Ryder Cup Garstig geschnittenes Gras

Im Team der US-Golfer spielen mehrere Spezialisten für die ganz weiten Schläge. Deshalb haben die Europäer den Platz in Frankreich extra tückisch gestaltet. Die US-Profis merken: "Wenn du nicht aufpasst, beziehst du Prügel."

Patrick Reed
IAN LANGSDON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Patrick Reed

Aus Guyancourt berichtet


Freitagmorgen, 8.10 Uhr: Die Kamera ruht auf dem Gesicht von Tony Finau. Dem US-Amerikaner wird die Ehre zuteil, den ersten Schlag beim 42. Ryder Cup auszuführen. Hinter ihm die mit 6500 Zuschauern größte Tribüne der Ryder-Cup-Geschichte, vor ihm die erste Bahn, ein 383 Meter langes Par 4. Der 29-Jährige atmet sichtlich tief ein, bläst die Wangen auf. Dann holte er mit dem Eisen aus und schlägt den Ball in Richtung Wasserhindernis.

Anspannung verwandelt sich in Energie, der Ball fliegt und fliegt, landet und rollt immer weiter. Erst ganz kurz vor dem Wasser bleibt der Ball an der Kante liegen. Glück gehabt, aber nun ist die Ausgangsposition für den nächsten Schlag schlecht. Noch mal pustet Finau durch und rollt leicht mit den Augen. Da war er schon extra vorsichtig bei der Schlägerwahl, und trotzdem wäre gleich der Anfang richtig schiefgegangen.

Hier auf dem Albatros Course von Le Golf National heißt es höllisch aufpassen. Die Landeflächen für die Abschläge sind extrem schmal und hart. Die Bälle rollen weit, wie Finau zu spüren bekam. Neben dem kurzen Fairwaygras lauert das Rough, das hohe dichte Gras, das Bälle verschluckt wie ein gefräßiges Monster und nur widerwillig zurückgibt. Wer dort landet, wird meist einen Extraschlag brauchen, um sich zu befreien. Wer auf der Bahn einmal die Kontrolle verliert, wird Mühe haben, sie zurückzugewinnen.

"Hinter jeder Ecke lauert das Desaster"

Finau wusste das. "Dieser Platz nimmt dir den Driver aus der Hand" hatte er einen Tag vor seinem Start gesagt. "Vorsicht mit dem Driver", sagte auch sein Teamkollege Rickie Fowler nach seiner Proberunde, und Brooks Koepka unkte, noch bevor er am ersten Turniertag eine Zuschauerin mit einem missglückten Schlag im Gesicht traf: "Hinter jeder Ecke lauert das Desaster."

Schon auf der siebten Bahn bekommt er das am Freitag zu spüren, verzieht seinen Abschlag und hackt sich mit Mühe zurück auf die Bahn. Der französische Profi und ehemalige Ryder-Cup-Spieler Thomas Levet lebt inzwischen in Florida, kennt den Platz aber seit Jahrzehnten. Er sagte dem US-Magazin "Golf Digest": "Wenn du nicht aufpasst, beziehst du hier richtig Prügel. "Man rechnet gar nicht damit, dass es passiert, aber plötzlich passiert es. Es ist fast ein bisschen diabolisch."

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Team Europa: Von McIlroy bis Rose

Finau nimmt auf den Plätzen der PGA Tour im Schnitt auf zehn bis zwölf der 18 Bahnen den Driver für den Abschlag. In Frankreich werden es eher "vier- bis sechsmal pro Runde sein", kündigte er an. Finau wirkt wie ein Prototyp eines modernen US-Profigolfers. Ein 1,93-Meter großer Athlet, der mit enormer Wucht auf den Ball schlagen kann. Auf der PGA Tour kommt er mit dem Abschlag im Durchschnitt 288,3 Meter weit, damit liegt er auf Platz vier von 193 Spielern. An der Spitze thront zwar mit Rory McIlroy (292,4 Meter) ein Europäer, in der Top Ten sind mit Dustin Johnson, Koepka und Bubba Watson aber gleich drei weitere Ryder-Cup-Teammitglieder vertreten.

Der Längenvorteil der Amerikaner ist fast schon traditionell. Eine der wichtigsten Aufgaben des gastgebenden Teamkapitäns ist daher stets, den Platz so auszusuchen, dass er die eigene Stärke zur Geltung bringt. Verkürzt gesagt können die Spieler auf den Ryder-Cup-Plätzen in den USA Gas geben, ohne dramatische Konsequenzen fürchten zu müssen.

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Ryder Cup in Frankreich: Der Albatros Course in Bilder

Garstig geschnittenes Gras

In Europa hingegen geht es mehr um Präzision. Bei der letzten Auflage vor zwei Jahren im US-amerikanischen Hazeltine war das im Extrem zu beobachten, der Platz war enorm breit, die Löcher auf den Grüns gefahrlos zu erreichen. Das sei kein richtiges Golfspiel mehr, klang es missmutig aus der europäischen Ecke. Aber was ist schon verwerflich daran, die eigenen Stärken auszuspielen?

In diesem Jahr ist wieder Europa dran und versucht, den Spieß umzudrehen. Teamkapitän Thomas Bjørn hatte zwar angekündigt, den Platz mehr oder weniger so belassen zu wollen, wie man ihn seit vielen Jahren von der European Tour kennt, die dort jährlich gastiert. Experten wollen aber erkannt haben, dass die Bahnen durchaus noch ein bisschen schmaler geworden sind, das dichte Gras noch mal ein etwas garstiger geschnitten. So oder so wurde eine Arena geschaffen, "die uns etwas mehr entgegenkommt als den Amerikanern", wie Europas Vizekapitän Graeme McDowell sagte.

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Team USA: Die Weltspitze

Hinzu kommt die Erfahrung. Jeder Spieler vom Team Europa hat den Platz schon im Wettkampf bespielt, Tommy Fleetwood und Alex Noren konnten dort sogar schon gewinnen. 233 Runden haben die Mitglieder des diesjährigen europäischen Ryder-Cup-Teams insgesamt schon auf L'Albatros absolviert. Bei den US-Amerikanern sind es gerade mal acht.

Vor der British Open in diesem Jahr machten deshalb einige US-Spieler einen Abstecher nach Frankreich, um sich schon mal einen Eindruck zu verschaffen. Ob die Eindrücke, die sie dabei gewannen, aber so hilfreich sein werden, ist zweifelhaft. Es heißt, die Franzosen hätten, als sie von dem geplanten Besuch erfuhren, rasch noch die Grüns so manipuliert, dass sie deutlich schneller waren als nun im Wettkampf.

Im Krieg, in der Liebe und offenbar auch im Ryder Cup scheinen alle Mittel erlaubt zu sein. Nach der ersten Session am Freitagvormittag sieht es aber danach aus, als müsse sich Thomas Bjørn noch ein bisschen mehr einfallen lassen als einen tückischen Platz. Nach den ersten vier Matches lag sein Team 1:3 gegen die USA zurück.

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