alle englischen Punkte erzielte Jonny Wilkinson, einer der besten Kicker der Welt. "Es wird keinen überraschen", sagt deshalb Frankreichs Coach Bernard Laporte, "dass wir versuchen werden, den Gegner möglichst weit weg von unserem Malfeld zu halten." Wilkinson, wegen seines Lebensstils als der Beckham des Englischen Rugbys bezeichnet, ist seit dem gewonnen Viertelfinale gegen Australien (12:10) der erfolgreichste Punktesammler der WM-Geschichte. 234 Punkte hat der auf der Verbinder-Position (eine Art Spielmacher) agierende 28-Jährige in mittlerweile zwölf WM-Spielen erzielt.

Sowohl Frankreich als auch England werden mit derselben Aufstellung wie in ihren Viertelfinalspielen antreten. Auch Serge Betsen, der beim Sensationssieg der Franzosen gegen Neuseeland (20:18) nach einem schweren Tackle kurz bewusstlos war und eine Gehirnerschütterung erlitt, wird nach einer ärztlichen Freigabe auflaufen. Für seinen Trainer keine große Sache: "Mir ist das auch schon mal passiert und ich war zwei Tage später wieder im Training", sagte Laporte.

Für beide Teams könnte die Endspielteilnahme die Chance zur Wiedergutmachung für Niederlagen in der Gruppenphase bieten. Frankreich verlor das Eröffnungsspiel überraschend 12:17 gegen Argentinien, England wurde in seinem zweiten Gruppenspiel von Südafrika 0:36 gedemütigt. "Wir haben eine Menge an gerechtfertigter Kritik während des Turniers einstecken müssen", sagte Englands Martin Corry, "aber das hat uns nur noch stärker zusammengeschweißt." Sein Teamkollege Andy Gomarsall warnt trotz des Sieges gegen Australien: "Dieser Erfolg wird nichts bedeuten, wenn wir nicht rausgehen und unsere Leistung noch weiter verbessern. Entscheidend wird sein, welches Team am Samstag das bessere Rugby bieten kann."

Auch in Frankreichs Team ist der Respekt vor dem Weltmeister groß. "Es wird härter als letzten Samstag", sagt Laporte in Anspielung auf den Sieg gegen Neuseeland. "Wir erwarten ein sehr schwieriges Match gegen eine Mannschaft mit starken Stürmern." Frankreichs Kapitän Raphael Ibanez klingt ähnlich: "Es war nur ein Viertelfinale. Jetzt wartet ein Halbfinale gegen den Weltmeister auf uns - eine noch größere Herausforderung." In Testspielen vor der WM konnte Frankreich England zweimal besiegen (22:9 und 21:15).

Zwangsumzug für das französische Team

24 Stunden später werden Südafrika (Weltmeister 1995) und Argentinien um den zweiten Finalplatz spielen - ebenfalls im 80.000 Zuschauer fassenden Stade de France, wo kommenden Samstag auch das Finale ausgetragen wird. Favorit Südafrika erwartet ein körperlich hartes Match und meint auch zu wissen, wie der Gegner auftreten wird: "Argentinien wird an seiner Taktik festhalten, die sie das ganze Turnier bisher durchgezogen haben, nämlich viel kicken", sagt Johann Müller. Beide Teams sind recht unerfahren. Für 21 von 22 Spieler der "Springboks" - benannt nach einer Antilopen-Art - ist es das erste WM-Halbfinale ihrer Karriere. Für Überraschungshalbfinalist Argentinien war das 19:13 gegen Schottland der erste Sieg in einem K.o.-Spiel bei einer Weltmeisterschaft überhaupt.

In den vergangenen Tagen hat der Weltrugbyverband dafür gesorgt, dass die Voraussetzungen für alle vier Teams gleich sind. Das französische Team musste aus seinem traditionellen Quartier 35 Kilometer vor Paris ausziehen und in eines der offiziellen Turnierhotels innerhalb der Stadtgrenzen einchecken. Von dort aus waren sie vergangenen Montag und Dienstag noch zum Training zurückgekehrt. Doch auch dies wurde ihnen nun verboten. Den Weg zum Titel jedoch können ihnen vorerst nur die Engländer verbauen.

mit Material von Reuters und AP



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