Sägeprofi Braun Heiß aufs Holz

Er lässt es gerne krachen, kaum einer hier zu Lande kann so geschickt mit Axt und Säge umgehen wie Dirk Braun. Der Hüne ist Deutscher Meister im Sportholzfällen. Praktischerweise verdient er sein Geld als Waldarbeiter. Manchmal aber bringt Braun ein Sturm durcheinander.
Von Jürgen Bröker

Die Gründe, weshalb Dirk Braun in diesem Jahr bisher nicht so trainieren konnte, wie er sich das eigentlich vorstellt, liegen überall herum. Paradoxerweise sind es Baumstämme, die den Sportholzfäller vom regelmäßigen Training abhalten. Der Sturm Kyrill hat sie Mitte Januar dieses Jahres umgelegt, in einem Streich, tausendfach. Jetzt liegen sie im Wald und an den Hängen rund um seine Heimatstadt Winterberg. Ganze Güterzüge sind voll damit. Auf den Straßen des Sauerlands gehören mit Baumstämmen beladene Lkw zum gewohnten Bild.

Braun ist Deutscher Meister der "Stihl Timbersport Series". Aber er ist auch Waldarbeiter. Und denen hat Kyrill eine Menge Arbeit eingebrockt. "Das Holz muss aus dem Wald, bevor der Käfer kommt", sagt Braun. Deshalb kann er seine Arbeitszeit auch nicht reduzieren, um mehr Zeit fürs Training im eigenen Garten zu haben. Dort hat er sich selbst ein großes Podest gezimmert. Genug Platz, um für die insgesamt sechs Disziplinen der Holzfäller-Meisterschaften zu üben, die am kommenden Wochenende in Potsdam anstehen. Dreimal Axt, dreimal Säge - die Disziplinen sind den ehemals realen Arbeitsweisen nachempfunden. Braun ist der Titelverteidiger.

In einer Ecke hinter der Trainingsfläche stapeln sich einige Holzblöcke. Viele sind noch in weißen oder blauen Tüten verpackt. Auf einen senkrecht stehenden Block hat Braun sich das sogenannte Maul eingezeichnet. "Dieses muss ungefähr den Durchmesser des Holzblocks haben", sagt der 37-Jährige. In diesem Fall sind das gut 30 Zentimeter. Auch auf der Rückseite zeichnet er erst sein Ziel auf, dann legt er los. Immer wieder treibt er seine Axt mit wuchtigen aber gezielten Schlägen in das Holz. Zwei unten ins Maul, zwei oben. Die Schläge bilden eine Art Kreis. In nicht einmal 30 Sekunden ist der Block durch. "Das war doch schon ganz gut", sagt Braun, lacht und putzt die Axt trocken.

Braun, verheiratet, zwei Kinder, ist ein echtes Kraftpaket. Der 1,80 Meter große und 97 Kilogramm schwere Sportler wirkt so, als bräuchte er keine Axt, um die Bäume durchzuschlagen. "Die Figur kommt noch aus meiner Zeit als Bodybuilder", sagt er. In dieser Sportart war er sogar Europameister. Noch heute steht Braun jeden Morgen um fünf Uhr auf und geht vor der Arbeit in den Keller, um seine Kraftausdauer zu verbessern. Danach geht es zur Arbeit raus in den Wald.

Für ihn war es ein echter Glücksfall, dass die Deutschen Meisterschaften 2003 in Winterberg ausgetragen wurden. Man hat ihn gefragt, ob er da nicht mitmischen wollte. Auch wenn seine Frau damals noch skeptisch war, stand für ihn selbst fest, dass Sportholzfällen genau sein Ding ist. Braun fasziniert die Mischung aus Kraft und Präzision. "Gerade mit der Axt kann nicht mehr jeder umgehen. Wir haben heute ja nur Motorsägen im Einsatz", sagt er.

Sein heutiger Job hat mit Sportholzfällen gar nichts mehr zu tun. Deshalb ist der Sport auch ein Stück Nostalgie. Auch Vater und Großvater holten die Bäume noch mit Muskelkraft aus den Schonungen. Wie er waren auch sie Waldarbeiter. "Jetzt kann ich nachempfinden, wie das früher wohl war", sagt Braun. Er gilt in der Szene als Besessener, manche halten ihn für verrückt. Gerne möchte er einmal Europameister werden, zweimal war er schon Zweiter.

Als Deutscher Meister - zwölf Teilnehmer gibt es in Potsdam - wäre er für die EM Ende August in Waiblingen und die Weltmeisterschaft am 6. Oktober in Oberstdorf automatisch qualifiziert. Akribisch bereitet er sich auf die Saison vor. Den ganzen Winter feilt er an seiner Ausrüstung. Er testet verschiedene Schliffe für die Äxte. Sie müssen sich tief in das Holz treiben lassen, aber auch leicht wieder herauskommen. Eine ganze Kiste Äxte lagert in seinem Keller. Unter den Stielen stehen Zahlen mit dem Gewicht der Axt und seit wann er sie im Einsatz hat. Jede einzelne ist blank geputzt wie ein Spiegel und scharf wie eine Rasierklinge.

"Holz ist ein Naturprodukt. Auch wenn die Blöcke für die Meisterschaften aus einer Schonung kommen, sind sie doch unterschiedlich", sagt Braun. Die Profis aus Neuseeland, den USA oder Kanada, wo Sportholzfällen eine lange Tradition hat, können das Holz lesen. Sie wissen mit einem Blick sofort, welcher Axtschliff das Beil am weitesten in den Block hineintreibt. Deshalb guckt Braun sich auch bei ihnen um, versucht zu erfahren, welchen Schliff sie benutzen.

"Sportholzfällen ist sehr aufwändig", sagt er. Es koste nicht nur Zeit, sondern auch Geld, sich in Europas Spitze zu schlagen und zu sägen. Die "Hot Saw" etwa, eine umgebaute Monstersäge mit einem 62 PS starken Motor, deren Kette sich mit mehr als 240 Stundenkilometern dreht, kostet um die 6000 Euro. "Da stecken Teile aus dem Kartsport drin", sagt Braun. Das Gerät wiegt 26 Kilogramm und hat einen Auspuff wie ein Mofa. Weniger als sieben Sekunden hat Braun bei der vergangenen EM benötigt, um damit drei Scheiben aus einem 46 Zentimeter dicken Holzblock zu schneiden.

"Für mich ist das nicht nur eine Säge. Sie ist ein Teil von mir. Ich versuche sie zu verstehen", sagt Braun.

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