Südafrika bei der Rugby-WM Die Vielfalt der Springböcke

In Südafrikas Sport sind die Folgen der Apartheid bis heute zu spüren. Bei der Rugby-WM in Japan präsentieren sich die Springboks jedoch als komplexes Team - auch dank ihres ersten schwarzen Kapitäns.

Siya Kolisi (M.) und die Springboks treffen zum Auftakt auf Neuseeland
Takumi Sato/ Kyodo News / AP

Siya Kolisi (M.) und die Springboks treffen zum Auftakt auf Neuseeland

Von Philipp Joubert


Sein Kopf schaute kaum über die Schultern, so tief war Allister Coetzee in sich zusammengesackt. Der Blick suchend, die Wortwahl bedächtig, wollte dem Coach der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft keine adäquate Beschreibung für den Verlauf dieses historischen Abends einfallen. "Nicht unbedingt wie ein Horrorfilm", sagte Coetzee und ließ doch direkt das Wort "aber" folgen. Denn diese 0:57-Niederlage am 16. September 2017 gegen Neuseeland war zu erklären, aber eben nicht zu entschuldigen. Die vielleicht komplexeste Nationalmannschaft der modernen Sportgeschichte war an ihrem spielerischen Tiefpunkt angekommen.

Das "Springboks" genannte Team, zu Beginn des 20. Jahrhundert vor allem Symbol eines erfolgreichen sportlichen Auflehnens gegen die britischen Kolonialherren, wurde später erst zur Inkarnation des Apartheidstaates: weiß, kompromisslos und brutal. Dann gab es im Jahr 1995 - nach Aufhebung des Sportboykotts - nicht nur den Weltmeistertitel im eigenen Land. Dass der erste schwarze Präsident Nelson Mandela dem weißen Kapitän Francois Pienaar den Siegerpokal überreichte, hatte so viel Symbolkraft, dass selbst Hollywood nicht widerstehen konnte. Der Film "Invictus" mit Matt Damon und Morgan Freeman wurde 2009 für einen Oscar nominiert.

Doch natürlich war die Geschichte komplexer. Erst jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte später, hat das Aufbrechen der Apartheidstrukturen richtig an Fahrt gewonnen. Der einzige schwarze Spieler des Siegerteams von 1995, Chester Williams, berichtete im Nachgang vom anhaltenden Rassismus, noch beim zweiten Titelgewinn 2007 standen nur zwei nicht-weiße Spieler während des Finales auf dem Feld. An diesem Samstag werden die Springboks bei der WM in Japan erstmals überhaupt von einem schwarzen Kapitän in ein Weltmeisterschaftsspiel geführt - gegen Neuseeland, den Gegner des WM-Finals 1995.

Der erste schwarze Kapitän der Springboks

Auch wegen der historischen 0:57-Niederlage von 2017. Keine sechs Monate nach dem Debakel war Trainer Allister Coetzee entlassen und der neue Coach Rassie Erasmus eingesetzt worden.

Schon zum ersten Heimspiel gegen England im Juni 2018 ernannte Erasmus einen seiner besten Spieler, Siya Kolisi, zum Kapitän. Der 28-Jährige - selbstlos, charismatisch und eloquent - ist nicht nur der erste schwarze Kapitän des Nationalteams. Er verkörpert einen Teil der südafrikanischen Rugby-Geschichte, der auf die gleiche Weise zum Land gehört wie die oft primär weißen Eliteinternate, aus denen noch heute viele Spieler stammen. Im Township aufgewachsen, dort wo sie ebenfalls schon seit Jahrzehnten spielen, wo während der Apartheidzeiten in den Stadien Spiele genauso wie Kundgebungen der Opposition stattfanden, wo nicht wenige das neuseeländische Team mit seinen zahlreichen nicht-weißen Spielern unterstützten, ist Kolisi ein authentisches Signal für mehr Inklusion.

Siya Kolisi ist Südafrikas Kapitän
Odd Andersen / AFP

Siya Kolisi ist Südafrikas Kapitän

Kolisi, der wie Ex-Kapitän Pienaar bei der Pokalübergabe von 1995 die Trikotnummer sechs trägt, sagte dem "Guardian" im Jahr 2018: "Ich bin mir bewusst, dass meine Geschichte auf gewisse Weise eine typische südafrikanische Geschichte ist. Sie ist meine Motivation." Doch nicht nur Kolisi, das ganze immer diverser werdende Nationalteam hat einen Sprung gemacht. Im Jahr 2019 noch ungeschlagen, aggressiv in der Abwehr und auch Dank des mittlerweile zur Weltklasse gehörenden Gedrängehalb Faf de Klerk, ist Südafrika erster Herausforderer Neuseelands. Es ist gut möglich, dass sich die beiden Teams nicht nur an diesem Samstag, sondern auch im Finale am 2. November gegenüberstehen werden.

Neuseeland will dritten WM-Titel

Neuseeland, in den Augen vieler Südafrikaner der langjährige spielerische und kulturelle Gegenpol, könnte bei dieser WM zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden. Trotz einer Rekordniederlage in der Vorbereitung gegen Australien, trotz des Aussortierens prominenter Namen wie Owen Franks, ist Neuseeland immer noch der sportliche Richtwert schlechthin.

Selbst bei einem Sieg am Samstag wäre Südafrika noch ein Stück vom Niveau der All Blacks entfernt. Doch schon jetzt ist der erste Schritt getan: Hin zu einem Team, das langsam beginnt Südafrika zu repräsentieren - nicht nur als Wohlfühlgeschichte, sondern in seiner ganzen Komplexität.

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insgesamt 3 Beiträge
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rainersson 21.09.2019
1. Kolisi spielt die nummer 6!
Kolisi spielt die 6, genau wie damals Pienard. So wie der Autor es schreibt, könnte jemand ohne Rugby Kenntnis denken, dass ihm die 6 gegeben wurde als Wertschätzung und in Erinnerung an Pienard. Die 6 ist eine klar definierte Rolle, die Kapitäne sind meist zwischen 1 und 9 zu finden, da sie so in bestimmten Spielsituationen (Scrum, Touch) dicht am Geschehen sind und so die Kommunikation zwischen Schiedsrichtern und Spielern gewährleistet ist. sollte Kolisi mal von der Bank starten, 'trägt' er bestimmt nicht die 6. Aber schön mal wieder einen Artikel über einen der schönsten und intelligentesten Sportarten im deutschen Mainstream zu lesen...
spondk 21.09.2019
2. @rainersson
Es stimmt; im Spiegel liest man kaum etwas zum Thema Rugby und da könnte man häufiger darüber berichten; die All Blacks hat übrigens erwartungsgemäß gewonnen 23-13
achterman 29.09.2019
3. Trikotnummer
Im Rugby ist jede Trikotnummern einer festen Position zugewiesen, auch die Nummern von 16-23 (Ergänzungsspieler). Die 6 bedeutet: linker Flügelstürmer (Blindside Flanker). Und es hat nichts damit zu tun, dass Francois Pienaar, auch diese Nummer hatte. Ich bin mir mehr als sicher, dass Kolisi zum Kapitän auserkoren wurde, weil er eine starke Persönlichkeit und ein herausragender Spieler ist und nicht um der Welt zu zeigen, wie bunt die Springboks sind, das haben die nun wahrlich nicht nötig.
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