Ryder Cup Torrance überrascht mit ungewöhnlicher Taktik

Vor dem Abschlusstag im Ryder Cup steht es zwischen den besten Golfern Europas und der USA 8:8-Unentschieden. Um die in den Einzeln stärker eingeschätzten Amerikaner dennoch schlagen zu können, musste sich Europas Kapitän Sam Torrance eine gewiefte Taktik einfallen lassen.

Von Andreas Lampert, Birmingham


Hoffen auf ein gutes Ende für Europa: Kapitän Sam Torrance (l.) und der deutsche Golfer Bernhard Langer (r.)
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Hoffen auf ein gutes Ende für Europa: Kapitän Sam Torrance (l.) und der deutsche Golfer Bernhard Langer (r.)

Birmingham - Als Europas Ryder-Cup-Kapitän am Samstagabend seine Mannschaft vorstellte, die er für den nächsten Tag in die Einzelmatches schicken würde, wurde er gefragt, ob er später bei der Teamansprache zu ähnlichen Motivationshilfen greifen würde wie vor drei Jahren der ehemalige US-Kapitän Ben Crenshaw. Dieser hatte seine demoralisierte Mannschaft in Brookline mit einer berüchtigten Alamo-Rede, vorgetragen von dem späteren US-Präsidenten George W. Bush, zu außergewöhnlichen Taten aufgerufen, die Crenshaws Team in einem triumphalen Comeback auf dem Golfplatz umsetzte.

"Meine Jungs brauchen keine Alamo-Rede"


"Meine Jungs brauchen keine Alamo-Rede", winkte Torrance ab. "Wir haben ein paar Videos von Billy Connolly. Das genügt." Riesengelächter. Connoly ist wie Torrance Schotte und einer der beliebtesten Komiker Großbritanniens. "Connoly als Motivationshilfe? Das könnte gefährlich werden, denn wahrscheinlich werden die Europäer dann vor Lachen kaum noch Golf spielen können", meinte ein Witzbold später zu dem Scherz des europäischen Ryder-Cup-Kapitäns.

Aufmunterung konnte Europas Ryder-Cup-Team vor dem Schlusstag auf jeden Fall gebrauchen. Wie schon an den Tagen zuvor verschenkten die Europäer einige Punkte, so dass es nach den Viererwettbewerben lediglich 8 zu 8 steht, obwohl dieses Format eigentlich den Europäern liegt. Alles noch offen könnte man meinen, doch in den Einzelmatches hat das Team der USA in den letzten Jahren immer die meisten Punkte gemacht. Nur zweimal in den vergangenen elf Ryder Cups haben die Europäer am letzten Tag mehr Einzel gewonnen als die US-Golfer. Zuletzt 1995, als Europas Ryder-Cup-Team in Oak Hill, New York am letzten Tag einen Zwei-Punkte-Rückstand durch sieben Punkte in den Einzeln in einen 14,5-zu-13,5-Sieg umwandelte.

Wichtiger Punkt durch Langer und Montgomerie


Dabei hatte es am Samstag auf dem "Belfry"-Golfplatz 15 Meilen östlich von Birmingham noch gut für die Mannschaft von Torrance ausgesehen. Am Vormittag in den "Foursome"-Vierern konnten die Europäer ihren knappen Vorsprung vom Vortag gegenüber Tiger Woods & Co. verteidigen. Vor allem Bernhard Langer, der wieder an der Seite von Colin Montgomerie spielte, holte einen wichtigen Punkt im Duell gegen Scott Hoch und Scott Verplank. Auch Sergio Garcia und Lee Westwood, die gemeinsam Jim Furyk und Stewart Cink besiegten, erwiesen sich erneut als Traumpaar auf dem Golfplatz und sorgten für elektrisierende Stimmung unter den wieder einmal knapp 40.000 Zuschauern.

So war es kein Wunder, dass nach der kurzen Mittagspause auch in den Nachmittag-Vierern, die im Bestball-Modus ausgetragen wurden, zunächst alles für Europa lief. Jesper Parnevik, der erstmals bei diesem Ryder Cup eingesetzt wurde - Bernhard Langer sollte sich für die Einzel schonen -, spielte an der Seite seines schwedischen Landsmannes Niclas Fasth groß auf, und die beiden Skandinavier gingen gegen David Duval und Mark Calcavecchia bereits nach sieben Löchern mit "3 auf" in Führung. Colin Montgomerie, der sich bei diesem Ryder Cup von seiner besten Seite zeigt und offensichtlich keinerlei Rückenprobleme mehr hat, führte zusammen mit Padraig Harrington ebenfalls gegen Phil Mickelson und David Toms und auch die beiden anderen europäischen Paarungen, Garcia/Westwood (gegen Woods und David Love III) und Darren Clarke/Paul McGinley (gegen Hoch und Jim Furyk) hielten sich gut.

Wende am zehnten Loch


Konnte seine Enttäuschung nicht verbergen: Lee Westwood
AP

Konnte seine Enttäuschung nicht verbergen: Lee Westwood

Doch am zehnten Loch, über das es in der ganzen Woche schon Diskussionen gegeben hat, wendete sich das Blatt zum Vorteil der Amerikaner. 284 Meter ist dieses Par-4-Loch nur lang, für Spitzenspieler wie die Ryder-Cup-Teilnehmer mit einem Schlag zu erreichen. Weil dies jedoch ein Risikoschlag ist, da das kleine, nierenförmige Grün von Wasser und Bäumen geschützt ist, hat US-Kapitän Curtis Strange seinen Spielern empfohlen dieser Versuchung zu widerstehen und statt dessen mit einem Eisen vorzulegen. Doch als David Duval seinen Driver aus der Tasche holte und den Ball rund acht Meter neben die Fahne legte, verunsicherte dies das schwedische Duo so sehr, dass es seinen großen Vorsprung auf den zweiten neun Löchern noch verspielte. "Ich hatte mich gut gefühlt und wusste, dass Mark die sichere Variante wählen würde", erzählte Duval später, warum er zu diesem Zeitpunkt die Anweisungen seines Kapitäns nicht befolgte.

Im nächsten Flight wagten diesmal sowohl Garcia als auch Westwood diesen schwierigen Schlag über die Bäume und hatten unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Zuschauer Erfolg damit. Garcia und Westwood gingen an diesem Loch erstmals in Führung gegen Woods/Love III und es entwickelte sich ein nervenaufreibendes Duell zwischen beiden Teams. Doch die Euphorie, die dieses gewonnene Loch auslöste, wandelte sich im Verlauf der Runde in Übermut und sorgte am 17. Loch für Leichtsinnigkeit zum ungünstigsten Zeitpunkt. Garcia verfehlte seine Birdie-Putts aus kurzer Entfernung, während Love III aus zehn Metern einchippte und ausgleichen konnte. Am 18. Loch wiederholte sich dieses Trauerspiel, als Westwood zum Entsetzen der Zuschauer einen Putt aus 1,50 Metern nicht einlochen konnte und Europa eine wichtige Partie sorglos aus den Händen gab.

Wütender Garcia


Während Woods und Love jubelnd die Arme hochrissen und der bis dahin tadellos aufspielende Westwood erstarrt auf dem 18. Loch stand, versah Garcia seine Golftasche mit Tritten. Der Spanier war nicht etwa böse auf seinen Partner, sondern über sich, weil er am Loch zuvor ebenfalls Nerven zeigte und dadurch Westwood unnötig unter Druck setzte. "Solange er nicht mich tritt, soll mir das egal sein. Es ist schließlich seine Tasche", war Torrance trockener Kommentar zu diesem Ausbruch. Wenigstens gewannen Montgomerie und Harrington ihre Partie und McGinley/Clarke konnten am 18. Grün noch ausgleichen, aber der Wind war den Europäern erst einmal aus den Segeln genommen.

Besuch von Ex-Präsident Bush


Prominenter Gast: Der ehemalige US-Präsident George Bush als interessierter Beobachter
EPA/DPA

Prominenter Gast: Der ehemalige US-Präsident George Bush als interessierter Beobachter

Beste Stimmung herrschte dagegen im Lager der USA. Das Team hatte am Abend zuvor Besuch von Ex-Präsident George Bush bekommen, der zusammen mit dem englischen US-Botschafter in die Midlands gereist war, um die Partien aus nächster Nähe zu verfolgen. Strange gab sich redselig wie selten auf der Pressekonferenz und schwärmte von der Moral seiner Spieler, die wie schon am Tage zuvor auf den letzten Löchern das Blatt wenden konnten. Auch die Konstellation der Einzelmatches, die Torrance durch seine Aufstellung auslöste, bereitete dem US-Kapitän keine allzu große Sorge. "Ich weiß, was Sam in den Einzeln vorhat, doch meine Jungs wissen das auch", so Strange.

In der Tat liest sich die Aufstellung der Europäer etwas überraschend, doch die Taktik ist leicht erkennbar. Da spielt beispielsweise Parnevik im womöglich entscheidenden letzten Flight gegen Tiger Woods, und in der vorletzten Paarung muss die Nummer 119 der Weltrangliste, Phillip Price aus Wales, gegen den übermächtigen Phil Mickelson (Nummer zwei in den Worldrankings) antreten. Und der Schwede Pierre Fulke tritt in der drittletzten Paarung gegen David Love III an. "Das sind drei verschenkte Punkte", hieß es. "Ich werde wohl den Wölfen zum Fraß vorgeworfen", muss Price' befürchtet haben. Dagegen schickt Torrance seine besten Pferde im Stall (Montgomerie, Garcia, Clarke und Langer) früh auf den Platz. "Er will, dass die Europäer gleich in Führung liegen und so die restlichen Mitspieler und das Publikum mitreißen", meinte Strange das Vorhaben seines Kontrahenten durchschauen zu können. "Ich werde meine Spieler auf diese Taktik hinweisen", so der US-Kapitän. "Viele Worte werde ich nicht benötigen, denn sie wissen selbst, was zu tun ist."

Wenn der Plan von Torrance aufgeht, könnten die Partien von Woods, Mickelson und Love III bedeutungslos werden. 6,5 Punkte müssen die Europäer von den noch zwölf zu vergebenden holen, um den Ryder Cup zu gewinnen. Den USA reichen sechs zu einer erfolgreichen Titelverteidigung.

Die Einzelmatches:
Colin Montgomerie (Europa) - Scott Hoch (USA)
Sergio Garcia (Europa) - David Toms (USA)
Darren Clarke (Europa) - David Duval (USA)
Bernhard Langer (Europa) - Hal Sutton (USA)
Padraig Harrington (Europa) - Mark Calcavecchia (USA)
Thomas Björn (Europa) - Stewart Cink (USA)
Lee Westwood (Europa) - Scott Verplank (USA)
Niclas Fasth (Europa) - Paul Azinger (USA)
Paul McGinley (Europa) - Jim Furyk (USA)
Pierre Fulke (Europa) - Davis Love III (USA)
Phillip Price (Europa) - Phil Mickelson (USA)
Jesper Parnevik (Europa) -Tiger Woods (USA)


Der erste Flight schlägt gegen 12.15 (MEZ) ab. Die anderen Spiele folgen in zwölfminütigen Abständen.



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