Olympic Summit Ein fauler Kompromiss

Russland darf mit einem eigenen Team an den Sommerspielen in Rio teilnehmen. Die olympische Zwischenlösung des IOC-Präsidenten Thomas Bach soll vor allem den Kreml zufriedenstellen.

Wladimir Putin,
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Das staatlich orchestrierte Dopingsystem in Russland ist bewiesen, unter anderem in zwei detaillierten Berichten der Weltdopingagentur Wada. Aber was tut IOC-Präsident Thomas Bach? Er lobt die Rolle des russischen Nationalen Olympischen Komitees bei der vermeintlichen Aufklärung. Er bezieht sich dabei auf eine winzige Passage im jüngsten, am Freitag vorgestellten Bericht des Leichtathletik-Weltverbands IAAF. Die erdrückenden Fakten, die gegen den russischen Olympiadachverband (ROC) vorliegen, erwähnte der deutsche IOC-Präsident nicht.

ROC-Präsident Alexander Schukow, unter dessen Regie Russland in der Medaillenwertung der Winterspiele 2014 in Sotschi einen märchenhaften Sprung auf Rang eins gemacht hatte, saß am Dienstag beim sogenannten Olympic Summit in Lausanne mit Bach im Konferenzraum des Palace Hotels. Und Schukow, offenbar mitverantwortlich für die Manipulation olympischer Dopingproben im Kontrolllabor in Sotschi, klärte nicht etwa auf, sondern attackierte seine Kritiker.

Die Zusammensetzung dieses Olympic Summits, der in der Olympischen Charta nicht auftaucht und folglich keinerlei Beschlussrecht hat, wurde vom IOC zuvor nicht bekanntgegeben. Aus guten Gründen: Denn mit Ausnahme der IOC-Athletensprecherin Claudia Bokel, die zuletzt mehrfach fundamentale Kritik am Dopingkontrollprogramm sowie der Führung von IOC und Wada geübt hatte, hatte Bach ausnahmslos seine Gefolgsleute geladen.

Dazu zählten beispielsweise der Ire Patrick Hickey, der kurz zuvor die europäische Athletenkommission auf Linie gebracht hatte, oder die Präsidenten der Weltverbände der Leichtathletik (IAAF) und des Schwimmens (Fina), Sebastian Coe (Großbritannien) und Julio Maglione (Uruguay). IAAF und Fina haben nachweislich mit den Russen gedealt und nicht nur rund um die Weltmeisterschaften 2013 in Moskau (Leichtathletik) und 2015 in Kazan (Schwimmen) das Dopingkontrollsystem untergraben.

Bach-Treffen mit zahlreichen Gefolgsleuten

Ein anderes IOC-Mitglied, Ching-Kuo Wu aus Taiwan, war als Präsident des Box-Weltverbands Aiba dafür verantwortlich, dass die Aiba jahrelang kaum Trainingskontrollen durchgeführt hat. Das Wada-Protokoll der Aiba-Versäumnisse wurde kürzlich in einem britischen Medium enthüllt. Zwei Chinesen waren ebenfalls anwesend, IOC-Vize Zaiqing Yu und NOK-Präsident Liu Peng - für Staatsdoping ist China spätestens seit den ersten spektakulären Fällen Anfang der Neunzigerjahre bekannt.

Diese handverlesene Runde von 18 Personen (Maglione war telefonisch zugeschaltet) beriet nun also die Frage der Zulassung für die Olympischen Spiele 2016 - und entschied angeblich einstimmig, obwohl der Summit keinerlei Beschlussrecht hat. Bach verkündete anschließend eine sogenannte Deklaration von fünf Punkten. Russland wird demnach in Rio ein Team stellen.

Die Sperre des russischen Leichtathletikverbands, ausgesprochen vom Weltverband IAAF, bleibt bestehen. Alle überführten Doper, ihre Trainer, Betreuer und Ärzte, sollen umgehend gesperrt werden. IOC-Präsident Thomas Bach verlor aber kein Wort über die mitverantwortlichen Sportpolitiker wie Sportminister Witali Mutko oder seinen IOC-Kollegen Alexander Schukow. Bach behauptete, er habe in den vergangenen Tagen keinen Kontakt zu Wladimir Putin gehabt.

Neustrukturierung des Dopingkontrollsystems erst 2017

Den Bericht des kanadischen Sonderermittlers Richard McLaren, der sich auf den Betrug des olympischen Kontrollsystems in Sotschi konzentriert, wartet Bach nicht ab. Damit werde man sich später befassen. Irgendwann nach Rio. Am 8. Oktober werde auf dem nächsten Olympic Summit über eine Neustrukturierung des weltweiten Dopingkontrollsystems beraten, 2017 soll die nächste Weltantidopingkonferenz stattfinden.

Russland und Kenia werden allerdings Auflagen für Rio gemacht. Für Russen und Kenianer sei die Unschuldsvermutung infrage gestellt, sagte Bach. Beide Nationen wurden zuvor von der Wada als nicht konform zum Wada-Code erklärt, zudem noch Spanien und Mexiko. Schon das hätte dem IOC-Exekutivkomitee gemäß Olympischer Charta das Recht gegeben, die vier NOK von den Spielen auszuschließen. Spanien und Mexiko stünden, nachdem Wada-Auflagen erfüllt worden seien, kurz davor, wieder als konform zum Wada-Code erklärt zu werden.

Die Überprüfung der Teilnahme von russischen und kenianischen Athleten obliegt nach der Deklaration von Lausanne nun den derzeit 28 olympischen Sommersportverbänden. Sportler aus Russland und Kenia, die einem unabhängigen Dopingkontrollsystem unterliegen und negative Testresultate nachweisen können, dürfen demnach von den Weltverbänden zugelassen werden.

Im Klartext: Weltverbände, die teilweise schwerste Korruptionsfälle und Dopingversäumnisse aufarbeiten und eigentlich selbst unter unabhängige Aufsicht gestellt werden müssten, entscheiden nunmehr über die Zulassung von Sportlern aus nachweislichen Dopingsystemen und Dopingkulturen.

Absurd ist auch, dass in den jüngsten Wada-Berichten zum Russen-Doping, und nicht nur dort, erneut aufgezeigt wird, dass es nichts bedeutet, Dutzende oder gar Hunderte negative Dopingtests vorweisen zu können - weil dem Kontrollsystem nicht zu trauen ist und weil, wie in Sotschi geschehen, sogar die olympischen Dopingtests großflächig manipuliert werden.

Noch einmal: Dieser Olympic Summit hat gemäß olympischer Charta keinerlei Beschlussrecht. Mit der Deklaration von Lausanne wies die Bach-Gefolgschaft nun aber den Ausweg für Rio. Während die IAAF am Freitag noch erklärte, russische Leichtathleten könnten, wenn sie überzeugend ihre Sauberkeit nachweisen und einer weiteren Überprüfung standhalten, nur unter neutraler Fahne in Rio teilnehmen, sagte Bach am Dienstag: Für Olympia zugelassene Russen starten selbstverständlich unter der Flagge ihres Landes und ihres NOK. Im Grunde wird damit die Olympiateilnahme der Whistleblowerin Julia Stepanowa verhindert.

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tiger-li 21.06.2016
1. Bach und Blatter
Bach ist genauso ehrenwert wie Blatter! Ha und wir tun immer so als ob wir deutschen ja ganz sauber sind - aber die anderen.... Man sollte sämtliche Sportverbände als Mafiöse Vereinigung Anklagen
aopoi 21.06.2016
2. Die IAAF - Eine genauso korrupte Org. wie die FIFA
Hätten sie einmal die IAAF, die ja scheinbar in ihrem Sinne urteilt, genauso auseinander genommen, wie den Olympic Summit. http://www.zdfsport.de/weltandidoping-agentur-wada-wirft-internationalem-leichtathletik-verband-iaaf-komplettes-versagen-im-kampf-gegen-doping-vor.-hauptverantwortlicher-sei-der-ex-iaaf-praesident-lamine-diack-41813548.html An der IAAF haben sie ja scheinbar gar nichts auszusetzen, solange sie Entscheidungen trifft, die Ihnen zusagen. "Korruption und Vetternwirtschaft Mitte Januar 2016 wurde der zweite Teil des Wada-Untersuchungsberichtes veröffentlicht. Seine Hauptaussagen: Lamine Diack ist Hauptverantwortlicher für die Korruption in der IAAF; Diack soll außerhalb der IAAF eine Gruppe angeführt haben, die Dopingsünder erpresste; Diacks Billigung von Betrug und Erpressung innerhalb der IAAF; unzureichender Einsatz des IAAF gegen Korruption im Verband; andauerndes Fehlen einer funktionierende Führungsstruktur für angemessenen Einsatz gegen die Korruption; unzweifelhafte Mitwisserschaft des IAAF-Councils an verdächtigen Vorgängen, Beschäftigung von Familienmitgliedern als hochbezahlte Consultants. Zitat des Chef-Ermittlers Richard Pound: "Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben."" https://de.wikipedia.org/wiki/International_Association_of_Athletics_Federations
aopoi 21.06.2016
3. Schön und gut. Die IAAF ist aber kaum besser geeignet
Hätten sie einmal die IAAF, die ja scheinbar in ihrem Sinne urteilt, genauso auseinander genommen, wie den Olympic Summit. http://www.zdfsport.de/weltandidoping-agentur-wada-wirft-internationalem-leichtathletik-verband-iaaf-komplettes-versagen-im-kampf-gegen-doping-vor.-hauptverantwortlicher-sei-der-ex-iaaf-praesident-lamine-diack-41813548.html An der IAAF haben sie ja scheinbar gar nichts auszusetzen, solange sie Entscheidungen trifft, die Ihnen zusagen. "Korruption und Vetternwirtschaft Mitte Januar 2016 wurde der zweite Teil des Wada-Untersuchungsberichtes veröffentlicht. Seine Hauptaussagen: Lamine Diack ist Hauptverantwortlicher für die Korruption in der IAAF; Diack soll außerhalb der IAAF eine Gruppe angeführt haben, die Dopingsünder erpresste; Diacks Billigung von Betrug und Erpressung innerhalb der IAAF; unzureichender Einsatz des IAAF gegen Korruption im Verband; andauerndes Fehlen einer funktionierende Führungsstruktur für angemessenen Einsatz gegen die Korruption; unzweifelhafte Mitwisserschaft des IAAF-Councils an verdächtigen Vorgängen, Beschäftigung von Familienmitgliedern als hochbezahlte Consultants. Zitat des Chef-Ermittlers Richard Pound: "Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben."" https://de.wikipedia.org/wiki/International_Association_of_Athletics_Federations
thomas haupenthal 21.06.2016
4. Das...
...war zu erwarten, wenn einer wie Bach die Finger drin hat. Kann man alles in die Tonne treten. Wer sich jetzt noch eine Minute dieser riesigen Betrugsshow ansehen, dem ist nicht zu helfen. Wenn es einen Grund gibt, irgendetwas zu boykottieren, dann hier und jetzt. Aber dazu hat keiner die Eier. Ich verstehe auch die Athleten nicht. Wenn ich als Athlet nicht dope ( ja, solche gibt es auch noch) und in meiner Naehe sind lauter Sportkameraden, von denen ich genau das annehmen kann, ich mithin also keine Chance haben werde, was soll ich dann da? Kann ich doch gleich wegbleiben.warum sollte sich ein sportlich denkender Mensch noch fuer einen derartigen Mist hergeben? Und das Schlimme bei Bach, Blatter und anderen Funktionaersgroessen ist, dass sie gar nicht merken, wie verlogen und laecherlich ihre Gschaftlhuberei ist. Wahrscheinlich denkt der Bach heute abend, dass er die Olympischen Spiele gerettet hat oder etwas Derartiges. Nichts, gar nichts hat er. Es ist wie in diesem alten DDR-Bonmot:"Gestern standen wir vor dem Abgrund. Heute sind wir ein betraechtliches Stueck weiter."
aopoi 21.06.2016
5. Schön und gut. Die IAAF ist aber kaum besser geeignet
Hätten sie einmal die IAAF, die ja scheinbar in ihrem Sinne urteilt, genauso auseinander genommen, wie den Olympic Summit. http://www.zdfsport.de/weltandidoping-agentur-wada-wirft-internationalem-leichtathletik-verband-iaaf-komplettes-versagen-im-kampf-gegen-doping-vor.-hauptverantwortlicher-sei-der-ex-iaaf-praesident-lamine-diack-41813548.html An der IAAF haben sie ja scheinbar gar nichts auszusetzen, solange sie Entscheidungen trifft, die Ihnen zusagen. "Korruption und Vetternwirtschaft Mitte Januar 2016 wurde der zweite Teil des Wada-Untersuchungsberichtes veröffentlicht. Seine Hauptaussagen: Lamine Diack ist Hauptverantwortlicher für die Korruption in der IAAF; Diack soll außerhalb der IAAF eine Gruppe angeführt haben, die Dopingsünder erpresste; Diacks Billigung von Betrug und Erpressung innerhalb der IAAF; unzureichender Einsatz des IAAF gegen Korruption im Verband; andauerndes Fehlen einer funktionierende Führungsstruktur für angemessenen Einsatz gegen die Korruption; unzweifelhafte Mitwisserschaft des IAAF-Councils an verdächtigen Vorgängen, Beschäftigung von Familienmitgliedern als hochbezahlte Consultants. Zitat des Chef-Ermittlers Richard Pound: "Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben."" https://de.wikipedia.org/wiki/International_Association_of_Athletics_Federations
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