Rugby-WM-Schiedsrichter Nigel Owens Ein außergewöhnlicher Gentleman

Schiedsrichter Nigel Owens ist der eigentliche Star der Rugby-WM, seine coolen Sprüche sind legendär. Doch auf dem Weg an die Spitze musste er eine schwere persönliche Krise durchstehen.

Nigel Owens beim WM-Spiel zwischen England und Argentinien
William West/ AFP

Nigel Owens beim WM-Spiel zwischen England und Argentinien

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Um ein echter Star zu sein, braucht es auch im Rugby eine zweite Ebene. Etwas, das einen abseits des Rasens außergewöhnlich macht.

Es reicht nicht, einfach ein sehr guter Rugbyspieler zu sein. So wie Neuseelands Beauden Barrett oder Irlands Johnny Sexton. Beide treffen mit ihren Teams am Mittag in Tokio aufeinander (12.15 Uhr; TV: ProSieben Maxx). Zwischen zwei der besten Mannschaften der Welt geht es um den Einzug ins WM-Halbfinale.

Der wahre Star dieser Partie zwischen den All Blacks und den Men in Green aber ist Nigel Owens. Er ist eines der Aushängeschilder des Rugbys, obwohl er gar nicht spielt. Owens ist Schiedsrichter, einer der bekanntesten und wohl auch einer der besten der Welt. Und ganz sicher der unterhaltsamste.

"This is not Soccer!"

Highlightvideos von Owens werden auf YouTube millionenfach angesehen. Im Rugby werden Schiedsrichter mit Mikrofonen ausgestattet. Fernsehzuschauer können so den Konversationen der Offiziellen mit den Spielern folgen und erfahren dadurch beispielsweise, ob ein Team im Spiel einen Vorteil erhält, oder warum ein Spieler bestraft wird.

Owens treibt diese Transparenz auf die Spitze, seine Sprüche sind längst legendär. "This is not Soccer", sagte er einmal zu einem Spieler, der sich über eine Entscheidung unzufrieden zeigte. Während einer Partie im Stadion des Premier-League-Klubs Newcastle United empfahl er einem Profi, der sich etwas theatralisch fallen ließ, dass er gern in zwei Wochen wiederkommen könne.

Durch das Mikrofon an seiner Brust wird Owens zu einem Entertainer, das Rugbyfeld wird zu seiner Bühne. Schon 2015 pfiff er das WM-Finale.

2007 machte Owens seine Homosexualität öffentlich

Owens Weg dorthin war hart. Der 48-Jährige machte 2007 seine Homosexualität öffentlich. Zehn Jahre nachdem er versucht hatte, sich umzubringen. Beim Versuch, mit seiner Sexualität umzugehen, wurde er depressiv, sagte er mal. "Ich denke, die schwierigste Aufgabe, die jemand in seinem Leben bewältigen kann, ist zu akzeptieren, wer man ist", so Owens. Erst nach seinem Suizidversuch habe er gelernt, "mein Leben in Ehrlichkeit zu leben."

Nigel Owens ist einer der Stars des Rugby-Sports
Mark Kolbe/ Getty Images

Nigel Owens ist einer der Stars des Rugby-Sports

Akzeptieren, wer man ist, das ist im modernen Profisport oft noch schwer. Homosexuelle Fußballspieler wie Thomas Hitzlsperger outen sich erst nach ihrer Karriere. Rugby wirkt eigentlich noch maskuliner, noch martialischer. Owens nennt es eine "Machowelt". Der Australier Israel Folau wurde von seinem Nationalverband suspendiert, nachdem er unter anderem Homosexuellen auf Instagram gedroht hatte, sie würden in die Hölle kommen.

Er will Mauern im Kopf einreißen

In einem Beitrag für "The Sports Chronicle" Mitte September richtete sich Owens nicht direkt an Folau, aber gegen Homophobie: "Ich kann nichts dagegen tun", schrieb er. "Alles, was ich kontrollieren kann, ist, ich selbst zu sein. Und hoffentlich anderen zu helfen, indem ich genau das tue." Er will Mauern im Kopf einreißen. Manchmal eben auch mit grenzwertigem Humor. Während eines Spiels sagte er nach einem ungenauen Einwurf: "I'm straighter than that one" - "Ich bin heterosexueller als dieser Wurf".

Owens ist wohl der exponierteste Schiedsrichter der Welt. Mit seinem offensiven Auftreten will er aber nicht nur unterhalten. Er will auch ein Vorbild sein.

Einem Jugendlichen hat er schon geholfen. Owens berichtete in seinem Beitrag von einem Brief, den er erhalten hatte, nachdem bekannt geworden war, dass er WM-Schiedsrichter werde. Darin schrieb ihm eine Mutter, dass ihr 16 Jahre alter Sohn Selbstmord begehen wollte. Als er von Owens Weg hörte, von seinem eigenen Versuch, sich umzubringen und seiner Karriere als homosexueller Rugby-Schiedsrichter danach, habe er sich den Eltern anvertraut. "Das hat alles verändert für die Familie und den Heilungsprozess für den Jungen beginnen lassen", sagte Owens.

Und das ist schon sehr außergewöhnlich.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
karend 18.10.2019
1. .
"'Das hat alles verändert für die Familie und den Heilungsprozess für den Jungen beginnen lassen', sagte Owens." Sich selbst zu akzeptieren, ist sehr schwer –so, wie ehrlich zu sich zu sein. Dass Owens es schließlich geschafft und sein tiefes Tal überwunden hat, ist großartig. Dass er zugleich andere bestärkt hat, ist wunderbar. Jeder kann ein Vorbild sein (die Mehrheit wohl eher im eigenen Umkreis, aber dennoch). In einer Zeit, die geprägt ist von Rücksichtslosigkeit, Egoismus und wachsender Brutalität, ist dieser Artikel besonders angenehm.
globaluser 18.10.2019
2. Absolute Hochachtung vor dem Schiedsrichter, jetzt ist es aber einmal
auch an der Zeit endlich angemessen über die Spiele zu berichten. Jetzt ab dem VF ist nun wirklich Gelegenheit dazu. Meine Tendenz geht trotz des Umbruches in Richtung Neuseeland, aber vieles ist möglich.
peterkausb 19.10.2019
3. Politisch korrekt aber verfälscht
Guter Beitrag über einen tollen Typen. Der Bericht könnte aber noch besser sein, wenn hier bei der Übersetzung von "straight" nicht geschummelt wird, damit es evtl. nicht verletzend klingt. Das ist aber auf der Insel die Realität. Wenn Du Hetero bist dann bist Du "straight" und es lässt unausgesprochen, dass Homosexuelle in diesem Sinne nicht " straight" sind. In Deutschland wurde aus "Normal" der Heterosexuelle. Vielleicht ändert sich die Einstellung bei den Briten/Iren gegenüber den Homosexuellen irgendwann und dann wird es auch durch Begrifflichkeiten bemerkbar sein. Beschreibt doch was ist ! Ansonsten Geschichten als solche kenntlich machen.
spiegelmorth 19.10.2019
4. Tatsächlich der coolste Typ auf dem Feld
Ich bin vor langer Zeit durch Zufall mal über die Videos über ihn gestolpert, und es ist faszinierend zu sehen mit welchem Respekt diese Hünen den Mann behandeln. Da wirkt es beschämend was sich Fußball Schiedsrichter bieten lassen müssen. Das hat mE sehr viel mit der für alle nachvollziehbaren Transparenz der Entscheidungen im Rugby zu tun.
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